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Corona-Krise: Debatte über Heizpilze für Gastwirte


Gastronomie in der Coronakrise

Als Klimakiller verbannt könnten Heizpilze in der Coronakrise ein Comeback feiern. Selbst Grünen-Politiker wollen die Strahler in der Gastronomie vorübergehend wieder erlauben.




Heizpilz vor einem Restaurant in Würzburg (Archivbild)


Heizpilz vor einem Restaurant in Würzburg (Archivbild)


Foto: Daniel Karmann / dpa

Wenn Marija Mladenovska an den Herbst und Winter denkt, kommen ihr Zweifel. Seit einigen Monaten läuft ihr “Restaurant am Rosengarten” im Stadtpark Steglitz in Berlin wieder gut, die beiden großen Terrassen sind regelmäßig voll besetzt. “Viele Gäste laufen bei schönem Wetter durch den Park und essen dann bei uns oder trinken einen Kaffee”, sagt Mladenovska. 

Aber was, wenn die Tage, die Abende kühler werden? Wegen der Corona-Pandemie seien viele Gäste noch vorsichtig, wollten sich eher nicht in geschlossene Räume setzen. Deshalb sucht die Restaurant-Chefin schon nach geeigneten Wärmegeräten, die einen Aufenthalt im Freien auch dann noch angenehm machen, wenn die Temperaturen sinken.

Viele Gastronomen plagen ähnliche Sorgen wie Mladenovska. Neben elektrisch betriebenen Wärmegeräten könnten deshalb bald auch klassische Heizpilze ein Comeback feiern. In einigen Städten sind sie wegen ihrer schlechten Ökobilanz bisher noch verboten – Heizpilze werden meist mit Propangas betrieben und geben die Verbrennungswärme an die Umwelt ab. Sie stoßen aber vergleichsweise viel Kohlenstoffdioxid aus.

Nun stellt sich die Frage: Umweltschutz oder Gesundheitsschutz?

Ausgerechnet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warb kürzlich für einen Kompromiss – jener Altmaier, der am Freitag zur großen, parteiübergreifenden Klimaschutzoffensive rief. Es diene der Branche in Corona-Zeiten, wenn man es den Menschen im Herbst ermögliche, “draußen sicher zu sitzen und damit zum Bestand der Gastronomie beizutragen”, sagte Altmaier. Die “bescheidenen Energiekosten” der Heizpilze könnten klimapolitisch ausgeglichen werden. Große Unternehmen hätten für eine solche CO2-Kompensation bereits Geschäftsmodelle entwickelt. 

“Glühwein statt klimaschädlicher Heizpilze”

Gegen diesen Vorschlag regt sich Protest. “Der Vorstoß von Altmaier zeigt, dass er die Klimakrise trotz anders lautender Entschuldigungen eigenen Versäumens immer noch auf die leichte Schulter nimmt”, sagt Lorenz Gösta Beutin, klima- und energiepolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Natürlich seien Heizpilze nicht der Hauptgrund dafür, dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreiche. “Aber klar ist: Kleinvieh macht auch Mist.” Deshalb, so der Linkenpolitiker, müsse “heißer Glühwein statt klimaschädlicher Heizpilze das Motto der Saison werden”.

Überraschenderweise zeigen sich manche Grüne auf Bundesebene etwas offener. sagte: “Aus klima- und umweltpolitischen Gründen lehnen wir in Zeiten, in denen man im Restaurant oder Café im Winter ganz normal drinnen sitzen kann, den Betrieb von Heizpilzen im Außenbereich ab”, sagte Fraktionschef Anton Hofreiter. Doch in diesem Winter sei alles anders. “Daher wäre ich in dieser speziellen Ausnahmesituation und mit Blick auf den Gesundheitsschutz dafür, Verbote zeitlich befristet auszusetzen.”

Doch vor Ort stößt diese Haltung auf wenig Unterstützung in der Partei. Die Grüne Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, sagt: “Das Aufstellen von Heizpilzen ist keine Option.” Der Klimawandel schreite trotz Corona voran. “Jedes Gramm, das zusätzlich in die Luft gepustet wird, verhindert den Klimaschutz und bringt uns näher an den Rand der Katastrophe.”

Ob Heizpilze verboten sind oder nicht, bestimmen die Städte und teilweise die Bezirke. Vier Beispiele:

  • In Berlin sind Heizpilze beispielsweise in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder Charlottenburg-Wilmersdorf verboten, in anderen Stadtbezirken aber erlaubt.

  • In Hamburg müssen die Bezirke Heizpilze oder ähnliche Geräte genehmigen. Aus Umweltschutzgründen sind sie dort aber bisher meist verboten.

  • Die Stadt Tübingen mit ihrem Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat derweil die Strategie geändert. Ursprünglich waren Heizpilze für Gastronomen dort seit 2008 untersagt. Aufgrund der Coronakrise möchte die Stadt aber eine Ausnahme machen. “Es ist einfach besser, wenn die Leute draußen sitzen und das wollen sie auch”, sagt Palmer. Unter bestimmten Bedingungen werde man Heizpilze deshalb wieder zulassen.

  • In München diskutieren die Parteien im Stadtrat derzeit, wie man mit den Heizpilzen umgehen sollte. “Es ist einfach keine gute Idee, draußen die Luft zu heizen”, sagt die Grünen-Stadträtin Gudrun Lux. “Heizpilze mit Gas sind eindeutig die schlechteste Variante.” Lux will verhindern, dass die Geräte in München aufgestellt werden. Dennoch müsse man die lokale Gastronomie unterstützen. Beispielsweise mit Sitzheizungen oder einem Windschutz – zur Not auch mit Elektroheizpilzen, aber nur mit Ökostrom, sagt Lux. Die Münchner SPD, Koalitionspartner im Stadtrat, könnte sich grundsätzlich auch Heizpilze mit Gas vorstellen. “Wir favorisieren aber Heizstrahler mit Ökostrom”, sagt SPD-Stadtrat Christian Vorländer.

Es ist allerdings fraglich, ob elektrische Alternativen für das Klima besser sind als Gas-Heizpilze. Beide besitzen laut Umweltbundesamt (UBA) in etwa den gleichen CO2-Ausstoß. “Am Ende ist es dem Klima egal, wo Emissionen entstehen”, sagt Jens Schuberth vom UBA. Schließlich werde auch der Strom aus der Steckdose nur zu einem gewissen Teil aus erneuerbaren Energien gewonnen.

Die Behörde hat aber Verständnis, wenn Gaststätten angesichts der wirtschaftlichen Einbußen jetzt Heizstrahler anschaffen wollen: “Wichtig ist, dass die Heizpilze nach der Coronakrise dann nicht mehr zum Einsatz kommen”, sagt Schuberth. Denn noch immer seien Heizstrahler sehr ineffizient. Beheizt ein Restaurant seine Terrasse für eine Stunde, könnte man einen gleichgroßen Innenraum mit der gleichen Energie für etwa sechs Stunden erwärmen. 

Marija Mladenovska will ihr “Restaurant am Rosengarten” in Berlin-Steglitz für die Zukunft wohl mit einem Wintergarten ausstatten. Von der Idee mit den Heizgeräten ist sie erst einmal abgekommen. “Wir hoffen, dass in den nächsten Monaten alles so gut weiterläuft”, sagt sie. Und: Die ersten Stammgäste hätten schon für ihre Weihnachtsfeiern reserviert. Drinnen.

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