Spiegel

Corona in der Schweiz: Starker Anstieg an Infektionen nach Jodel-Fest







Foto: [M] Getty Images / DER SPIEGEL

Noch vor wenigen Tagen schien in der Schweiz alles normal. Man diskutierte darüber, die Quarantäne-Regeln für Reiserückkehrer zu lockern, las mit leisem Schaudern über die strengen Corona-Auflagen, die in einigen deutschen Regionen eingeführt wurden, und ging am Samstagnachmittag ohne Maske in einem großen Möbelhaus einkaufen. Zumindest im Kanton Aargau, in dem, anders als im angrenzenden Kanton Zürich, beim Einkaufen keine Maskenpflicht gilt.



Frauen in Zürich

Frauen in Zürich


Foto: MANUEL GEISSER / imago images

Die Probleme schienen anderswo zu herrschen. Im Nachbarland Frankreich, in deutschen Großstädten, in den Slums von Delhi. In der Schweiz dagegen blieb man entspannt. Die Lage wurde von der Bundesstadt Bern “genau beobachtet”, jeder Kanton traf eigene Regeln, viele davon waren erstaunlich locker. Besonders in den ländlichen Kantonen, wo es nur wenige Infizierte gab, konnte das Leben fast ohne Einschränkungen weitergehen.

Die Zahlen sind explodiert

Und obgleich die Zahlen in den ersten Herbstwochen anstiegen, machte sich kaum jemand ernsthaft Sorgen. Die kantonalen Gesundheitsämter verkündeten, die Lage sei stabil, die Krankenhäuser seien gut vorbereitet, alles entspreche den Erwartungen. In den vergangenen Tagen hat sich das radikal geändert. Die Schweizer Corona-Infektionen sind innerhalb kürzester Zeit derart sprunghaft angestiegen, dass selbst die ausgeruhte “Neue Zürcher Zeitung” konstatierte: “Die gefürchtete zweite Welle ist da.”

Der Gesundheitsminister Alain Berset formulierte es schweizerisch zurückhaltend so: “Seit ungefähr einer Woche hat sich die Situation in der Schweiz schneller verschlechtert als anderswo.” Man könnte auch sagen, die Zahlen sind regelrecht explodiert. Am Freitag meldete das Land mit 3105 die bislang höchste Zahl an Neuinfektionen an einem Tag.

Am Sonntag dann die Kehrtwende: Von kommender Woche an sind Versammlungen von mehr als 15 Menschen auf öffentlichen Plätzen verboten, teilte die Regierung nach einer Sondersitzung mit. Die Maskenpflicht wird ausgeweitet vom öffentlichen Personennahverkehr auf Bahnhöfe, Flughäfen sowie Bus- und Straßenbahnhaltestellen. In öffentlichen Gebäuden muss ebenfalls ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Dies gilt auch für Geschäfte, Schulen, Kirchen und Kinos.



Gesundheitsminister Alain Berset (2.v.l.)

Gesundheitsminister Alain Berset (2.v.l.)


Foto: Marcel Bieri / dpa

Noch am Donnerstag hatte Berset offen zugegeben, wie sehr das Land von dieser Entwicklung überrascht worden ist: “Es ist erst Ende Oktober. Wir haben das schon erwartet, aber für später”, sagte er am Rande eines Treffens der Minister des Bundesrates mit Vertretern der Kantone. Warum es jetzt schon so weit ist? Berset spricht von einem “Rätsel”.

Mehr als dreizehn Prozent der Corona-Tests, die derzeit in der Schweiz durchgeführt werden, sind positiv (Stand: Freitag). Zum Vergleich: Noch Ende September waren es nur gut drei Prozent.

Viele Schweizer, die sich gerade noch fragten, wo man eigentlich noch sicher Urlaub machen kann, stehen jetzt vor einer ganz anderen Frage: Könnte es sein, dass sich die Grenzen bald von außen schließen?

Und anders als im Frühjahr, als vor allem der Kanton Tessin mit seiner Grenze zu Italien und einzelne, dicht besiedelte Städte wie Genf zu Corona-Hotspots wurden, trifft es dieses Mal nicht nur die Zentren, sondern auch die Bergregionen. 

Besonders ernst ist die Lage im innerschweizerischen Kanton Schwyz, einer Region, die sonst vor allem für schöne Seen und niedrige Steuern bekannt ist. Nun aber ist Schwyz zum Hotspot geworden: Mehr als hundert Neuinfektionen meldet der kleine Kanton täglich, in den vergangenen 14 Tagen hat das Virus dort mehr als 400 von 100.000 Einwohnern erwischt. Und auch die Nachbarkantone Uri, Nidwalden und Zug melden hohe Zahlen. Das Robert Koch-Institut hat 10 der 26 Schweizer Kantone zu Risikogebieten erklärt, darunter auch die genannten Bergregionen.

Schuld an der Misere könnte ein Jodler-Fest Ende September sein: Bei dem Musical “Uf immer und ewig” kamen an zwei Veranstaltungstagen gut 600 Personen zusammen – und wie das beim Jodeln so üblich ist, wurde laut und kräftig gesungen. Erst einige Tage nach der Veranstaltung wurde klar, dass ein Teil der Musiker auf der Bühne infiziert war und an jenen Abenden nicht nur Jodelmusik, sondern auch Viren im Publikum verbreiteten. Trotz Schutzkonzept steckten sich viele Besucher an.

Mehr zum Thema

Unterdessen spüren vor allem die lokalen Krankenhäuser die Folgen des Ausbruchs. Das Kantonsspital Schwyz hat ein Video veröffentlicht, in dem Reto Nüesch, Chefarzt der Inneren Medizin, die Situationen vor Ort als “zunehmend schlimm” bezeichnet. Das Video ist mit dramatischer Musik unterlegt, die Botschaft, die Direktorin Franziska Föllmi an die Bevölkerung richtet, ist deutlich: “Tragen Sie Masken. Machen Sie keine Feste. Wir können das sonst nicht mehr stemmen.”

Icon: Der Spiegel