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Chevrolet Camaro “Europo Hurst”: American Muscle in italienischem Maßanzug




Chevrolet-Technik in einzigartiger Hülle: Der


Chevrolet-Technik in einzigartiger Hülle: Der “Europo Hurst”-Camaro


Foto: RM Sotheby’s

Unterm Hammer: Ein Chevrolet Camaro, Baujahr 1976. Allerdings nicht irgendeiner, sondern der einzigartige “Europo Hurst”.

Warum mitbieten? Dieser Camaro sticht nicht nur aus der Masse heraus, es gibt ihn höchstwahrscheinlich nur ein einziges Mal. Doch das Auge bleibt nicht nur am Wagen hängen, weil man ihn noch nie gesehen hat. Das Design wirkt fremd, aber doch irgendwie vertraut – jeder Blickwinkel weckt eine eigene Assoziation.

Das sanft abfallende Heck erinnert an klassische Nissan-Coupés, wären da nicht die großen Glasflächen und die breiten, in drei Streifen unterteilten Rücklichter, die von einem Pontiac Firebird stammen. Vorn erinnert der Wagen mit seinen Doppelscheinwerfern und der über den Kühlergrill nach unten ragenden Front an einen Ford Capri, gewürzt mit einer Prise Alfa Romeo GTV. Die schwarze Umrandung der Front könnte dagegen von einem Lancia Beta Montecarlo stammen. Kantiger und weniger verspielt als der Serien-Camaro wirkt die Italo-Version. Außen identisch sind nur Dach, Türen und die untere Hälfte der Kotflügel.

Unter diesem Design-Potpourri steckt indes Großserientechnik aus dem General-Motors-Konzern in Form eines 347 Kubikzoll – rund 5,7 Liter – großen Achtzylinders, der 167 PS leistet sowie ein Viergang-Schaltgetriebe. Die Kraft eines US-Musclecars trifft hier also auf feinsten Turiner Karosseriebau – der diese italo-amerikanische Koproduktion gewissermaßen zum Musclecar im italienischen Maßanzug macht.

Entworfen wurde der Wagen 1976 vom italienischen Designer Pietro Frua als moderne, italienische Interpretation des Chevrolet Camaro. Frua zeigte den Wagen das erste Mal auf der Turiner Automobilausstellung im November 1976, anschließend war er in der Zeitschrift “World Cars 1977” des italienischen Automobilclubs zu sehen.



Haute Couture für den Camaro

Foto: RM Sotheby’s

Haute Couture für den Camaro

Turin galt in den Sechziger- und Siebzigerjahren als Zentrum der automobilen Haute Couture. “Die italienischen Carrozzieri bestimmen die Autokleidung wie die Pariser Modeschöpfer die Damenkonfektion”, urteilte der SPIEGEL im Jahr 1963 – und nannte neben bis heute bekannten Namen wie Bertone und Battista “Pinin” Farina auch die Designschmiede Pietro Fruas.

Im Gegensatz zu Bertone und Pininfarina ist Frua heute beinahe vergessen, dabei stammten zahlreiche Autoklassiker aus der Feder des Turiners. Neben der Hülle des ersten Maserati Quattroporte gestaltete Frua auch zahlreiche Modelle deutscher Hersteller, darunter den 2600 V8 des Dingolfinger Autoherstellers Glas, der wegen Fruas voriger Arbeit und seiner schnittigen Form den Spitznamen “Glaserati” erhielt.

Eine Serienproduktion blieb dem ungewöhnlich gestalteten Camaro im Gegensatz zum “Glaserati” jedoch verwehrt. 1977 wurde das Fahrzeug auf der “Greater New York Automobile Show” präsentiert, allerdings mit einer kleinen Modifikation: Das Dach enthielt nun sogenannte “Hurst Hatches”, vom Tuninghersteller Hurst produzierte Luken aus dunklem Glas, die entnommen werden können und dem Insassen so etwas Cabrio-Fahrgefühl ermöglichen. Gezeigt wurde der Wagen vom New Yorker Unternehmen Multi-Passenger Export, das identisch umgebaute Camaros über das General-Motors-Händlernetz und über das Verkaufsnetzwerk der Tuningfirma Hurst anbieten wollten.

Im selben Jahr schaltete “Standard Motors of Miami” Werbung, derzufolge man der alleinige Verkäufer des umgebauten Camaros war, zu einer Produktion kam es jedoch nicht. Warum, ist nicht bekannt – obwohl ein US-Car mit italienischer Designer-Hülle damals weniger abwegig war, als es heute erscheint. So wurde eine Serie des von 1957 bis 1960 hergestellten Cadillac Eldorado Brougham, einem klassischen US-Straßenkreuzer, mit dem Attribut “Built to Customer’s Specification by Pininfarina” vermarktet.

Motoren, Getriebe und Fahrgestell wurden nach Turin verschifft, dort mit einer deutlich schlichter gezeichneten Karosserie vereint und gingen anschließend zurück in die USA. Der Straßenkreuzer wurde durch diese kleine Weltreise deutlich exklusiver – und teurer. Mit 13.000 US-Dollar kostete der Pininfarina-Cadillac fast doppelt so viel wie ein “normaler” Straßenkreuzer, der bei General Motors in den USA vom Band lief.

Ob Kunden bereit gewesen wären, einen ähnlichen Preissprung bei einem Musclecar zu akzeptieren, ist mehr als fraglich. Es gab jedoch eine weitere, deutlich wahrscheinlichere Alternative zum Reimport eines umgestalteten Wagens: Die Produktion von Umbaukits, mit denen erst in den USA aus einem Serien-Camaro ein “Europo Hurst” wird. Doch auch daraus wurde nichts – und der Designer-Camaro blieb ein Einzelstück.

Zuschlag! Das Auktionshaus RM Sotheby’s versteigert den Frua-Camaro ab dem 16. September online. Erwartet wird ein Preis von rund 100.000 US-Dollar – ob das italoamerikanische Designerstück das Wert ist, liegt im Auge des Betrachters.

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