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Corona: Anja Karliczek rechnet erst im kommenden Jahr mit Impfstoff für breite Bevölkerung




Jens Spahn und Anja Karliczek: Riskante Abkürzungen bei der Corona-Impfstoffentwicklung soll es nicht geben


Jens Spahn und Anja Karliczek: Riskante Abkürzungen bei der Corona-Impfstoffentwicklung soll es nicht geben


Foto: Getty Images

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) haben bekannt gegeben, wie die für die Corona-Impfstoffforschung vom Bund bereitgestellten 750 Millionen Euro verteilt werden. Das Geld soll sowohl für die Forschung eingesetzt werden als auch für die Durchführung klinischer Studien sowie die Vorbereitung auf die Verteilung eines möglichen Impfstoffs.

Das sind die Unternehmen, die gefördert werden:

  • Die Mainzer Pharmafirma Biontech bekommt 375 Millionen Euro. Das Unternehmen arbeitet an einem sogenannten mRNA-Impfstoff. Dieser enthält Teile des Virenbauplans und soll den Körper dazu anregen, selbst Bestandteile des Virus zu produzieren, die nicht krank machen, aber das Immunsystem anregen. Dadurch – so die Theorie – wären Geimpfte auch vor einer echten Infektion mit dem Coronavirus geschützt. Bisher gibt es jedoch noch keinen Impfstoff auf dieser Basis, der beim Menschen zugelassen wurde.

  • Weitere 230 Millionen Euro erhält das Unternehmen CureVac mit Zentrale in Tübingen. Erst kürzlich war das Unternehmen an die Börse gegangen. Auch CureVac arbeitet an einem mRNA-Impfstoff. Sowohl die Impfstoff-Kandidaten von Biontech als auch CureVac werden bereits klinisch getestet, auch in Deutschland.

  • Als drittes Unternehmen soll IDT Biologika aus Dessau-Roßlau gefördert werden. Die Verhandlungen sind laut Karliczek allerdings noch nicht abgeschlossen. Deshalb ist noch nicht klar, wie viel Geld IDT Biologika bekommen wird. Das Unternehmen arbeitet an einem Vektor-Impfstoff, bei dem ungefährliche Viren Erbgutmaterial des Coronavirus transportieren. Das Huckepack-Vakzin soll dem Körper eine Infektion vorgaukeln und dadurch von einer Infektion mit dem Coronavirus schützen. Die klinische Prüfung soll in Kürze beginnen.

Karliczek geht weiterhin davon aus, dass es erst im kommenden Jahr einen Corona-Impfstoff für große Teile der Bevölkerung geben wird. Absolute Priorität habe die Sicherheit. Ein Impfstoff könne nur zur Anwendung kommen, wenn der Nutzen höher sei als die Risiken, sagte die CDU-Politikerin. “Von dieser Linie werden wir in Deutschland und Europa nicht abweichen.” Riskante Abkürzungen werde es nicht geben.

Damit spielte Karliczek wahrscheinlich auf den sogenannten “Sputnik V Impfstoff” an, der als erste Corona-Vakzine in Russland für eine breite Bevölkerung freigegeben wurde, obwohl entscheidende Studien der Phase III zur Wirksamkeit noch nicht abgeschlossen sind. US-Präsident Donald Trump hatte ebenfalls eine vorzeitige Zulassung eines Corona-Impfstoffs ins Spiel gebracht, was international für Kritik sorgte.

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, betonte, die bisherigen Forschungsergebnisse der Impfstoff-Kandidaten seien vielversprechend. Ob die Mittel auch vor einer Corona-Infektion schützen, könnten jedoch erst weitere Studien der Phase III zeigen.

Auch wenn nicht klar ist, ob und welcher Impfstoff es zur Zulassung schafft, läuft bereits die Produktion. Staaten weltweit haben mit Pharmaherstellern bereits Verträge geschlossen und sich so Millionen Dosen gesichert, auch die Europäische Union. So soll sichergestellt werden, dass ein zugelassener Impfstoff schnell zur Verfügung steht. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass die hergestellten Impfstoffe nie verabreicht werden, sollte die Vakzine es nicht zur Zulassung schaffen.

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst, wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu zehntausend Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Laut Weltgesundheitsorganisation wird weltweit in rund 170 Projekten nach einem Impfstoff gesucht. Bei 26 Projekten laufen demnach bereits Testimpfungen.

Keine Corona-Impfpflicht

“Wir setzen nicht nur auf einen Impfstoff, nicht nur auf ein Entwicklerteam und auch nicht auf nur eine Technologie, sondern wir wollen ein breites Portfolio fördern”, sagte Spahn. Mit der Förderung werde auch der Biotechnologiestandort Deutschland gestärkt.

Der CDU-Politiker betonte zudem, dass es keine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben wird. “Es wird zu einer freiwilligen Impfung kommen”, sagte Spahn. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssten sich in Deutschland demnach 55 bis 65 Prozent der Bürger impfen lassen. “Wir sind sehr, sehr zuversichtlich, dass wir das Ziel einer ausreichend hohen Impfquote freiwillig erreichen.”

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