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9/11-Gedenken in der Corona-Krise: Wenn der Tod nicht mehr schockiert






“Tribute in Light”: 9/11-Gedenkbestrahlung in Lower Manhattan


Foto: EDUARDO MUNOZ / REUTERS

Die ersten tauchten am Tag danach auf. Bald klebten die Zettelchen überall, an Wänden, Laternen, Kiosken, Haltestellen, Telefonzellen: Suchposter mit Fotos, physiologischen Merkmalen (“braune Augen, Blutgruppe A”) und letzten Aufenthaltsorten (“Tower One, 86. Stock”) der Verschollenen, die nie nach Hause gekommen waren. Die Appelle wirkten wie stille Schreie.

“Wer hat ihn gesehen?” “Bitte melden.” “Vermisst.”

Der Tag danach: 12. September 2001, vor 19 Jahren. New York City stand noch unter dem Schock der 9/11-Anschläge. Doch die Trauma- und Trauerarbeit begann bereits – mit jenen Suchanzeigen, die Hoffnung und Horror verschmolzen und privaten Schmerz zu kollektivem Schmerz bündelten. Monatelang prägten sie das Bild der Stadt und ihre Seele.



Gedenken mit Mundschutz: Trauernde New Yorkerin am 9/11-Jahrestag

Gedenken mit Mundschutz: Trauernde New Yorkerin am 9/11-Jahrestag


Foto: ANDREW KELLY / REUTERS

Viele Poster hängen jetzt als Reliquien im 9/11-Museum. Draußen vor dem Gebäude, am einstigen Ground Zero, gedachte New York am Freitag, wie an jedem Jahrestag, der 2977 Todesopfer jener tragischen Stunden.

Doch eine neue Tragödie hing über der Zeremonie. Eine neue schwere Krise, die nun abermals radikales Umdenken erzwingt, sich aber nur indirekt offenbart – an den Schutzmasken, die die Anwesenden trugen. Fast 200.000 Amerikaner sind bisher an Covid-19 gestorben. Die Pandemie hat die USA viel schwerer getroffen als 9/11 – wobei New York City wieder am meisten leidet, mit schätzungsweise 24.000 Toten. Achtmal so viele wie am 11. September.



Zwei Tragödien, ein Gedenken: Joe Biden, Mike Bloomberg und Mike Pence am 9/11 Memorial in New York

Zwei Tragödien, ein Gedenken: Joe Biden, Mike Bloomberg und Mike Pence am 9/11 Memorial in New York


Foto: EDUARDO MUNOZ / REUTERS

“Diese Stadt zeigte der ganzen Welt die Stärke, die Bedeutung von New York City”, sagte Bürgermeister Bill de Blasio diese Woche über 2001 – und zog Parallelen zur Coronakrise: “Abermals schauen die Menschen mit großer Ehrfurcht auf diese Stadt.”

“Jeder in New York kannte jemanden, der am 11. September gestorben ist”, sagte Louise Mirrer, die Präsidentin der New-York Historical Society, der “New York Times”. “Jeder in New York kennt jemanden, der an Covid-19 gestorben ist.”

Warum ist dann heute alles so anders? Warum fällt es gerade den Amerikanern so schwer, die Corona-Opfer gleichermaßen kollektiv zu betrauern wie die Opfer von 2001? Deren Namen trieben vielen hier am Freitag wieder Tränen in die Augen. Die Pandemie-Opfer dagegen sind Statistiken, die meist nur noch schulterzuckend registriert werden.



19 Jahre Trauer: US-Sternenbanner an der 9/11-Gedenkstätte in New York

19 Jahre Trauer: US-Sternenbanner an der 9/11-Gedenkstätte in New York


Foto: SHANNON STAPLETON / REUTERS

Die USA seien heute weder zu gemeinsamer Stärke fähig noch zu gemeinsamer Trauer, schreibt Garrett Graff im Magazin “Atlantic”. Der Autor von “Und auf einmal diese Stille”, einer Oral History des 11. September, erinnert daran, dass geteiltes Leid früher eine “staatsbürgerliche Religion” gewesen sei, die das Land zusammengeschweißt habe – von der Revolution über den Bürgerkrieg und die Weltkriege bis zu jenen 102 Terrorminuten in 2001.

9/11 war ein Musterbeispiel für diese nationale Tradition – und zugleich der Moment, der sie endgültig als Illusion entzaubern würde.

Manche Bilder, Gefühle und Empfindungen von 2001 wirken bis heute nach. Der Leichengeruch. Panik und Machtlosigkeit. Die Bahren auf den Gehwegen vor den Krankenhäusern, die vergeblich auf Überlebende warteten.

Es folgten die patriotischen Rituale: Hymnen, Reden, die Mini-Nachrufe der “New York Times”. Doch schon das war nur Fassade, hinter der sich Düsteres verbarg.



Leichengeruch, Panik, Machtlosigkeit: Trümmer des World Trade Centers im September 2001

Leichengeruch, Panik, Machtlosigkeit: Trümmer des World Trade Centers im September 2001


Foto: DOUG KANTER/ AFP

Amerikas “War on Terror” kostete Hunderttausende Unschuldige das Leben – in Afghanistan, Pakistan, im Irak, im Jemen, Syrien. Die CIA folterte und tötete. Soldaten und Söldner verübten Kriegsverbrechen. In den USA wurden Muslime – und alle, die so aussahen – diffamiert und gehetzt.

Einer, der sich besonders inbrünstig an dieser Hatz beteiligte, war Donald Trump. Der log noch 2015 im Präsidentschaftswahlkampf, er habe selbst mit angesehen, wie “Tausende” Muslime den Einsturz des World Trade Centers bejubelt hätten. Und selbst diese Woche nannte er seinen Vorgänger bei einem Auftritt in Michigan “Barack Hussein Obama” – wobei er das “Hussein” dramatisch in die Länge zog, unter Buhrufen seine Anhänger.

Der Hass radierte jede gemeinsame Trauer aus. Hinzu kamen immer mehr Tragödien, Schlag auf Schlag: Naturkatastrophen, Schießereien, Rassismus, Polizeigewalt. Als sich Corona einschlich, war die Nation längst abgestumpft.



Endloser Terrorkrieg: Folgen eines Anschlags 2008 in Afghanistan

Endloser Terrorkrieg: Folgen eines Anschlags 2008 in Afghanistan


Foto: PAJHWOK/ AFP

Zumal ein Virus viel unsichtbarer ist als das visuelle Gräuel von 9/11. Als New York zum globalen Corona-Brennpunkt wurde, ließen nur die Kühllaster vor den Krankenhäusern erahnen, was sich wirklich abspielte. Statt kollektiv ist das Leid jetzt privat – und horrende einsam: Die Opfer sterben qualvoll in Quarantäne, hinter Plexiglas und fernab der Kameralinsen.

Im Mai füllte die “New York Times” vier Zeitungsseiten mit den Namen der ersten 100.000 Corona-Toten in den USA: “Ein unermesslicher Verlust.” Seither hat sich die Zahl verdoppelt, und der Verlust ist Routine geworden.

Massensterben ist von Natur aus immer schwer zu fassen. Doch Amerikas schwer begreifliche Coronakrise ist vor allem auch selbst verschuldet.



Unsichtbarer Corona-Horror: Kühllaster vor einem New Yorker Krankenhaus

Unsichtbarer Corona-Horror: Kühllaster vor einem New Yorker Krankenhaus


Foto: STEPHANIE KEITH/ AFP

Denn Millionen hier halten die Pandemie für Fake News. Zu verdanken ist das Trump: Er habe die Corona-Gefahr von Anfang an bewusst verharmlost, gestand er dem Watergate-Enthüller Bob Woodward: “Ich wollte das immer herunterspielen. Ich spiele es immer noch herunter.”

Wie viele der fast 200.000 US-Toten heute noch leben könnten, hätte Trump nicht mutwillig gelogen, ist schwer zu schätzen.

Schon vor Corona waren die USA in zwei Lager verfallen, die sich jetzt nur noch kompromissloser gegenüberstehen. Kollektive Aufwallung bebt nur noch in den Black-Lives-Matter-Protesten auf der einen Seite und den neuerdings wiederbelebten Trump-Anbetungsmessen auf der anderen.



Daumen hoch: Trump und First Lady Melania beim 9/11-Gedenken

Daumen hoch: Trump und First Lady Melania beim 9/11-Gedenken


Foto: Alex Brandon / AP

Wie unvereinbar die Fronten sind, ließ sich beim 9/11-Gedenken am Freitag beobachten. In einer tonlosen Rede appellierte Trump an Amerikas Gemeinsamkeiten, doch die leeren Worte verhallten mit seinem nächsten Wut-Tweet.

Sein Wahlkampfrivale Joe Biden, dessen Leben von Tod und Trauer geprägt ist, sprach hingegen lange mit 9/11-Hinterbliebenen. In New York City beugte er sich über eine 90-jährige Greisin im Rollstuhl, die ihm das Foto ihres verstorbenen Sohnes zeigte. “Es geht nie weg”, sagte er ihr.

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