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Corona-Milliardenlöcher: Was Kliniken bei der zweiten Welle besser machen sollten

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Gesundheitsökonomisch ist Deutschland ein Vierteljahr nach Ausbruch der Coronakrise ein Paradox: Obwohl die große Pandemie ausblieb, hat sie das Gesundheitssystem Milliarden gekostet – ausgegeben als Kompensationszahlungen für den monatelangen Leerstand von Krankenhäusern, Intensivstationen und umgewidmeten Reha-Einrichtungen. Die Folge: In den Kassen der Kliniken, der Krankenkassen, des Bundes und der Länder klaffen riesige Löcher.

Denn obwohl der große Ansturm der Corona-Patienten bisher ausblieb, wurden die Präventionsmaßnahmen umgesetzt – und werden teilweise noch ausgebaut:

  • Intensivbetten werden noch immer freigehalten, wenn auch in reduziertem Umfang

  • Bis zum Ende des dritten Quartals werden Intensivkapazitäten sogar weiter aufgebaut

  • Operationen wurden monatelang verschoben, laufen zwar jetzt wieder an, aber noch immer operieren die meisten Kliniken nicht unter Volllast

  • Reha- und andere Häuser wurden zu Corona-Kliniken umgewidmet, auch wenn sie dafür völlig ungeeignet waren – und die meisten davon nie gebraucht

Welche dieser Maßnahmen waren sinnvoll und effizient – und welche nicht? Und was sollte das deutsche Gesundheitssystem bei einer zweiten Welle anders machen, damit nicht wieder solche Milliardenlöcher entstehen? Der SPIEGEL hat verschiedene Kliniken sowie Wulf-Dietrich Leber vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV) befragt, einen der führenden Klinikexperten in Deutschland.

“Was definitiv kein Fehler war, war die Ansage des Robert Koch-Instituts: Wer infiziert ist, geht nach Hause, nicht ins Krankenhaus. Die Quarantäne hat dazu geführt, dass die Krankenhäuser weitgehend infektionsfrei blieben – und leer”, sagt Leber. In den Krankenhäusern habe sich kaum jemand angesteckt, zu Hause blieben die Corona-Patienten weitgehend unter sich. Das habe so gut gewirkt, dass die Pandemie in Deutschland – bisher – nicht wirklich um sich gegriffen habe.

Planlos in die Pandemie

Ansonsten scheint Deutschland eher planlos in die Pandemie geschlittert zu sein. Ohne Katastrophenplan, dafür aber mit viel Glück – und sehr viel Geld – wurde die Katastrophe bislang verhindert. Doch diese Finanzierung des Leerstands kostet Milliarden, und zwar Woche für Woche.

Bereits Anfang April nahmen viele Krankenhäuser Kurzarbeit in Anspruch. Die weiteren Kosten listet das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) seit Anfang April auf: Demnach wurden für die Einnahmeausfälle der Krankenhäuser, die zusätzlichen Intensivbetten und die bereitgehaltenen Reha-Häuser seit Anfang April rund neun Milliarden Euro ausgezahlt.

Aus gesundheitsökonomischer Sicht hat die deutsche Reaktion auf die Corona-Pandemie drei teure Problemfelder geschaffen:

1. Die Ausgleichszahlungen für die Einnahmeausfälle der Krankenhäuser – für weiterhin freigehaltene Betten und verlegte Operationen. Kostenfaktor: rund 400 Millionen Euro pro Woche, in der Anfangszeit bis Mitte April sogar rund eine Milliarde Euro wöchentlich. Erhalten haben diese Zahlungen auch “Krankenhäuser, die nie einen Corona-Patienten behandelt haben”, sagt Leber. Dazu zählten etwa Augenkliniken, die für eventuelle Covid-19-Fälle Geld für Leerstand bekämen.

Trotz der Ausgleichszahlungen klagen viele Kliniken über Einnahmeausfälle: Denn die gezahlten Freihaltepauschalen reichen vielerorts nicht aus. “Die früher zugestandene Kompensationszahlung von 560 Euro pro nicht belegtem Bett und Tag reicht insbesondere für Uniklinika nicht aus”, schreibt eine Sprecherin des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) auf SPIEGEL-Anfrage. “Aus der Mischkalkulation aus Intensiv- und Normalbett müsste sich mindestens ein Betrag von 800 Euro ergeben, um die stationären Erlösausfälle aufzufangen.”

Zwar wurde der Satz nun auf 760 Euro erhöht, allerdings erst ab 1. Juli. Ähnlich schlecht sieht es insbesondere für Herz- und Orthopädie-Kliniken aus, die teilweise weniger als ein Viertel der geplanten OPs durchführen konnten.

Auch bei den Paracelsus-Kliniken, einem der großen privaten Klinikträger in Deutschland, seien die Umsatzeinbußen nur “zum Teil durch die Rettungsschirm-Maßnahmen der Bundesregierung kompensiert” worden, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage. Sie beziffert das Minus trotz Ausgleichszahlungen auf 10 bis 15 Prozent.

Besser sieht es dagegen für viele kleine Kliniken oder Psychiatrien aus: “Die Freihaltepauschalen in Höhe von bisher 560 Euro pro Bett und Tag sind für psychiatrische Krankenhäuser ordentlich bemessen”, schreibt ein Sprecher des psychiatrischen Krankenhauses Schloss Werneck in Bayern. Die Klinik hat keine Intensivstation, aber eine Minderbelegung zur Corona-Prävention. Doch der Geldsegen hat bald ein Ende: Denn anders als bei Unikliniken soll der Satz für Psychiatrien nicht steigen, sondern um 300 Euro gesenkt werden.

GKV-Experte Leber fordert: “Wir brauchen endlich eine umfassende Datenauswertung für die rund 600 Krankenhäuser in Deutschland, die immense Summen erhalten haben – aber keinen einzigen Corona-Patienten gesehen haben.” Denn nur auf Basis einer soliden Datengrundlage könne man effizienter für eine zukünftige Pandemie planen.

2. Die Intensivkapazitäten: Um einen besseren Überblick zu haben, gibt es immerhin seit der Coronakrise eine öffentlich zugängliche Datenbank für die Intensivkapazitäten in Deutschland – das DIVI-Intensivregister. Darin ist die Auslastung der Intensivstationen aufgeführt, beziehungsweise deren Überangebot: Rund ein Drittel bis knapp die Hälfte aller Intensivbetten in den deutschen Bundesländern ist derzeit frei und das schon länger. Benötigt wird nur ein Bruchteil davon: Der Anteil der Covid-19 Patienten pro Intensivbett liegt, je nach Bundesland, momentan bei null bis maximal 2,5 Prozent. Trotzdem sollen wegen der Coronakrise mehr Intensivkapazitäten aufgebaut werden – vorerst bis Ende September. Jedes neu aufgebaute Intensivbett wird vom Staat mit 50.000 Euro gefördert. Die Gesamtausgaben belaufen sich schon jetzt auf rund 500 Millionen Euro.

3. Die Umwidmung der Vorsorge- und Rehaeinrichtungen in Corona-Krankenhäuser. Seit zwei Monaten stünden diese Behelfskrankenhäuser zu rund einem Drittel leer, sagt Leber. Auch die Reha-Häuser erhalten noch immer beträchtliche Ausgleichszahlungen, insgesamt bisher knapp 250 Millionen Euro, weil sie viel weniger Patienten als sonst behandeln.

Doch das ist offenbar nicht genug, die Lücke sei hier noch größer als in anderen Abteilungen, schreibt eine Sprecherin der Paracelsus-Kliniken: Vor der Krise seien die Häuser der Gruppe zu 90 bis 95 Prozent ausgelastet gewesen, während der Krise teilweise nur noch zu 20 Prozent.

Trotz Milliarden fehlt das Geld

Trotz der Milliarden-Kosten scheint das Geld also nirgendwo zu reichen. Um für die nächste Welle gut gewappnet zu sein, dabei aber weniger große Löcher in die Gesundheitskassen zu reißen, fordert Experte Leber deshalb einen Katastrophenplan mit mehreren Punkten:

  • Statt Hunderte ungenutzte Intensivbetten auf Vorrat zu halten, sollte es eine Verpflichtung zum Leerräumen der Krankenhäuser binnen einer definierten Frist geben – innerhalb weniger Tage müssten also Normal- und Intensivkapazitäten freigeräumt und Operationen abgesagt werden, wo immer dies möglich ist. “Die Krankenhäuser haben gezeigt, dass das geht und zwar schnell”, sagt Leber. In jedem Fall wäre dies wirtschaftlicher, als Tausende Intensivbetten in Krankenhäusern und extra dafür angemieteten Hallen ungenutzt herumstehen zu lassen – und das Equipment regelmäßig zu überprüfen und zu erneuern

  • Lager mit ausreichend Schutzanzügen, Medikamenten und Desinfektionsmitteln anlegen

  • Eine klare Anordnung, welches Krankenhaus was macht – anstatt alle erdenklichen Krankenhäuser zu Corona-Kliniken umzuwidmen

  • Eine solide, ständig aktualisierte Datengrundlage aller Intensivbehandlungsplätze, aller Beatmungsgeräte – und aller Betten auf den Normalstationen. Während ersteres dank der DIVI-Statistik vorhanden ist, “fehlt dies für die Normalstationen noch immer”, bemängelt Leber

  • Eine Definition einer Minimal- und einer Maximalreserve für jedes Krankenhaus

Mit einem solchen Katastrophenplan wäre Deutschland nach Lebers Meinung gut aufgestellt – und würde gleichzeitig Kosten in Milliardenhöhe sparen.

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