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Afghanistan: Donald Trumps Taliban-Deal

Einen Tag nach dem 19. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 haben in der Hauptstadt von Katar erstmals direkte Friedensgespräche zwischen den Kriegsparteien in Afghanistan stattgefunden. Beide Seiten beanspruchen für sich das Unmögliche: die Regierungsführung und die Unterordnung des jeweils anderen unter das eigene politische beziehungsweise religiös-ideologische System.

Immerhin, die afghanische Regierung und die Taliban reden miteinander – und Verhandlungen beginnen üblicherweise mit Maximalforderungen. Das Morden in den Dörfern und Städten geht unterdessen weiter: Die Taliban wollen keine Feuerpause, sondern bis zuletzt Gewinne machen.  

Am Ende dürfte es zu einer Art Übergangsregierung kommen, mit einem Übergangspräsidenten. Dabei ist vollkommen unklar, ob dann noch etwas übrig sein wird von der fragilen Demokratie, den Bürger- und Frauenrechten – und wenn ja, wie viel.  

Unsichtbare Akteure am Verhandlungstisch

Im Krieg einen umfassenden Frieden zu verhandeln, ist kompliziert. Es dauert. Am Tisch sitzen nicht nur die Unterhändler der Taliban und der afghanischen Regierung, sondern noch viele weitere Akteure.

Einige von ihnen treten gar nicht offiziell auf, wie der östliche Nachbar Afghanistans. Trotzdem sitzt Pakistan unsichtbar immer mit in der ersten Reihe. Islamabad gewährt den Taliban im Kampf sicheren Rückzug auf pakistanisches Staatsgebiet. Nun fordert das Land seine Dividende ein: Pakistan will über die Taliban Einfluss nehmen auf die künftige Regierung in Kabul. Das Militär will die indische Präsenz in Afghanistan zurückdrängen oder am besten ganz beseitigt wissen. Indien und Pakistan sind bitter verfeindet. Sie führten bereits drei Kriege miteinander. Afghanistan wiederum kooperiert bisher eng mit Delhi.

Der weiße Elefant im Raum aber sind die USA. Über eine Billion Dollar hat Washington bisher in diesen längsten Krieg der amerikanischen Geschichte investiert. Tausende US-Soldaten sind in Afghanistan gefallen. Wofür? Jetzt will die Supermacht abziehen, ohne Sieg, ohne Trophäe, einfach so, damit “die Afghanen ihre Zukunft selbst entscheiden können”, wie US-Außenminister Mike Pompeo gerade in Doha sagte. Man könnte sagen, das rechnet sich nicht.

Inoffizieller Teil des Abkommens

Aufschluss gibt vielleicht ein Foto, auf dem sich der ehemalige CIA-Direktor Pompeo kürzlich in Doha entspannt lächelnd mit dem Taliban-Chefunterhändler abbilden ließ, immerhin jener Macht, die die USA nach 9/11 zu vertreiben an den Hindukusch gekommen waren.

In Kabuler Sicherheitskreisen ist die Rede von einem Gentleman’s Agreement, einer informellen Vereinbarung zwischen den USA und den Taliban, nicht schriftlich festgehalten im offiziellen Friedensvertrag. Demnach ziehen die USA ihre Kampftruppe zwar sichtbar ab. Das reduziert die Kosten und minimiert die Gefahr für die Soldaten. Doch die CIA unterhält weiterhin ihre Abhöranlagen. Washington fängt damit lückenlos die Kommunikation zwischen Moskau, Teheran, Peking und Karatschi ab.

Auch sollen die hoch entwickelten amerikanischen Waffensysteme und Munition weiter in Afghanistan lagern, in Baghram, Kabul und Kandahar. Im Krisenfall mit Iran oder China ließen sich dann binnen wenigen Tagen zahlreiche Kampftruppen ins Land bringen. Die USA verfügen sonst über keine weitere bedeutende Basis im zentralasiatischen Raum.

Sind die Taliban der bessere Partner für die USA?

Alles deutet darauf hin, dass die Taliban und die Amerikaner unter US-Präsident Donald Trump ihren “Deal” gefunden haben, erklärt ein hochrangiger Sicherheitspolitiker in Kabul dem SPIEGEL. Offiziell läuft die Zusammenarbeit unter dem Begriff der Terrorbekämpfung. Im Friedensvertrag verpflichten sich die Taliban schließlich, extremistischen Terrorgruppen nicht zu erlauben, von afghanischem Boden aus zu operieren. Da wollen die USA und die Taliban offensichtlich kooperieren.

Vor der US-Wahl am 3. November würde Trump auch gern den Durchbruch für Teil zwei präsentieren, den Friedensschluss zwischen Taliban und der Zivilgesellschaft. Nur das, wofür die westliche Allianz fast 20 Jahre gekämpft hat, wofür westliche Soldaten, Aufbauhelfer und Hunderttausende Afghanen starben, die neue Demokratie und die Menschenrechte, die Garantien für die Frauen – das alles scheint noch zu stören. Sonst steht einem schnellen Abkommen offenbar nichts mehr im Weg.

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