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Clemens Tönnies tritt bei Schalke 04 zurück: Abgang ohne Anstand

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Clemens Tönnies


Clemens Tönnies

Neundorf/Kirchner-Media/ imago images/Kirchner-Media


Clemens Tönnies ist nicht mehr Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Das ist eine gute Nachricht für den traditionsgeschwängerten Klub aus dem Ruhrgebiet, der lange wie kaum ein anderer Fußballverein in Deutschland für übergeordnete Werte stand.

Der Rücktritt des Fleischfabrikanten, der durch den Corona-Ausbruch in einem seiner Standorte deutschlandweit unter Druck geraten ist, kommt jedoch elf Monate zu spät. Als sich Tönnies nach seinen rassistischen Aussagen im vergangenen Juli die Chance für eine selbstbestimmte Demission bot, wählte er die Machtoption – und blieb. Das macht den Neuanfang für Schalke nun ungleich schwieriger.

Zunächst sei vorausgeschickt, dass Tönnies 2019 in erster Linie wegen seines rassistischen Ausfalls hätte zurücktreten müssen. Seine damals beim Tag des Handwerks in Paderborn getätigten Aussagen über “die Afrikaner” bedürfen keiner Wiederholung, sie waren, sind und bleiben rassistisch. Doch statt die Verantwortung zu übernehmen, handelte der königsblaue Boss im Hintergrund eine lachhafte und unehrenhafte “Strafe” aus und durfte sich sogar der Unterstützung aus Fußballkreisen sicher sein.

Tönnies kann man die Verbundenheit zu dem Klub, den viele Fans wie eine Religion in ihr Leben integriert haben, durchaus abnehmen. Diese Verbundenheit hatte aber Grenzen, denn Tönnies verkannte die Spaltung beim FC Schalke, zu der er maßgeblich beigetragen hatte. Auch wenn sich der öffentliche Protest der insgesamt sehr heterogenen Anhängerschaft im vergangenen August in Grenzen hielt, so ging doch ein Riss durch den Verein. Hier die Tönnies-Gegner, die die Werte des Klubs verraten sahen. Dort die Tönnies-Befürworter, die seine vermeintlichen Verdienste – vor allem finanzieller Art – in den Vordergrund stellten. Der Konflikt war da und durch Aussitzen nicht aus der Welt zu schaffen.

Nicht weniger wichtig: Schalke hätte vor elf Monaten ganz andere Voraussetzungen für einen kompletten – und unbelasteten – Neuanfang gehabt. Mit Jochen Schneider gab es einen neuen Sportvorstand, der sich im Abstiegskampf im Vorjahr durchaus profiliert hatte. David Wagner als Trainer zu verpflichten, war eine nachvollziehbare Entscheidung, die sportlich schnell Früchte trug. Und auch finanziell wäre die Ausgangslage für einen Tönnies-Nachfolger, wer auch immer das vor knapp einem Jahr gewesen wäre, eine bessere gewesen.

Niemand hatte den Ausbruch der Covid-19-Pandemie erahnen können, aber nun geht Schalke deutlich stärker angeschlagen in die Zukunft – sowohl finanziell als auch sportlich. Die Schulden waren schon vor Corona auf 197 Millionen Euro angewachsen, aktuelle Zahlen sind nicht bekannt. Tönnies hatte deshalb die Ausgliederung des Vereins vorangetrieben. Dagegen gibt es innerhalb der Mitgliederschaft aber großen Widerstand. Der Verein setzt vorerst auf die Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen – insgesamt kein gutes Zeichen.

Rücktrittsschreiben frei von Eigenkritik

Auch wenn der Rücktritt von Tönnies letztlich auf das Engagement vieler Fans zurückzuführen ist – am vergangenen Wochenende fand eine Kundgebung gegen den 64 Jahre alten Unternehmer und dessen Rolle im Corona-Skandal statt -, steht Schalke vor einer ungewissen Zukunft. Stellvertreter Jens Buchta wird den Aufsichtsrat vorerst führen. Wer aber weiß, wie Tönnies in den vergangenen Jahren den Aufbau einer Opposition in dem Gremium verhindert hat, kann nicht von einem unbelasteten Start ausgehen.

Und Tönnies selbst? Der hat es selbst auf den letzten Metern nicht geschafft, mit Anstand zu gehen. In der persönlichen Erklärung zur Niederlegung seines Amtes spricht Tönnies von Leidenschaft und Herzblut, von der Aufgabe, sich “voll und ganz auf mein Unternehmen” konzentrieren zu wollen, gar von einer zukunftsorientierten Neuaufstellung des Klubs. Kein Wort von eigenen Fehlern.

Trotz 19 Jahren an der Spitze des FC Schalke 04 hat Clemens Tönnies diesen Verein, und wofür er eigentlich steht, nicht wirklich verstanden.

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