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“Charlie Hebdo”-Überlebender Philippe Lançon: “Nach dem Attentat trug ich zwei Jahre eine Maske”




Terroropfer Lançon:


Terroropfer Lançon: “Es kommen härtere Tage”


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Christophe Aarchambault / AFP


Die Buchmesse ist ein Ort des Diskurses. In diesem Jahr müssen wir ihn virtuell stattfinden lassen. Anstelle eines Gesprächs am Messestand haben sich Intellektuelle, Schriftstellerinnen und Schriftsteller bereit erklärt, in einem SPIEGEL-Fragebogen Auskunft zu geben. Den Anfang machte die Autorin Annie Ernaux, dann antwortete der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Jetzt folgt der französische Journalist Philippe Lançon.

Zur Person

Philippe Lançon, Jahrgang 1963, ist ein französischer Journalist und Literaturkritiker. Er arbeitet unter anderem für die linke französische Tageszeitung “Liberation” und das Satiremagazin “Charlie Hebdo”. Bei dem Terroranschlag auf “Charlie Hebdo” am 7. Januar 2015 wurde er schwer verletzt. Er verabeitete seine Erfahrungen in dem Buch “Der Fetzen”.

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

An der Oberfläche treibend, Richtung Tiefe. Wo es, abgesehen von ein paar Monstern, ruhig ist. Keine besondere Lust, wieder an die Oberfläche zu schwimmen, wo es wieder sehr aufgewühlt ist. Aber selbst auf dem Grund schmeckt das Wasser im Moment nach Blut.

Und wie empfinden Sie den Zustand ihrer Nation? Und der Welt?

Wenn Sie nach dem Zustand der Nationalstaaten fragen: Wo es diese Form gibt, finde ich derzeit vom Schlimmsten und vom Besten, je nach Land und Zeit; wo es sie nicht gibt, die schlimmste: das Gesetz der Tyrannen, der Perversen. Was den Zustand der Welt betrifft, so ermutigt der dazu, pessimistische Banalitäten zu schreiben oder zu sagen, also zu schweigen.

Corona, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – wo sehen Sie die größte Bedrohung für eine humane Gesellschaft?

Corona ist ein gefährlicher Virus, wie es schon andere gab, und die Welt geht damit besser um als in der Antike oder sogar in jüngster Zeit. Soziale Ungleichheiten hat es schon immer gegeben, und sie waren viel schlimmer als sie es jetzt sind. Ich sehe auch die Digitalisierung nicht als Bedrohung an sich: Es hängt alles davon ab, wie eine Gesellschaft sie nutzt. Nur der Klimawandel scheint mir für die gesamte Menschheit gleichzeitig neu, schrecklich und wahrscheinlich unumkehrbar zu sein. Wir leben die Fabel vom Zauberlehrling, oder, um in Deutschland zu bleiben, das Drama des faustischen Pakts.

Die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden mal die goldenen genannt, dann die roaring twenties. Welches Adjektiv fällt Ihnen für unser Jahrzehnt ein?

Die Jahre des Gebrülls.

Liberté, égalité, fraternité – welcher der drei Begriffe der Französischen Revolution braucht eine Wiederbelebung? 

Fraternité – die Brüderlichkeit. 

Und wie würden Sie es anstellen?

Ich weiß es nicht. Ich bin kein Politiker, ich bin kein Aktivist. Etwas sagt mir, dass dies vor allem ein Bildungsproblem ist. Auf andere aufzupassen, nicht der Gruppe oder dem Schlimmsten von sich selbst nachzugeben, ich denke, das kann man lernen. Durch die Entwicklung des Zweifels, die Arbeit des kritischen Denkens. Es ist der Gebrauch der Vernunft, der der Brüderlichkeit eine soziale Form geben kann.

Über welches Problem denken Sie gerade nach?

Wie werden unsere Kinder intelligenter, sensibler und offener als ihre Eltern, sodass sie einmal für eine lebenswerte Welt Verantwortung tragen.

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt?

Dostojewskis “Dämonen”, Sebalds “Austerlitz” und der “Bloc-Note” von François Mauriac. 

Vermittelt die Pandemie irgendeine Botschaft?

Eine Pandemie vermittelt Viren, keine Botschaften. 

Gibt es eine Überzeugung, der Sie seit der Jugend treu geblieben sind?

Vor mir selbst auf der Hut zu sein, besonders wenn ich über andere urteile, was mir leider immer noch allzu oft passiert.

Serien ersetzen den Roman, Podcasts die Zeitungen – würden Sie zustimmen?

Nein. So einfach ist das nicht. Eine Kunstform verschwindet nicht, sie entwickelt sich weiter. Es ist zum Beispiel möglich, dass das Genre des Fortsetzungsromans auf eine Serie anspielt oder sich zu einer entwickelt – und sich so verändert. Der Roman ist nicht mehr die dominierende Erzählform, die er einmal war: Gut für ihn!

Wie hat Corona Ihren Alltag beeinflusst?

Ich habe sechs Monate auf dem Land verbracht, ohne jemanden zu sehen, außer den Nachbarn. Das war im Dorf meiner Großeltern, wo ich den größten Teil meiner Kindheits- und Jugendurlaube verbracht habe. Corona hat es mir also ermöglicht, länger im Land meiner Kindheit zu leben, als ich jemals dort gelebt hatte. Meine Hände sind trocken und rissig wegen des Alkohols, aber es macht mir nichts aus, eine Maske zu tragen: Ich trug in den zwei Jahren nach dem Attentat vom 7. Januar 2015 eine Maske, um die Narben in meinem Gesicht vor Keimen und UV-Strahlen zu schützen. Damals war ich auf der Straße der einzige, der so etwas trug. 

Kennen Sie eine Lieblingszeile oder einen Zauberspruch, mit dem man gut durch diese Zeiten kommt?

Ich lese Gedichte, aber ich glaube nicht an Zaubersprüche. Bitten Sie mich um eine Zeile? Hier sind zwei von Ingeborg Bachmann: 

“Lösch die Lupinen! / Es kommen härtere Tage”.

Was macht Ihnen Mut?

Bach hören und morgens laufen. Abends einen guten Film sehen und Jazz hören. Noch immer lesen, schreiben und lieben können.

Aus dem Französischen von Nils Minkmar

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