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Corona-Krise: BIZ-Chefökonom Claudio Borio erwartet Firmenpleiten

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BIZ-Zentrale in Basel


BIZ-Zentrale in Basel

MARTIN RUETSCHI/ picture alliance

Mitten in Basel, nicht weit vom Bahnhof, liegt die Schaltzentrale der Finanzwelt. In einem knapp 70 Meter hohen Turm aus Stahl, Glas und Aluminium residiert dort die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Zentralbanken. Hier treffen sich in normalen Zeiten alle zwei Monate die wichtigsten Notenbanker aus der ganzen Welt, um gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit über die Lage der Weltwirtschaft zu beraten.

Der Italiener Claudio Borio ist so etwas wie das Orakel der Notenbanker. Als Leiter der Wirtschafts- und Währungsabteilung analysiert er die Lage der Weltwirtschaft – und schlägt Alarm, wenn es irgendwo gefährlich wird. So wie vor der Finanzkrise 2008, die Borio als einer der wenigen Ökonomen hat kommen sehen.

Und dieses Mal? Die Coronakrise sei “in mehrerlei Hinsicht einzigartig”, sagt Borio im Interview mit dem SPIEGEL. Es sei “die erste wirklich globale Krise”. Er erwartet zwar, dass sich die Wirtschaft vergleichsweise schnell wieder erholt. Doch die Nebenwirkungen könnten enorm sein: Es beginne nun “eine Phase, in der es darum geht, welche Unternehmen ihre Schulden tragen und bedienen können”, sagt Borio. “Regierungen und Investoren werden sich gleichermaßen der Frage stellen müssen, welche Firmen überlebensfähig sind.”

An die Regierungen appelliert Borio, in guten Zeiten die Schuldenstände niedrig halten. “Vor der Krise wurden Puffer als eine Art Luxus eingestuft – dabei sind sie essentiell”, sagt der Ökonom. “Sie wieder aufzubauen, könnte die politische Herausforderung des kommenden Jahrzehnts sein.”

Lesen Sie im Interview, wie Borio die Reaktion der Regierungen und Notenbanken auf die Coronakrise beurteilt – und warum Inflation doch noch mal zum Problem werden könnte.

SPIEGEL: Herr Borio, wie tief wird die Weltwirtschaft infolge der Corona-Pandemie abstürzen?

Borio: Ich bin zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft verhältnismäßig kontinuierlich erholen kann, wenn es keine zweite Infektionswelle gibt und die Kontaktbeschränkungen dauerhaft aufgehoben werden können. Die Leute wollen zurück zur Normalität. Wenn die Pandemie sich wieder verstärkt, werden die wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen und Arbeitsmarkt allerdings sehr viel gravierender sein.

SPIEGEL: Was unterscheidet diese Rezession von früheren, wie etwa von der großen Finanzkrise 2008?

Borio: Diese Krise ist in mehrerlei Hinsicht einzigartig. Fast alle schweren Rezessionen seit den Achtzigerjahren sind ausgelöst worden, weil Spekulationsblasen platzten und sich erhebliche Ungleichgewichte an den Finanzmärkten aufgebaut hatten. Die aktuelle Krise ist dagegen das Ergebnis gesundheitspolitischer Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Ein weiterer Unterschied zu früheren Rezessionen ist, dass es die erste wirklich globale Krise ist. Die Finanzkrise traf ja vor allem die USA und Europa, große Teile Asiens aber waren wenig betroffen.

SPIEGEL: Haben die Regierungen überreagiert auf die Pandemie?

Borio: Aus gesundheitspolitischer Sicht kann ich das Krisenmanagement nicht beurteilen. Aus ökonomischer Sicht haben die Regierungen angemessen gehandelt. Sie haben den Unternehmen geholfen, die Phase der strengen Kontaktbeschränkungen zu überstehen und liquide zu bleiben. Jetzt aber beginnt eine Phase, in der es um die Frage geht, welche Unternehmen ihre Schulden tragen und bedienen können. Regierungen und Investoren werden sich gleichermaßen der Frage stellen müssen, welche Firmen überlebensfähig sind.

SPIEGEL: War es denn in der ersten Phase richtig, uneingeschränkt zu helfen, koste es, was es wolle?

Borio: Es ist in jeder Phase der Krise wichtig, dass die Maßnahmen langfristig im Einklang mit einem nachhaltigen Staatshaushalt sind, weil sich das ansonsten später rächt. Einige Regierungen – beispielsweise in Schwellenländern – sind bereits mit wenig fiskalpolitischem Handlungsspielraum in die Krise hineingegangen. Deswegen betonen wir in unserem Jahresbericht, wie unerlässlich es ist, finanzpolitische Handlungsspielräume zu schaffen.

SPIEGEL: Auch die Zentralbanken haben schon in den vergangenen Jahren eine extrem lockere Geldpolitik verfolgt und nun erneut die Märkte mit Geld geflutet, als die Coronakrise eskalierte. War das richtig?

Borio: Ja, denn wie schon in der Finanzkrise von 2008 mussten die Zentralbanken zunächst auch hier sicherstellen, dass die Finanzmärkte reibungslos funktionieren und nicht zusammenbrechen. Wenn das Finanzsystem nicht richtig arbeitet, vervielfacht das die Probleme der Realwirtschaft. In diesem Fall waren es nicht die Banken, bei denen die Krise begann, die Pandemiefolgen trafen als erstes die Unternehmen. Das Hauptanliegen der Notenbanken war, dass die Firmen und privaten Haushalte in der Krise weiter ausreichend mit Krediten versorgt werden. In der Zukunft bringt das allerdings einige Probleme mit sich. Auch hier wird es unerlässlich sein, Handlungsspielräume wieder aufzubauen.

SPIEGEL: Sie meinen, die große Menge Geld, die Notenbanken in die Märkte gepumpt haben, könnte zu Inflation führen?

Borio: Es wird keine Inflation durch die Liquiditätszufuhr, also die Anleihekäufe, geben. Entscheidend ist nicht, wie viel Geld im System ist. Viel mehr Einfluss auf die Inflationsraten haben die Kosten der Finanzierung, also die Zinsen.

SPIEGEL: Aber die werden ebenfalls von den Notenbanken gesetzt.

Borio: Richtig. Es ist ihre Verantwortung, gegenzuhalten, wenn es Anzeichen von Inflation gibt. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird allerdings eher sinkende Inflation ein Problem werden als steigende. Wegen der teils unterbrochenen Lieferketten geht zwar das Angebot zurück, aber noch stärker sinkt infolge der Pandemie die Nachfrage. Es gibt also Überkapazitäten, was Inflation unwahrscheinlich macht.

“In den nächsten zwei bis drei Jahren wird eher sinkende Inflation ein Problem werden als steigende”

SPIEGEL: Sie sehen also keine Inflationsgefahr?

Borio: Es gibt zwei Risiken hinsichtlich der Inflationsentwicklung. Erstens könnte sich die Globalisierung umkehren, was den Unternehmen wieder die Möglichkeit geben würde, höhere Preise durchzusetzen, und den Gewerkschaften, höhere Löhne einzufordern. Zweitens werden wir es auf Jahre hinaus mit höheren Staatsschulden zu tun haben. Und das bietet für Regierungen immer einen Anreiz, auf niedrige Zinsen zu drängen und mehr Inflation zuzulassen. Deshalb ist es extrem wichtig, dass die Zentralbanken unabhängig bleiben, um ihren Auftrag erfüllen zu können.

SPIEGEL: Die lockere Geldpolitik hat doch schon jetzt gefährliche Nebenwirkungen. Ein Hochrisiko-Unternehmen wie die jetzt insolvente Firma Wirecard konnte noch im vergangenen Herbst für 0,5 Prozent Zinsen Hunderte Millionen Euro am Kapitalmarkt aufnehmen. Da stimmt doch etwas nicht.

Borio: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weist seit Jahren auf die Risiken hin, die dauerhaft niedrige Zinsen mit sich bringen. Es ist für Unternehmen leichter, zu überleben, selbst wenn sie nicht besonders gut und profitabel wirtschaften. So können Zombie-Firmen entstehen. Ein weiteres Problem ist, dass Null- oder Negativzinsen auf Dauer Banken, Versicherungen und Pensionsfonds schwächen können. Und schließlich gehen Anleger in einem solchen Umfeld eher überhöhte Risiken ein. Es kann dann immer schwieriger für die Notenbanken werden, die Zinsen anzuheben, ohne der Wirtschaft zu schaden. Das alles sind allerdings keine neuen Probleme. Die Notenbanken sind sich der Risiken bewusst. Da die Inflation im Mandat der Notenbanken von zentraler Bedeutung ist, sind allerdings auch andere Politikbereiche gefordert, um die Risiken gering zu halten.

SPIEGEL: Aber die Coronakrise könnte diese Probleme drastisch verschärfen. Schließlich haben viele Regierungen im großen Stil Hilfskredite an Unternehmen vergeben oder diese zumindest garantiert. Wie sollen die Firmen all diese Schulden bedienen?

Borio: Wenn die Moratorien und Transferzahlungen enden, die viele Regierungen den Unternehmen nun gewährt haben, dann wird man sehen, welche Firmen überlebensfähig sind und welche nicht. In dieser Phase wird es vor allem auf die Regierungen ankommen und nicht auf die Notenbanken.

SPIEGEL: Wie groß ist die Gefahr, dass sich in dieser Phase der Insolvenzen die Banken anstecken?

Borio: Die gute Nachricht ist, dass die Regierungen Banken als Teil der Lösung ansehen, anders als 2008, als die Kreditinstitute selbst Kern des Problems waren. Eine Konsequenz aus 2008 war, dass die Banken sich dickere Kapitalpolster anlegen mussten, um Verluste besser schultern zu können. Deshalb sind die Banken stärker in die Coronakrise hineingegangen.

SPIEGEL: Aber jetzt haben die Aufsichtsbehörden den Banken erlaubt, ihre Sicherheitspuffer wieder zu reduzieren, ausgerechnet in der nächsten Krise. Ist das nicht widersprüchlich?

Borio: Nein, Puffer sind dazu da, sie in einer Krise zu nutzen. Sonst verfehlen sie ihren Zweck. Auch das ist eine wichtige Lehre aus der Finanzkrise: Wenn alle sich risikoscheu verhalten und keine Kredite mehr vergeben, dann mag das für jede einzelne Bank rational sein. Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs, weil Firmen massenhaft in die Insolvenz gehen und dann wiederum die Banken mit sich reißen. Kollektiv ist so ein Verhalten also nicht sinnvoll. Deshalb ist es gut, dass das Kreditvolumen jetzt sogar wächst.

SPIEGEL: Es ist aber eine riskante Wette auf eine kräftige Erholung.

Borio: Es geht einfach darum, die Spielräume zu nutzen, die das Finanzsystem bietet. Wenn die Banken Probleme bekommen sollten, weil die Krise länger andauert, dann muss die Politik sich überlegen, ob sie noch einmal einspringt. Die öffentliche Hand sozialisiert ja schon Verluste, indem sie die Corona-Kredite an die Unternehmen garantiert. Womöglich müsste der Staat dann noch mehr Verluste tragen, um die Banken zu stabilisieren.

SPIEGEL: Wie sollen die hohen Staatsschulden infolge der Corona-Pandemie abgebaut werden? In Deutschland scheinen viele Ökonomen zu glauben, man müsse nur die Wirtschaft wieder zum Wachsen bringen und die Zinsen unter der Inflationsrate halten, dann löst sich das Problem von alleine. Ist es so einfach?

Borio: Nein, das ist es leider nicht. Nachhaltiges Wachstum ist die richtige Antwort, aber das kommt nicht von selbst. Es geht nur über strukturelle Reformen. Und da hapert es seit fast zehn Jahren. Alle anderen Arten, sich der Schulden zu entledigen, sind problematisch, sei es durch finanzielle Repression – die staatliche Einflussnahme auf Zinsen zulasten der Sparer – oder Inflation, oder durch eine Kombination von beidem. Eine weitere Alternative wären staatliche Umschuldungen. Die Erfahrung zeigt jedoch, wie schwierig das ist.

“Jede Krise verschärft die Ungleichheit. Das wird auch in dieser Krise so sein”

SPIEGEL: Strukturelle Reformen – das ist ein abstrakter Begriff. Was meinen Sie konkret?

Borio: Man muss dafür sorgen, dass die Arbeitsmärkte flexibel sind, dass der Wettbewerb auf den Gütermärkten funktioniert, dass Innovation und technologischer Fortschritt ermöglicht werden, dass die Schulden tragfähig sind und implizite steuerliche Anreize zur Verschuldung beseitigt werden. Deutschland hat in den frühen Nullerjahren vieles richtig gemacht und hat deshalb nun den Spielraum, um angemessen auf diese Krise zu reagieren.

SPIEGEL: Aber aus guten Gründen sind die Arbeitsmärkte jetzt nicht flexibel, die Leute werden über Kurzarbeit in ihren Jobs gehalten. Und der Wettbewerb wird durch Staatshilfen teilweise außer Kraft gesetzt. Ist das etwa falsch?

Borio: Nein, das war richtig für die erste Phase der Krise. Aber wir treten jetzt in eine Phase ein, wo der Staat die erwähnten Strukturreformen angehen muss, damit die Wirtschaft nachhaltig wachsen kann.

SPIEGEL: Welche gesellschaftlichen Gruppen könnten zu wirtschaftlichen Verlierern dieser Krise werden?

Borio: Jede Krise trifft die verwundbarsten Teile der Gesellschaft am härtesten und verschärft die Ungleichheit. Das wird auch in dieser Krise so sein.

SPIEGEL: Aber verschärfen nicht gerade die von Ihnen eingeforderten strukturellen Reformen die Ungleichheit?

Borio: Das kommt darauf an, wie man die Reformen gestaltet. Die Flexibilisierung von Arbeitsmärkten schmerzt oft kurzfristig, schafft aber mittelfristig neue Jobs. Wenn es um funktionierenden Wettbewerb geht, sehe ich keinen Zielkonflikt zu verteilungspolitischen Zielen.

SPIEGEL: Noch stecken die meisten Staaten mitten in der Krise. Wie sollen sie da die Handlungsspielräume und Puffer schaffen, die Sie einfordern?

Borio: Das hängt natürlich davon ab, wie die Ausgangslage in jeder einzelnen Volkswirtschaft ist. Grundsätzlich hoffe ich jedoch, dass die Staaten aus der Krisenerfahrung lernen. Vor der Krise wurden Puffer als eine Art Luxus eingestuft – dabei sind sie essentiell, in der Fiskalpolitik, in der Geldpolitik und in der Regulatorik. Sie wieder aufzubauen, könnte die politische Herausforderung des kommenden Jahrzehnts sein.

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