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Berlin – Aids-Mediziner soll sich an Patienten vergangen haben: Der Arzt, das Gericht und die Wahrheit

August 2020, ein Videotelefonat über WhatsApp. Der Mann hat viele Kilometer zwischen sich und sein altes Leben gebracht, er spricht aus dem Ausland. Er ist nicht nur weit weg, es sind auch Jahre vergangen. Zeit, die angeblich alle Wunden heilt.

Eine Wunde nicht.

Schon 2012 hat er Berlin verlassen. Trotzdem sitzt er jetzt in seiner Wohnung, in seinem neuen Leben, und erinnert sich genau, was ihm an einem Tag vor 13 Jahren in Berlin passiert ist – wenn man seiner eidesstattlichen Versicherung glauben darf. Oder anderen Männern, die ähnliche Geschichten erzählen. Nicht der Gegenseite, die das alles bestreitet, weshalb man besser “mutmaßlich passiert” schreibt. Am besten noch in Großbuchstaben, damit es keiner überliest. Aber dazu später.

Der Mann am Telefon war damals in den Zwanzigern, er war homosexuell, er war Patient in einer bekannten Arztpraxis für Schwule in Berlin. Mitten im Schöneberger Regenbogenkiez, wo sich Männer im “Romeo und Romeo” treffen und Fetischläden “alles” verkaufen, “was dem Spieltrieb dient”.