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Clint-Eastwood-Film “Der Fall Richard Jewell” über das Atlanta-Attentat 1996

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Hauptdarsteller Paul Walter Hauser mit Regisseur Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu


Hauptdarsteller Paul Walter Hauser mit Regisseur Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu “Der Fall Richard Jewell”

Claire Folger/ Warner Bros.

Richard Jewells Traum war es, Polizist zu werden. Er verehrte Cops, redete wie sie, absolvierte sogar die Polizeischule. Am Ende brachte er es aber nur zum Hilfssheriff und Wachmann.

Die Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta boten dem 33-Jährigen eine neue Chance. Ein Sponsor heuerte ihn als Sicherheitsbeamten an und gab ihm die Gelegenheit, seine Leidenschaft umgeben von internationalem Publikum auszuleben.

Dann kam die Nacht zum 27. Juli 1996. Jewell arbeitete im Centennial Park, dem touristischen Herz der “Jahrhundertspiele” in Downtown Atlanta, als er unter einer Bank eine Rucksackbombe entdeckte. Dank Jewell wurden Hunderte evakuiert, bevor der Sprengsatz hochging. Zwei Menschen starben, 111 wurden verletzt, ohne Jewell hätte es sicher noch viel mehr Opfer gegeben.

Zwei Tage lang feierten sie ihn als “Helden von Atlanta”. Dann wurde Jewell vom FBI und der Lokalzeitung “Atlanta Journal-Constitution” (“AJC”) zu Unrecht beschuldigt, die Bombe selbst gelegt zu haben. Es dauerte 88 Tage, bis er entlastet wurde. 88 Tage, die sein Leben zerstörten.

Jewells Odyssee ist eine zeitlose Parabel darauf, was passieren kann, wenn man zwischen die Fronten von Justiz, Medien und einer rachsüchtigen Öffentlichkeit gerät. FBI-Karrieristen linkten Jewell, Journalisten gierten nach einem “scoop“, der Mob wollte ihn hängen sehen.

Clint Eastwood, 90, hat aus der Leidensgeschichte Jewells nun einen Film gemacht, angesichts seines Alters möglicherweise sein letzter. Still und sachdienlich in der Erzählweise ist dies dennoch ein typischer Eastwood: Misshandelter Einzelgänger gegen bösen Staat, die Ehre eines Mannes gegen die Verkommenheit eines Systems.




Szene aus


Szene aus “Der Fall Richard Jewell” mit Paul Walter Hauser (Mitte) in der Titelrolle

Warner Bros.

Man könnte auch sagen: ein Western. Nur spielt dieser Film im Atlanta der Neunzigerjahre, die einem im Nachhinein fast wie ein verlorenes Paradies vorkommen. Doch die Realität war auch damals kein Idyll: Abneigung gegen das FBI und die Medien war schon damals weit verbreitet – zumindest in diesem Fall allerdings nicht ganz unbegründet.

Leider vermischt Eastwood in “Der Fall Richard Jewell” die Realität von früher mit den Propagandaparolen von heute. Auch wenn er sich fast wortgetreu ans historische Geschehen hält, um Jewell die Ehre zu erweisen, die ihm die Welt versagt hat.

So wirkt der Film, der jetzt auch in Deutschland läuft, oft wie libertärer Agitprop, trotz fulminanter Leistungen von Paul Walter Hauser als Jewell und Kathy Bates, die als Jewells Mutter Bobi für einen Oscar nominiert wurde. Schlecht bedient dagegen ist Olivia Wilde als “AJC”-Reporterin Kathy Scruggs – eine echte Person, die bei Eastwood, als habe es #MeToo nie gegeben, wie ein wandelndes Klischee erscheint: die Journalistin, die sich mit Sex Informationen erschleicht.




Kathy Bates als Richard Jewells Mutter


Kathy Bates als Richard Jewells Mutter

Warner Bros.

Die Sommerspiele 1996 waren ein “big deal” für Atlanta, die zu der Zeit mörderischste US-Metropole, die eigens dafür zur “sichersten Stadt des Planeten” mutiert war, so prahlten jedenfalls die Behörden. Georgias Hauptstadt wollte beweisen, dass sie mehr war als schwüle Südstaatenprovinz. Sie wollte groß rauskommen, um jeden Preis.

Als einer von Tausenden Reportern, die zu den Spielen eingeflogen waren, erlebte ich diese groteske Show selbst mit. Das IOC hatte sehr viel Geld in die Sicherheitsmaßnahmen investiert, die Stadt hatte unterdessen alle Obdachlosen aus dem Zentrum verbannt. Stattdessen grinsten nun überall Hostessen.

Der neue Olympiapark mittendrin war ein Potemkinsches Dorf, das die triste Betonwüste der Downtown kaschieren sollte und zugleich als riesige Werbefläche diente, mit Festzelten für die Sponsoren. Allen voran Coca-Cola, das in Atlanta seine Zentrale hat und 40 Millionen Dollar gezahlt hatte, um sich “offizielles Erfrischungsgetränk” nennen zu dürfen.




Jon Hamm (2.v.l.) als manipulativer FBI-Agent: Ermittlungserfolg, koste es, was wolle


Jon Hamm (2.v.l.) als manipulativer FBI-Agent: Ermittlungserfolg, koste es, was wolle

Warner Bros.

Terrorangst passte da natürlich nicht ins Konzept. Doch noch am Morgen nach dem Anschlag hing der Gestank von Feuer und Rauch über dem Tatort. Der Olympiapark war über Nacht zum Kriegsschauplatz geworden, zur No-Go-Zone. Die Nationalgarde marschierte ein, US-Präsident Bill Clinton forderte die Todesstrafe für die Täter – und die Organisatoren schworen: “The games must go on.” Motto: Weiter so, aber bitte schnell.

“Die Geschichte dieser Olympischen Spiele”, sagte uns Bürgermeister Bill Campbell damals, “wird letztendlich die Geschichte einer Stadt sein, die über die Tragik triumphierte.” Atlanta, das im Bürgerkrieg abgebrannt und dann wiederauferstanden war, würde sich nicht von einer Bombe unterkriegen lassen. Die Legende musste aufrechterhalten werden, egal um welchen Preis.

Der Preis war Richard Jewell. Der schien prädestiniert für die Rolle des Sündenbocks: gutgläubig, übereifrig, naiv. Als die Rohrbombe explodierte, war er am richtigen Ort und doch am falschen. CNN interviewte ihn, der NBC-Moderator Tom Brokaw, ein Lieblingsstar seiner Mutter, nannte ihn einen Helden.




Sam Rockwell als Jewells Rechtsanwalt Watson Bryant, Nina Arianda als Bryants Assistentin Nadya: 88 Tage Odyssee


Sam Rockwell als Jewells Rechtsanwalt Watson Bryant, Nina Arianda als Bryants Assistentin Nadya: 88 Tage Odyssee

Warner Bros.

Zwei Tage später die Schlagzeile des “AJC”: “FBI vermutet, Wachmann-‘Held’ könnte Bombe gelegt haben.” CNN verlas das live, und Brokaw sagte: “Sie haben wahrscheinlich genug, um ihn sofort zu verhaften.” Jewell, so ging die Spekulation, passe ins Profil des “einsamen Wolfs”, der aus persönlichen Motiven – in diesem Fall Profilierungssucht – zum Täter werde.

Wie genau das FBI auf diese Idee kam, erschließt sich aus der für die Leinwand verkürzten Story nicht. Eastwood konzentriert sich auf einen skrupellosen – und fiktiven – FBI-Agenten (Jon Hamm) sowie einen früheren Boss Jewells, der ihn denunzierte.




Der damalige FBI-Chef Louis Freeh (hier 2012): Streit und Skandale


Der damalige FBI-Chef Louis Freeh (hier 2012): Streit und Skandale

GARY CAMERON/ REUTERS

Die Wahrheit war komplexer. Das FBI war intern zerstritten und von Skandalen geplagt. Es brauchte schnell einen Erfolg, tappte jedoch im Dunkeln. FBI-Chef Louis Freeh mischte sich persönlich in die Ermittlungen ein. Seine Agenten durchsuchten und verwanzten das Haus von Jewells Mutter, wo er wohnte, beschatteten beide und versuchten, Jewell zu einem Geständnis zu manipulieren.

Trotzdem vergötterte Jewell die FBI-Agenten, weil er so gerne sein wollte wie sie. Schließlich bestand er einen Lügendetektortest. Das FBI – das nichts gefunden hatte, um ihn festzunehmen, geschweige denn ihn anzuklagen – gab auf und musste ihn offiziell für entlastet erklären.

Doch dies ist mehr als eine Geschichte vom FBI auf Abwegen. Es ist die Geschichte eines Amerikas, in dem die Unschuldsvermutung nur bis zur ersten Eilmeldung gilt. Alle US-Medien stürzten sich auf den vermeintlichen Täter. Jewell erklagte sich später hohe Schadensersatzsummen von CNN, NBC und der “New York Post”. Nur das “AJC” zog sich aus der Affäre, indem es die Schuld dem FBI zuwies.




Szene aus


Szene aus “Der Fall Richard Jewell”: Den Medien zum Fraß vorgeworfen

Warner Bros.

“AJC”-Reporterin Kathy Scruggs hatte sich in ihrem ersten Artikel auf zwei Polizei-Informanten berufen. In Eastwoods Version prostituiert sie sich sogar für diesen Tipp: Sie streicht dem FBI-Mann übers Bein, schleppt ihn dann ab und lässt sich am nächsten Morgen in der Redaktion feiern.

Alte Sünden, neuer Streit

Nichts davon ist belegt, auch nicht in dem Buch “Suspect” oder dem “Vanity Fair”-Artikel, die dem Drehbuchautor Billy Ray, einem Spezialisten für Dokudramen (“Captain Phillips”), als Quellen dienten. Scruggs selbst kann sich nicht mehr verteidigen, sie starb 2001.

Die Kontroverse um diese eine Szene führte mit dazu, dass der Film im Dezember in den USA floppte. Das “AJC” drohte Eastwood mit Klage, Ray warf der Zeitung vor, ihre Verfehlung zu vertuschen, selbst Olivia Wilde setzte sich mit einer verpatzten Distanzierung in die Nesseln. An dem ursprünglichen Fehler der Zeitung ändert das alles freilich nicht.

Sehenswert ist “Der Fall Richard Jewell” trotzdem, allein als Würdigung eines einfachen Mannes, dem Übles zustößt. Der wahre Attentäter war ein Serienbombenleger namens Eric Rudolph, ein Cop schnappte ihn 2003 durch Zufall, ohne Hilfe des FBI. Jewell starb vier Jahre später mit nur 44 Jahren.

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