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Carsharing: Deshalb floppt Autoverzicht in deutschen Städten




Ladestation für Charsharing-Fahrzeuge in Hamburg:


Ladestation für Charsharing-Fahrzeuge in Hamburg: “Wo muss der Zündschlüssel rein?”


Foto: Chris Emil Janssen / imago images

Großstädte wollen bei der Mobilitätswende vorn dabei sein. Und tatsächlich wachsen alternative Verkehrsangebote wie Car-, Bike- oder Rollersharing. Auch der öffentliche Nahverkehr ist vielerorts besser als sein Ruf.

Ganz auf das eigene Auto zu verzichten, das fällt aber auch vielen Innenstädtern nach wie vor schwer. In den meisten Großstädten wächst die Zahl der Fahrzeuge im Verhältnis zu den Einwohnerinnen sogar. Angst vor Ansteckung in der Coronakrise macht außer dem Fahrrad auch den Pkw attraktiver. In Verkehrsversuchen und Studien haben Fachleute untersucht, welches die wichtigsten Gründe dafür sind.

1) Skepsis gegenüber neuen Technologien

Neue Mobilitätsdienste scheitern häufig, weil Nutzer Berührungsängste mit neuen Verkehrsmitteln haben. Teilnehmer eines Verkehrsversuchsprojekts in Berlin sollten einen Monat lang auf den privaten Pkw verzichten, doch die Nutzer empfanden die Vielfalt der Fahrzeugtypen beim Car- und Rollersharing als verwirrend. “Wo muss der Zündschlüssel rein? Auf welcher Seite befindet sich der Kraftstofftank?” Sich in kurzer Zeit mit einem unbekannten Vehikel vertraut machen zu müssen, habe verunsichert. Bei der Aktion “Sommerflotte” wollte der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf seine Bewohner vom Auto entwöhnen. Die Teilnehmer mussten ihren eigenen Pkw am Berliner Flughafen BER abstellen. Im Gegenzug erhielten sie Gutscheine für Car-, Bike, und E-Scooter-Sharing-Flotten. Auch der Nahverkehr war Teil des Angebots.

2) Nervige Registrierung

Die Anmeldung bei vielen Mobilitätsanbietern empfinden Nutzer als unangenehm und aufwendig – auch das ergab der Versuch in Berlin. Wer ohne eigenes Auto unterwegs sein möchte, muss sich vielerorts noch für jede Plattform und für jede App separat anmelden. Für ältere Teilnehmer kann es schwierig werden, sich mit einem 40 Jahre alten Führerschein zu registrieren. Andere haben gar kein aktuelles Smartphone, um Alternativangebote zu buchen. Apps, die mehrere Angebote vereinen, sind selten. So sind in Berlin neben dem ÖPNV auch Sharinganbieter für E-Scooter, Roller, Autos und Fahrräder in der “Jelbi”-App integriert – allerdings eben nicht alle. Derzeit sind zum Beispiel nur Autos eines Carsharinganbieters direkt in der App buchbar.

3) Bequemlichkeit

Innenstädter haben es zur Arbeit, zum Sportverein oder zum Besuch bei Freunden oft nicht weit. Viele Wege ließen sich zu Fuß, mit dem Rad oder mit den Öffis erledigen. So gebe es in Berlin einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, sagt Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland. Doch viele Bürger zögen aus Bequemlichkeit weiter das eigene Auto mit Radio und Klimaanlage vor – auch wenn sie damit mitunter täglich im Stau stünden. Dieser Effekt könnte sich durch die Corona-Pandemie zusätzlich verstärken. Wer ein Auto hat, dürfte nun möglicherweise noch weniger gern auf den geschützten Raum des eigenen Pkw verzichten wollen.

4) Parkplatzprobleme

Für Teilnehmer des Berliner Verkehrsversuchs war es auch mit einem Gemeinschaftsauto schwierig, einen Stellplatz in der Nähe der Wohnung zu finden, gerade abends. Stationäres Carsharing wiederum wurde mitunter als kompliziert empfunden, weil die Abholorte zu weit von Wohnung oder Arbeitsplatz entfernt waren. Doch auf feste Stationen setzen viele Carsharinganbieter: Laut Bundesverband Carsharing war stationsbasiertes Carsharing zuletzt an 740 Orten in Deutschland verfügbar. Reine Freefloating-Angebote gab es nur in sieben Metropolen und einigen ihrer Umlandgemeinden. Dieses Problem können die Kommunen mittlerweile durch ein eigenes Schild für zusätzliche Carsharingparkplätze im öffentlichen Raum lösen. Dies ginge allerdings auf Kosten der “normalen” Parker, die mancherorts ohnehin rare Parkplätze verlieren. Mehr Parkplätze für Carsharing auszuweisen, könnte also Konflikte bringen.

5) Gepäck als Hürde

Die Kleinwagen der Carsharinganbieter mögen gute Cityflitzer sein. Bei größeren Transporten wird es jedoch eng im Kofferraum. Noch schwieriger ist es, Taschen und Koffer auf E-Bikes oder Rollern zu verstauen. Auch weitere Reisen oder Wochenendausflüge aufs Land unternehmen Großstädter lieber im Auto als mit der Bahn oder mit einem E-Scooter. Viele Menschen hätten das Gefühl, ein eigenes Auto sei notwendig, um das tägliche Leben zu meistern, heißt es in einer Studie der Technischen Universität Berlin. Tatsächlich dürfte das jedoch oft ein nur gefühltes Hindernis sein. Viele Carsharinganbieter haben mittlerweile auch größere Fahrzeuge im Angebot. Außer verschiedenen Pkw-Modellen können Kunden beispielsweise bei den Anbietern Cambio, Flinkster und Miles auch Transporter nutzen.

6) Lästige Planung

Beim Berliner Pkw-Verzichtsprojekt sahen Teilnehmer ihre Spontaneität gefährdet, insbesondere wenn sie mit Kindern unterwegs waren. Familien bekommen beim Car- oder Roller-Sharing Probleme, wenn ein zweiter Kindersitz oder Rollerhelm fehlt. Alternative Verkehrsmittel zu nutzen wurde als zeitaufwendig und schwer zu organisieren eingeschätzt.

7) Autos sind im Unterhalt relativ günstig

Während die Preise im öffentlichen Nahverkehr regelmäßig steigen, blieben die Unterhaltskosten für Privatautos (Kfz-Steuer, Spritpreise) in den vergangenen Jahren recht konstant – sieht man von der steigenden Kfz-Steuer für Neuwagen durch die Umstellung auf den neuen WLTP-Testzyklus ab. Zudem kostet Parken in den überfüllten Innenstädten nicht viel. In Berlin explodieren die Quadratmeterpreise bei Immobilien. Das Anwohnerparken auf der Straße kostet dagegen nur 10,10 Euro im Jahr. Der Verkehrsclub VCD fordert daher ein anderes Parkraummanagement in den Städten. Öffentlichen Raum zu nutzen, müsse teurer werden. Auch der Deutsche Städtetag fordert die Möglichkeit, die Gebühren deutlich anzuheben – auf bis zu 200 Euro im Jahr.

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