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Bikepacking in Transsilvanien: Und nachts heulen die Wölfe vor dem Zelt

“Es ist wirklich schade, dass Transsilvanien immer auf diese blöde Dracula-Geschichte reduziert wird”, sagt Ionut Maftei, als wir in einem Café am Stadtplatz von Sighișoara sitzen, auch bekannt als Schäßburg. Endstation unserer 24-stündigen Bahnanreise von Rosenheim über Wien und Budapest.

Wir sind zu unserer Reise aufgebrochen zu einer Zeit, als Corona für die meisten Menschen noch eine mit Limetten-Keil im Flaschenhals veredelte Biermarke war. Und als für Rumänien noch keine Reisewarnung aufgrund hoher Infektionszahlen galt. Jetzt, im Oktober, während in Deutschland die gefütterten Regenjacken ausgemottet werden, ist das Klima hier geradezu perfekt für Radreisen. Erst ab November wird es empfindlich kalt.

Früher war Ionut, ein drahtiger 42-Jähriger, bei einer Unternehmensberatung in Bukarest, heute ist er selbstständiger Bike-Guide, der auch schon mal Multimillionäre aus den USA durch die Karpaten leitet. “Irgendwann im Leben sollte man vielleicht wagen, sein Geld mit etwas zu verdienen, das einen wirklich glücklich macht. Bei mir ist es Radfahren”, erklärt er.



Gravel-Bike-Tour durch Transsilvanien: Ohne Weg, mit Ziel

Foto: Moritz Becher

Gravel-Bike-Tour durch Transsilvanien: Ohne Weg, mit Ziel

Ich hatte Ionut bei der Recherche für unseren Trip im Netz aufgespürt. Ein Glücksfall. Denn was mein radverrückter Freund Andi und ich im Kopf hatten, war keine komfortable Radwanderung, sondern eine Bikepacking-Tour durchs Gelände. Mit Schlafsack im möglichst minimalisierten Gepäck und mit Gravel Bikes, einer neuen Radkategorie, die im ersten Moment wie eine Zwangsehe aus Rennrad und Mountainbike anmutet. Eine gute Wahl für Landstriche mit wenig Asphalt und für jene, die gern etwas zügiger unterwegs sein wollen.

“Ich bin dabei”, war Ionuts knappe Antwort am Telefon, “wenn ihr mich mit Dracula-Fragen in Ruhe lasst.”

Transsilvanien liegt hufeisenförmig im Nordwesten Rumäniens, eingerahmt von den südlichen Karpaten. In das “Land hinter den Wäldern” zogen vor rund 800 Jahren Siedler aus vielen Teilen des damaligen Deutschlands, hauptsächlich aus dem Mittelrhein- und Moselgebiet, Flandern und der Wallonie, um im Gegenzug für zahlreiche Privilegien das Land zu erschließen.

Die sieben dabei gegründeten Städte, darunter auch Schäßburg, sind – vermutlich – der Grund für die Bezeichnung “Siebenbürgen”. “Dracula”, die literarische Gestalt von Bram Stoker, könnte sich auf Vlad III. Drăculea beziehen, der um 1431 angeblich in Schässburg geboren wurde. Das allerdings haben wir nicht von Ionut erfahren.

“Bleibt ruhig und fahrt weiter”

Unsere Bikepacking-Runde soll im kleinen Dorf Cund starten und enden, einmal durch die schönsten Karpaten-Orte und das möglichst wilde Dazwischen. Unsere ersten Kilometer verlaufen nicht entlang eines Trails, sondern durch hüfthohes Gras, auf Armlänge vorbei an glotzenden Kühen, über in der Herbstsonne goldgelb leuchtenden Hügelrücken. Ein erkennbarer Weg? Nope. “Genau so hatte ich mir das vorgestellt”, ruft Andi mir zu.

Dann lernen wir mit einem Schock eine der raueren Seiten dieser Idylle kennen: Eine Schafherde weidet auf der gegenüberliegenden Hügelflanke. Zäune gibt es kaum, damit die Hirten mit ihren Tieren frei durchs Land ziehen können. Dann hören wir sie, noch bevor wir sehen, wie sie auf uns zuschießen: Hütehunde. Wir sind verunsichert. “Bleibt ruhig und fahrt weiter – und nicht Richtung Schafherde”, ruft Ionut. “Die sind darauf trainiert, Eindringlinge zu melden und auf Abstand zu halten.” Da ertönt der Pfiff des Schäfers, das Bellen verstummt, wachsam verfolgen die Hunde unser Weiterziehen.

Halten wir beim ersten Ein-PS-Panjewagen mit leuchtend gelben Maiskolben auf der Ladefläche noch erstaunt an, wird das Geklapper von Hufen bald zur Normalität. Betagte, bunte Häuser säumen die Straßen. Kinder unterbrechen ihr Spiel, winken uns laut rufend zu. Von ihren Großeltern ernten wir eher zurückhaltend freundliche bis misstrauische Blicke.

Ich finde es einerseits traumhaft, diese wunderschöne Region im Sattel sitzend erfahren zu können. Gleichzeitig komme ich mir fast vor wie ein Voyeur, der sich an Dörfern erfreut, die wie Freiluftmuseen wirken. Der aber gleichzeitig leicht das harte heutige Leben ihrer Bewohner übersieht. Fast ein Viertel der Rumänen insgesamt sind von Armut bedroht – ein Prozentsatz, der sich in den vergangenen Jahren massiv verbessert hat, aber zurzeit der höchste unter den EU-Mitgliedstaaten ist.

Nach Dumbrăveni, Prod, Seleuș und Criș fahren wir schließlich am Spätnachmittag die Hauptstraße von Mălâncrav hinunter, zählen bis Hausnummer 335 und werden von Aurelia Boitor empfangen. Sie versorgt Touristen, die in einem der sanierten Gästehäuser des Dorfes unterkommen. Um die Instandsetzung und Bewirtschaftung der alten Sachsen-Häuser kümmert sich eine Stiftung, die mit EU-Geldern gefördert wird. Auch Prinz Charles hatte sich einst in die Region verliebt, besucht sie immer wieder und engagiert sich gegen den Verfall. Aurelia serviert uns Fleisch zur Vorspeise und als Hauptgang und Grießbrei als Nachspeise, Ionut übersetzt.

Im Dämmerlicht schlendern wir zur Kirchenburg von Mălâncrav. Morgen ist Erntedankfest. Die Dorfbewohner haben die Kirche festlich geschmückt und Nüsse, Äpfel, Kartoffeln, Kürbisse und Weintrauben in den Mittelgang gelegt. Etwa 160 Wehrkirchen, die seinerzeit zur Verteidigung gegen Türken- und Tataren-Einfälle erbaut wurden, sind über Siebenbürgen verteilt. Teilweise – auch dank Unesco-Weltkulturerbe-Status – in hervorragend restauriertem, teilweise aber auch in erbärmlichem Zustand.

Nachts heulen die Wölfe, tagsüber sehen wir Bärenspuren

Der nächste Morgen beginnt unfreiwillig deftig. Was ich für eine getrocknete Feige halte, entpuppt sich beim ersten Bissen als frittiertes Schweinefett. Geschmackssache – vor allem die der Einheimischen. Mit so viel Energie im System fliegen die Kilometer dahin, der Untergrund variiert von schmalen, lehmig-schlüpfrigen Trails über Schotterwege bis zu frisch asphaltierten Straßen.

In der offenen Scheune der Villa Rihuini, ein Winzerhof im Dorf Richiș, der von Jungbauer Alexandru Ghorghe Andrei und seinem Bruder betrieben wird, dürfen wir unser Nachtlager aufschlagen. Seit 2000 Jahren wird in den Hanglagen der Region Wein angebaut, bis zu 50 Meter tief ragen die Wurzeln der alten Reben in den Boden. Sorgen bereiten dem alteingesessenen Familienbetrieb die großflächigen Landkäufe durch westliche Agrarinvestoren. “Die quetschen den Boden aus, zerstören unsere kleinbäuerlichen Strukturen, ziehen nach zehn Jahren weiter – und hinterlassen eine völlig zerstörte Kulturlandschaft”, sagt Alexandru frustriert.

Manche Wege enden einfach im laubraschelnden Nichts eines Waldes. Dann geht es rollend und schiebend weiter. In der Ferne schimmern die schneebedeckten Gipfel des schroffen Făgăraș-Gebirges. Nachts hören wir im Schlafsack liegend Wölfe heulen, als säßen sie, den Kopf im Nacken, keine hundert Meter hinter dem Zaun. Tagsüber sehen frische Tatzenabdrücke auf den matschigen Pfaden – in Transsilvanien ist die Braunbären-Dichte so hoch wie nirgends sonst in Europa. Mehr Respekt jedoch habe ich vor den halbwilden Hütehunden, die uns immer wieder erschrecken.

“Kommt ihr wieder?”

Ionut

Hinter dem Ort Vișcri beginnt nun das, was Ionut uns als “nette Überraschung” angekündigt hatte: 15 Kilometer bester Flow-Trail, technisch einfach und mit Hochgeschwindigkeit flüssig (flow) fahrbar. Der explizit für Radsportler gebaute Pfad zieht sich in nicht enden wollenden Kurven mal durch junge Buchen, mal durch weit verteilte, uralte Eichen, auf und ab, bis nach Meșendorf.

In einer umgebauten alten Scheune betreiben Oana und Adi Udrea dort eine Art Lokal auf Anfrage: das Meșendorf 65. Fünf köstliche Gänge, der letzte ist fast der beste: Produkte aus der eigenen Käserei, die sie mit einem Bauern im Dorf aufgebaut haben. Das Paar hatte hoch bezahlte Jobs in Bukarest, aber irgendwann die Nase voll von der großen Stadt.

Direkt hinter dem Esstisch in ihrer zum Speisesaal umgebauten Scheune führt eine Trasse aus Kieselsteinen und Holzbalken quer durchs Gebäude. “Das ist Teil eines Mountainbike-Trails”, erklärt uns der Bike-verrückte Adi und lacht. Und der wird einmal jährlich während des Transilvania Bike Trails Race befahren, wenn es denn stattfindet. Mitten durch ihr Esszimmer.

“Kommt ihr wieder?” fragt Ionut, als wir unsere Räder nach sieben Tagen, 340 Kilometern und knapp 6000 Höhenmetern am Bahnhof von Sighișoara wieder in den Nachtzug Richtung Budapest laden. “Auf jeden Fall! Wir haben ja noch gar nicht über Dracula gesprochen”, antwortet Andi ihm.

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