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Amazon: Ein Mitarbeiter erzählt, warum er gegen schlechte Arbeitsbedingungen streikt

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Amazon-Mitarbeiter: “Wir sind doch Menschen, keine Roboter”

Guido Kirchner/ picture alliance

Er sei schon mal lieber zur Arbeit gegangen, sagt der Mann. Die Mindestabstände im Logistikzentrum könnten während Corona unmöglich eingehalten werden. Auch wisse er trotz Desinfektionsmittels und Mundschutzes nie, wer vor ihm den Warenscanner angefasst habe. Seit zehn Jahren arbeitet er als “Picker” für Amazon: Sein Job ist es, Waren aus den Regalen zu holen und zu scannen, bevor sie dann in die Verpackungsabteilung gehen, erklärt er. Mit Beginn der Nachtschicht zu Montag haben nach Angaben der Gewerkschaft Ver.di Hunderte Beschäftigte in mehreren Logistikzentren ihre Arbeit niedergelegt. Die Dienstleistungsgewerkschaft hatte zum Streik aufgerufen: Sie fordert mehr Arbeitssicherheit, besseren Gesundheitsschutz – und die Anerkennung der regionalen Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels.


Stefan G., 37, arbeitet seit zehn Jahren in einem Logistikzentrum von Amazon. Er hat gebeten, anonym von seinen Erfahrungen berichten zu dürfen. Dem SPIEGEL sind die Person wie auch der Name bekannt.  

“Die Welt bei Amazon ist in den vergangenen Jahren eine andere geworden. Viele Leute sind gegangen. Amazon ist ein System des Drucks – auf allen Ebenen. Am Ende trifft dieser Druck die Kleinsten: uns Arbeiter. Wir arbeiten hier ständig mit der Angst, keine Fehler machen zu dürfen. Ich habe Familie und Kinder, da möchte man seinen Job nicht riskieren.

Es geht nur darum, wie die Ware schneller zum Kunden kommt

Solange wir unsere Arbeit machen, sind wir für Amazon etwas wert – außerhalb davon interessiert es nicht, wer wir sind und was wir tun. Ich wurde vor einiger Zeit am Knie operiert, daraufhin bin ich sechs Wochen ausgefallen. Als ich zurück im Betrieb war, wurde von mir erwartet, dass ich direkt wieder funktioniere wie zuvor. An manchen Tagen muss ich bis zu 30 Kilometer durch die Hallen laufen und Waren transportieren. Wie soll das mit einem operierten Knie direkt wieder gehen? Wir sind doch Menschen, keine Roboter.

“Wir arbeiten hier ständig mit der Angst, keine Fehler machen zu dürfen”

Es kommen häufig neue Manager, die Neues probieren – und sich natürlich auch profilieren wollen und müssen. Wie körperlich anstrengend die Arbeit ist, die wir jeden Tag machen, das weiß keiner von ihnen. Wie es uns Mitarbeitern geht und welche Interessen wir haben, wird nicht gehört. Am Ende geht es nur darum, wie die Ware noch schneller zum Kunden kommt.

Ich würde gern woanders arbeiten. Ich habe 28 Urlaubstage im Jahr und bekomme 13,20 Euro brutto in der Stunde. Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt es nicht, aber einen jährlichen Bonus von 400 Euro. Hier in der Region muss ich erst mal einen ähnlichen Job finden. Ich habe eine Familie, ein Haus, muss einen Kredit abbezahlen. Da überlegt man sich zweimal, ob man den Job wechselt – auch wenn es ein Job wie dieser ist.

Ich hoffe, dass wir eine Tarifanpassung bekommen. Ich will, dass wir tariflich wie bei Einzel- und Versandhändlern bezahlt werden, nicht wie bei einem Logistikunternehmen.

Amazon ist ein riesiges Unternehmen, das in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist und Gewinne macht. Das freut uns Mitarbeiter – aber wir wollen auch daran beteiligt werden. Auf die Stimme von uns Arbeitern sollte in Zukunft mehr gehört werden, das wäre mein Wunsch.”

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