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Bruce Springsteen – neues Album “Letter to you”: Im Haus der 1000 Gitarren




Rockmusiker Springsteen:


Rockmusiker Springsteen: “So vital wie noch nie in meinem Leben”


Foto: Rob DeMartin / Sony Music

Jetzt kriegt Trump Saures vom “Boss”. Dachte man, als im September die Nachricht kam, dass Bruce Springsteen, Ikone des liberalen Arbeiterklasse-Rock’n’Rolls, ein neues Album mit dem Titel “Letter to You” veröffentlichten würde. Ein Brief, so kurz vor der US-Wahl, der konnte sich doch eigentlich nur an, oder besser: gegen den Präsidenten richten. Aber eine Platte mit wütenden Anti-Trump-Hymnen, “das wäre das langweiligste Album der Welt”, sagte Springsteen im Interview mit der US-Ausgabe des “Rolling Stone“.

Man kann sich darüber streiten, ob es nicht noch langweiliger ist, in politisch bewegten Zeiten ein dezidiert nostalgisches, selbstreferentielles Album aufzunehmen. Denn der “Letter to You”, den Springsteen nun am 23. Oktober veröffentlicht, ist vor allem ein Brief an sein jüngeres Selbst – und eine Hommage an seine zur Familie gewachsene Live-Begleitung, die E Street Band, mit der er erstmals seit “Born in the U.S.A.” (1984) ein komplettes Album live im Studio eingespielt hat. Und so klingt es auch: Donnernder, opulent instrumentierter Breitwand-Rock’n’Roll mit Saxofon, Glockenspiel und Gitarren, Gitarren, Gitarren, als wären die Siebzigerjahre für diese Band nie zu Ende gegangen.

Das Verblüffende daran ist, dass es überhaupt nicht langweilig ist. Sondern mitreißend und umarmend. Und tröstlich. Und vielleicht ist das ja ein noch viel wichtigeres Statement, eminenter als politisches Kleinklein.

Springsteen, der Ende September 71 Jahre alt wurde, bewegt sich in seinem Werk ohnehin nicht mehr auf tagesaktuellen Bahnen. “The Rising” bemühte sich 2002 noch um das Aufrichten der amerikanischen Seele nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, “Magic” rechnete 2007 mit George W. Bush ab. Doch seitdem befindet sich der Rock-Veteran in einer Phase der Selbstbeschäftigung und Bestandsaufnahme. Mit “Western Stars” unternahm er 2019 ohne Beteiligung der E Street Band eine sehnsüchtige, solipsistische Reise durch Amerika mit viel Westküstenflair. Ein liebliches Update zu seinem erstem Solo-Trip “Nebraska” von 1982.

Der Protagonist in “Western Stars”, erzählt Springsteen Ende vergangener Woche in einem Zoom-Call mit europäischen Journalisten, sei der “klassische amerikanische Einzelgänger” gewesen, der auf seinem Road-Trip nach sich selbst und einer Verbindung zur Welt sucht. “Letter to You” sei nun das genaue Gegenteil: Es handele von einem Mann, der seinen Platz in einer Gemeinschaft gefunden hat, in seiner Nachbarschaft, seiner Familie und in seiner Musik.

Ein Haufen alter Männer

Illustriert wird diese neue Kuscheligkeit in einem dokumentarischen Schwarzweißfilm, der parallel zum Album auf Apple TV erscheint. Darin ist zu sehen, wie sich Springsteen und seine Band auf seiner zum Studio-Komplex samt Konzerthalle ausgebauten Farm nahe seinem Heimatort Freehold in New Jersey zu einer mehrtägigen Session einrichten.

Alle sind da: Bassist Garry Tallent, der mit Springsteen seit über 45 Jahren zusammenspielt, die Gitarristen Nils Lofgren und Steven Van Zandt, der eine schütter, der andere etwas moppelig geworden; Max Weinberg, der graue Studienrat an den Drums, die im Background singende Gattin Patti Scialfa und Pianist/Keyboarder Roy Bittan. Ein Haufen rockender alter Männer in einem engen Raum (keine Corona-Maske nirgendwo). Aber es ist rührend. Natürlich.

Der einzige Jüngere, Jake Clemons, der seinen verstorbenen Onkel Clarence am Saxofon ersetzt, nimmt offenbar in einem anderen Raum auf, zumindest suggeriert es der Filmschnitt. In den Pausen und am Abend fließt Tequila, die Stimmung ist selig. Immer wieder wird auf die Verstorbenen angestoßen: Clarence Clemons und Organist Danny Federici.

Es gehe auf dem Album und im Film um “die Codes, den ganzen Wertekatalog”, den der Springsteen-Clan über die Jahrzehnte im engen Zusammenspiel auf der Bühne und im Studio entwickelt hat. Zum ersten Mal, sagt der “Boss” dieser Patchworkfamilie im Video-Interview mit konzentriert geschlossenen Augen, handele sein Songwriting von der Musik selbst – und von der fast schon spirituellen Erfahrung, Teil einer Band zu sein.

Ein Fest für die Fans

So wird die Hymne “House of a Thousand Guitars” zum zentralen Stück auf “Letter to You”, eine schwelgende Beschwörung des Rock’n’Roll-Spirits. Hier wird die Konzerthalle, ob in der kleinen Bar oder im Stadium, zum Gotteshaus, wo die Musik nie endet und alle Sorgen zu elektrisch verstärkten Akkorden abgeschüttelt werden können. Ein Haus, sagt Springsteen im “Rolling Stone”, an dem er und seine Band seit 50 Jahren bauen. Mehr Pathos geht nicht in einem Song. Ein Fest für die Fans.

“Last Man Standing”, ähnlich hymnenhaft und ein musikalischer Verweis an den alten Gassenhauer “Glory Days”, ist das andere Schlüsselstück des Albums. Es handelt von Springsteens Erkenntnis, der letzte Überlebende seiner allerersten Band The Castiles zu sein. Deren Gitarrist George Theiss verstarb 2018. Ende der Sechzigerjahre bespielte Springsteen mit seiner Beatband die Strandbars, Tanzlokale und Mizwa-Feiern am Jersey Shore. Theiss’ Tod, sagt Springsteen, sei der Auslöser gewesen, die neuen Songs zu schreiben.



Musiker Springsteen: Jahrzehnte durchdringt er mühelos

Musiker Springsteen: Jahrzehnte durchdringt er mühelos


Foto: Rob DeMartin / Sony Music

Doch nicht alles auf “Letter to You” ist neu. In seinen Archiven schlummerten noch “viele, viele, viele, viele” Songs, die nie veröffentlicht wurden, sagt Springsteen. Drei davon, “Song to Orphans”, “Janey Needs a Shooter” und “If I Were a Priest”, alle aus der Zeit, bevor 1973 Springsteens Debüt-Album “Greetings From Asbury Park” erschien, hat er nun mit der E Street Band aufgenommen. Sie enthalten “crazy lyrics” und seien sehr “dylanesque”, wie Springsteen amüsiert zugibt. Tatsächlich zeigen sie mit ihren prallen, wortreichen Erzählungen, wie gerechtfertigt die Vergleiche mit Bob Dylan damals waren, als der Rock-Superstar noch ein junger, fiebriger Newcomer war. Damals hätte ihn diese Gegenüberstellung gestört, heute winkt er ab: “Ich bin lange genug dabei”.

Lange genug, um sich, sein Lebenswerk und seine Band mit einem Album zu feiern, das die Jahrzehnte mühelos überspringt und durchdringt: Alte und neue Songs wirken wie aus einem Guss. Wäre es Springsteens letztes Album, könnte man es als Monument einer langen Karriere setzen. Doch ans Ende denkt er trotz aller Beschäftigung mit dem Altern und dem Tod nicht. Er fühle sich so vital wie noch nie zuvor in seinem Leben, sagt er, die Band sei in Topform – und er freue sich auf die Live-Shows der kommenden Tournee, die wegen der Corona-Pandemie auf 2021 verschoben wurde.

Wer den politischen Springsteen sucht, der findet ihn, aber weniger in der Musik. Im Interview mit dem “Rolling Stone” äußert er seine Sympathie für den linken US-Politiker Bernie Sanders und sagt, es brauche “ein paar systemische Veränderungen nach links”, um das Amerika herzustellen, das ihm vorschwebt. Aber auch Joe Biden, dem zentristischen Kandidaten der Demokraten, traue er zu, “die Kraft der amerikanischen Idee” zu erneuern.

Ein Lied hatte er für dessen Kampagne dann doch noch übrig: Für den Nominierungsparteitag der Demokraten im August gab er das ewig optimistische “The Rising” frei – und tauchte im zugehörigen Videoclip selbst auf. Wer braucht da noch Songs gegen Trump?

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