Spiegel

ATNMBL-Studie von “Mike and Maaike”: Der fahrende Wohnzimmer

atnmbl-studie-von-“mike-and-maaike”:-der-fahrende-wohnzimmer


Schönes Ding: ATNMBL

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. Wie das autonom fahrende Projekt ATNMBL – ein kleiner Wintergarten auf Rädern.






“Wo möchten Sie hin?” fragte das ATNMBL


Foto: ATNMBL

Macht Autofahren Spaß? Keiner der Anwesenden bejahte die Frage. Ist es erstrebenswert, sich jeden Tag hinters Lenkrad zu setzen, um zur Arbeit zu fahren und wieder zurück? Von niemandem im Raum kam Zustimmung. Fühlen wir uns wohl in unseren Wagen, angegurtet und auf den Verkehr konzentriert? Kopfschütteln. Am Beginn der Entwicklung des ATNMBL stand, so berichten die Designer Mike Simonian und Maaike Evers, ein Brainstorming mit den Mitarbeitern ihrer gemeinsamen Designagentur. Und schon bei dieser Besprechung zeichnete sich ab: Autos für die Zukunft müssen ganz anders sein als jene aus Vergangenheit und Gegenwart.




Dekonstruktion auf Rädern


Foto: ATNMBL

Dekonstruktion auf Rädern

So entstand das ATNMBL. Der Name ist eine Kurzform für “Autonomobile”, denn es handelt sich um ein fahrerloses Konzeptmobil für das Jahr 2040. Entstanden ist es 2009 in San Francisco, im Designbüro “Mike and Maaike”. Der Zweck: “Wir wollten mit einem alternativen Designansatz eine Diskussion darüber provozieren, was Autos in Zukunft eigentlich können und ihren Nutzern bieten sollten”, sagte Mike Simonian auf Nachfrage des Spiegel.

Die grundsätzliche Überlegung ist simpel: Wenn die Technik es zulässt, dass Autos im Jahr 2040 vollautomatisch fahren, dann gibt es keinen Grund, dass sie nach wie vor aussehen, als würden sie von Menschen gefahren. Und wenn Autos autonom fahren, werden Beschleunigung und Geschwindigkeit irrelevant, denn Straßenverkehr wird dann zu einem harmonischen, präzise aufeinander abgestimmten Fluss. Die Passagiere haben während des Transits frei verfügbare Zeit.

Automatisch fahrender Wintergarten

Deshalb sieht das ATNMBL aus wie ein Design-Wintergarten auf Rädern. Mit einem großen, C-förmigen Sofa für sieben Passagiere, mit einem Couchtisch, einem Bildschirm, verdunkelbaren, bodentiefen Seitenscheiben sowie einer Steuerung per Sprachbefehl oder Controller. Beim Einsteigen durch die seitliche Glasschiebetür stellt das ATNMBL die Frage: “Wo möchten Sie hin?” Sobald es die Antwort kennt, rollt es los. Automatisch und elektrisch. Es gibt weder Lenkrad noch Pedale und es gibt auch keinen Fahrersitz. Stattdessen gibt es eine Bar, die hinter dem Bildschirm verborgen ist.

Die Antriebstechnik wurde auf das Wesentliche reduziert. In jedem der vier Räder steckt eine E-Maschine. Die Akkus für deren Betrieb sind im Unterboden und unter dem Sofa verbaut. Auf dem Dach sind Solarzellen angebracht, die zusätzlichen Strom erzeugen. Vorn und hinten gibt es die nötigen Leuchten und mehrere Sensoren, mithilfe deren Daten die Steuereletronik das ATNMBL ans gewünschte Ziel bringt.

Lebensraum statt Stromlinienform

Während mehr als hundert Jahre lang vor allem die Geschwindigkeit und das damit einhergehende Unfallrisiko das Aussehen von Autos maßgeblich bestimmten, kappt das ATNMBL diese Tradition. Stattdessen stellt es einen mobilen Lebensraum vor. In dem man arbeiten, klönen, dösen, essen und trinken, sich unterhalten, Filme anschauen, die Aussicht genießen oder einfach nur entspannen kann. Wohlgemerkt: während der Fahrt von A nach B.

Mike Simonian sagt, die Studie ATNMBL habe unterschiedlichste Reaktionen ausgelöst. “Ein Mann schrieb uns, ehe er sich die Freiheit des Selbstfahrens nehmen lasse, müsse man die erkalteten, starren Finger seines toten Körpers vom Lenkrad lösen. Andere wiederum erklärten, sie könnten es kaum erwarten, die nervende Fahrerei über verstopfte Straßen an die Technik abzugeben.” Jedenfalls hatten Mike und Maaike ihr Ziel erreicht, eine Diskussion um die Zukunft des automobilen Individualverkehrs anzuregen. “Auch Autohersteller wie BMW, Nissan und Toyota haben sich für unseren radikal neuen Ansatz interessiert”, berichtet Simonian. “Allerdings klang das rasch wieder ab.” Die Branche steckte damals, 2009, noch mitten in der durch die Weltfinanzkrise hervorgerufenen Flaute.

Ob im Jahr 2040 Autos so ähnlich aussehen werden wie die Studie ATNMBL? “Immerhin”, sagt Simonian, “wurden inzwischen einige andere Konzeptautos vorgestellt, die ganz ähnlich gestaltet und konzipiert waren.” Und bis 2040 sind es ja noch zwanzig Jahre hin.

Icon: Der Spiegel




Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien


Foto: FCA

Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien