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Alterseinkommen in Ost und West klaffen laut DIW-Analyse weiter auseinander




Ältere Frau


Ältere Frau


Foto: Sean Gallup / Getty Images

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung haben Menschen in Westdeutschland noch immer deutlich höhere Vermögen und private Renten als im Osten. Das verfügbare Einkommen älterer Ostdeutscher erreiche seit Jahren nur rund 80 Prozent des West-Niveaus, sagte Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Grund sei, dass Löhne und Gehälter im Osten noch deutlich unter dem West-Niveau lägen und das private Vermögen in den alten Bundesländern weiter zunehme, etwa durch mehr betriebliche Altersvorsorge.

“Den heutigen Rentnerinnen und Rentnern, die vor allem in der DDR erwerbstätig waren, fehlte meist die Möglichkeit, Vermögen oder private Rentenanwartschaften aufzubauen”, heißt es in der DIW-Analyse. Vor allem sei Immobilienbesitz im Westen weiter verbreitet als im Osten. Daher werden die Alterseinkommen im Osten aus Sicht des DIW noch viele Jahre niedriger sein als im Westen.

Grundstückseigentum als Vorteil West

Die Analyse erscheint zeitgleich mit dem Bericht der Bundesregierung über den Stand der Deutschen Einheit. In ihm konstatierte der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz, dass die Wirtschaft im Osten immer noch nicht auf ein gesamtdeutsches Niveau aufgeholt habe. Der CDU-Politiker sorgt sich zudem um die Lage der Demokratie und das Erstarken des Rechtsextremismus in Ostdeutschland.

Bezogen auf die Löhne und Gehälter bekommen viele Ostdeutsche laut DIW zwar mehr Geld aus der staatlichen Rentenkasse, weil sie mehr Beitragsjahre aufweisen. Rentner im Westen könnten aber stärker von den Vermögen zehren, die sie sich über die Jahre aufgebaut haben: Vor allem der Immobilienbesitz sei im Westen weiter verbreitet.

Die Politik sollte helfen, die Ungleichheit zu verringern, fordern die Forscher. Sie könne zum Beispiel Familien fördern, die sich bisher keine eigenen vier Wände leisten könnten und helfen, Menschen im Osten aus dem Niedriglohnsektor herauszuholen. Bis sich die Lücke schließt, glaube er nicht, “dass eine Generation ausreichen wird”, sagte DIW-Forscher Geyer.

Einiges an Annäherung hat laut DIW gleichwohl schon stattgefunden. So liegen Ost und West beim Anteil der erwerbstätigen Mütter etwa nahezu gleichauf. Westdeutsche Mütter mit dem jüngsten Kind unter elf Jahren seien aber deutlich häufiger in Teilzeit tätig als Ostdeutsche.

Treuhand verkaufte produktive Firmen häufiger an den Westen

Eine weitere Hypothek, die die unterschiedlichen Lebensläufe in Ost und West beeinflusst haben kann, ist die Privatisierung der ostdeutschen Betriebe 1990. Viele von ihnen fielen damals in westdeutsche Hände. Die Treuhand verkaufte laut einer Untersuchung von Forschern vom Ifo-Institut, der Uni Brüssel sowie des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung produktivere Firmen öfter und rascher und bekam dafür mehr Geld – und übereignete sie auch häufiger westdeutschen Investoren.

“Gerade produktive DDR-Firmen blieben seltener in ostdeutschem Eigentum”, schreiben Lukas Mergele, Moritz Hennicke und Moritz Lubczyk in ihrem Bericht. “Nach Abschluss der Haupttätigkeit der Treuhand 1995 fanden sich rund 51 Prozent der Firmen, 64 Prozent der Umsätze und 68 Prozent der Arbeitsplätze aus den in der Stichprobe analysierten DDR-Staatsunternehmen in mehrheitlich westdeutscher Hand”, heißt es. Je produktiver die Unternehmen, desto höher der Anteil von Westdeutschen unter den Eignern.

Die Forscher erklären dieses Ergebnis so: “Westdeutsche Investoren verfügten zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung über einen besseren Zugang zu Finanzkapital. Sie waren erfahrener in der Führung marktwirtschaftlich orientierter Unternehmen. Darüber hinaus waren sie im Verhältnis zu Investoren aus dem Osten Deutschlands wahrscheinlich auch wirtschaftlich und politisch besser vernetzt. Bei den von der Treuhand gesetzten Kriterien waren westdeutsche Investoren also als zukünftige Unternehmenseigentümer möglicherweise besser geeignet. Aber es bleibt die Umverteilung von Firmenbesitz von Ost nach West festzuhalten.”

Zu den Vorwürfen, die Treuhand habe produktive Unternehmen abgewickelt, schreiben die Forscher: “Es gab durchaus Schließungen von produktiven Firmen. Jedoch zeigen unsere Ergebnisse, dass produktivere Unternehmen seltener geschlossen wurden.” Unter den am wenigsten produktiven Firmen hat die Treuhand weniger als 40 Prozent privatisiert. Unter den produktivsten stieg dieser Anteil auf über 70 Prozent.

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