Spiegel

Belarus: Wie eine Urgroßmutter zur Protest-Ikone wurde

Sie steigt aus dem Zug, will zu ihrer Datscha in Domaschany, 30 Kilometer östlich von Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Es ist ein Montagmorgen Ende September, zwei Tage nach ihrer Festnahme. Nina Baginskaja trägt einen Rucksack, rollt eine Ziehkarre hinter sich her, geht durch den Wald, einen Hügel herunter, an der Wasserpumpe vorbei. Ein Nachbar ruft ihr zu:

“Nina, was macht der Kampf?”, ein älterer Mann in Jogginghose, er legt seine haarigen Unterarme auf den Zaun.

“Die haben Angst, mich mitzunehmen, Mikola! Die nehmen nur noch meine Flaggen.”

Sie spricht belarussisch, er russisch.

“Du hast irgendwo in der Zeitung gesagt, du musst Kartoffeln ernten. Ich habe nicht viele Kartoffeln bei dir gesehen.”

“Komm, ich zeig sie dir. Bei mir wächst alles, spazieren tue ich nur für die Polizei.”

“Sag mal, du bist doch eine kluge Frau, Nina. Diese Dings da in Litauen …”

“Tichanowskaja.”

“Die will doch unsere Wirtschaft ruinieren.”

Nina Baginskaja kehrt ihm den Rücken zu.