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Corona und Reisen: Was SPIEGEL-Leser über Urlaub in der Pandemie denken

Soll ich trotz Corona verreisen? Wenn ja, wohin? Leicht getan haben sich 2020 die wenigsten mit diesen Fragen. Einst steht fest: Das Thema bewegt. Hunderte Antworten auf unseren Aufruf haben wir als Kommentare und per E-Mail erhalten. Herzlichen Dank, dass Sie die Gedanken, die Sie sich rund um den Sinn des Reisens in einer Pandemie gemacht haben, mit uns teilen.

Das waren unsere Fragen:

  • Wie wichtig ist das Reisen in andere Länder – nah oder fern?

  • Hat Corona Sie etwas gelehrt über das Gefühl, mindestens einmal im Jahr dem Alltag entfliehen zu wollen?

  • Werden Sie in Zukunft anders reisen als zuvor?

Und hier sind Ihre Antworten:

“Fernweh hat man – oder man hat es eben nicht”, schreibt uns Leserin Alexandra Bork. “Das wird auch kein Coronavirus ändern.” Die letzten Monate habe sie die Natur vor der Haustür genossen und viele neue Orte kennengelernt. “Aber all das kann eine Reise in ferne Länder nicht ersetzen.” Sich nicht ohne Maske in ein Flugzeug setzen zu dürfen und spontan für den nächsten Tag entscheiden zu können, wohin man reist, sei für Menschen mit Sehnsucht schwer zu ertragen. Bork fühlt sich wie eingesperrt. “Und es ist kein Ende in Sicht.” Zwei Nächte in Folge habe sie nun vom Reisen geträumt. “Eine Nacht war ich in Israel und die nächste in Brasilien. Es tat so gut.” Am Morgen habe sie sich gefragt, ob sie sich jetzt wohl beim Gesundheitsamt als Reiserückkehrerin melden müsse.



Corona-Sommer 2020: Die Reisefotos der SPIEGEL-Leserinnen und -Leser

Corona-Sommer 2020: Die Reisefotos der SPIEGEL-Leserinnen und -Leser

“Mein Fernweh ist ungebrochen und größer denn je”, schreibt Thomas Moritz aus Dresden. Wegen der Corona-Beschränkungen machte er dieses Jahr einen “Verlegenheitsurlaub” im Allgäu. Dort fiel ihm auf, warum er so gerne ins Ausland reist. “Die Sprachen, andere Gerüche, neue Menschen – alles, was mir auf Reisen begegnet, bringt mich aus meinem Alltagstrott heraus, triggert mein Gehirn an und lässt mich andere Perspektiven einnehmen.”

Das Allgäu sei zwar wunderschön, es gebe schier unendliche Ausflugsmöglichkeiten, schreibt Moritz, aber dennoch: “Es ist etwas anderes, ob man nun durch Ravensburg oder Lucca in der Toskana spaziert. Deutsche im Biergarten sind nun einmal anders als gut gekleidete Italiener, die in einer lauen Sommernacht auf einer Piazza Wein trinken. Bei mir laufen die Mechanismen, die in meinem Kopf für Entspannung, Neugierde und Freude sorgen, an mir bekannten Orten nicht an. Da helfen auch die vor Freude jauchzenden Kinder im Pool nicht, die insgeheim glücklich sind, nicht durch die hundertste fremde Stadt geschleift zu werden.”

“Meine Reisepläne hätten mich in diesem Jahr normalerweise nach Japan und New York geführt”, schreibt Sebastian Wuwer aus Düsseldorf. “Ich liebe Reise-Abenteuer in der Ferne, habe im Corona-Sommer 2020 aber die Erholung in der Nähe schätzen und lieben gelernt.” Fast 300 Kilometer sei er alleine auf dem Rothaarsteig und dem Natursteig Sieg gewandert und dabei kaum einem anderen Menschen begegnet, wie Wuwer sagt.

Seine schönste Erkenntnis: “Ich war nach einem Urlaub noch nie so entspannt wie in diesem Jahr. Ich habe es sehr genossen, frei von Flugplänen, Reiseprogrammen, Zeitumstellungen und dem gesammelten Stress einer Fernreise zu sein. Wie erholsam ein Urlaub ist, hängt definitiv nicht von der Länge der Anreise ab (von der Haustür bis zum Wanderstartpunkt waren es gerade einmal 90 Minuten Zugfahrt). Und deshalb steht schon jetzt fest: Auch im nächsten Jahr gehe ich wieder auf Wanderschaft in der Heimat – ganz egal, wie sich die Pandemie entwickelt.”

“Tatsächlich hat das Virus mein Fernweh gekillt”, schreibt Udo Moenikes auf die SPIEGEL-Frage. “Seit meiner frühesten Kindheit bin ich mit Eltern und Geschwistern jedes Jahr verreist. Als junger Erwachsener allein und mit Freunden dann per Fahrrad, Eisenbahn und Bus durch Europa, Afrika, Asien.” Auch mit seiner eigenen Familie war Moenikes jedes Jahr in Südeuropa unterwegs. “Damit ist Schluss. Wir bleiben zu Hause. Für das eingesparte Geld habe ich mir ein E-Bike gekauft, mit dem ich die nähere Umgebung erfahre. Gelegentlich frage ich mich, ob mir was fehlt, aber das Gegenteil ist eher der Fall. Es entstehen eine Ruhe und Ausgeglichenheit, welche ich immer woanders gesucht und nun im eigenen Garten gefunden habe.”

“Wir fühlten uns in Ägypten weitaus sicherer als in Europa”

Andreas Oerleke

Weit weg gereist ist dagegen die Familie Oerleke aus Zürich – sie verbrachte zwei Wochen im August in Hurghada. “Gebucht haben wir sehr kurzfristig, obwohl wir seit Mai wussten, dass wir nach Ägypten in die Ferien möchten”, schreibt Andreas Oerleke. Als Arzt hätte er seine Familie niemals einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Doch das Schutzkonzept, die allgemeine Lage sowie die Tatsache, dass in der Schweiz keine Reisewarnung für Ägypten besteht, hätten ihn überzeugt. “Das Hotel war nur zu 50 Prozent belegt. Wir waren die einzigen deutschsprachigen Gäste, was bei den Angestellten große Freude auslöste, da das Hotel normalerweise größtenteils mit deutschen Feriengästen belegt ist.”

Oerleke sieht auch die wirtschaftlichen Aspekte des Reisens – und die Auswirkungen von Corona auf die Menschen vor Ort. “Für die Ägypter, die unter dem Ausbleiben der deutschen Touristen massiv leiden”, sei die in Deutschland geltende Reisewarnung “nicht nachvollziehbar”. “Gemäß aller, mit denen ich gesprochen habe, wurden Hurghada, Scharm el-Scheich und Marsa Alam im Lockdown derart strikt abgeschirmt, dass es dort kaum zu Covd-19-Fällen kam. Daher haben wir uns in Ägypten weitaus sicherer gefühlt als in Europa.” Er würde sich für das Land eine teilweise Reisewarnung wünschen, bei der die touristischen Hochburgen ausgenommen werden.

Im Urlaub sei er viel getaucht, sagt Oerleke. Der Lockdown und die verminderte Touristenzahl hätten sich laut dem Tauchlehrer auch deutlich unter Wasser bemerkbar gemacht. Es sei viel mehr zu sehen gewesen als sonst.

“Wir haben am Atlantik viel Ruhe in Körper und Geist einkehren lassen”

Anika Sigl

“Der Urlaub war bitter nötig”, sagt auch Anika Sigl aus Südhessen. Sie und ihr Partner – beide in systemrelevanten Berufen tätig – hätten in den vergangenen Monaten “teilweise am Limit” gearbeitet. Also entschieden sie nach langem Überlegen, nach Frankreich zu reisen – nach Montalivet am Atlantik. “Wir mieden die obligatorischen Weingut- und Schlossbesuche, auch ein Trip nach Bordeaux kam für uns nicht infrage.”

Gewohnt hat das Paar in einem kleinen Chalet in einer Campinganlage. “Dort konnten wir viel Ruhe in Körper und Geist einkehren lassen.” Als die Region Nouvelle-Aquitaine dann im September doch noch zum Risikogebiet erklärt wurde, war klar, dass der Urlaub mit einem Coronatest enden würde. Er war negativ.

Und nach Corona? Wie SPIEGEL-Leser künftig reisen wollen

“Der Tourismus zerstört das, was er sucht, in dem er es findet.” Natürlich kenne er Hans Magnus Enzensbergers Kritik, schreibt uns Walter Hahn, 60, aus Köln. Die Gili-Inseln vor der indonesischen Insel Lombok zum Beispiel habe er noch erlebt, bevor dort der Massentourismus begann. “Hätte ich es verhindern können, indem ich nicht dorthin gereist wäre?” Hahn glaubt, dass Corona solche Orte nun zwingen könnte, sich wieder zu verändern. “Erste Anzeichen für ein Umdenken der Verantwortlichen vor Ort, den Tourismus nachhaltiger zu machen und auch davon unabhängiger zu werden, gibt es.”

Hahn reist in einem “normalen” Jahr mindestens zweimal. “Fast immer sind es zwei- bis dreiwöchige Fernreisen nach Mittel- oder Südamerika, in die Karibik oder nach Südostasien. Schon vor Corona war mir bewusst, wie sehr diese Flugreisen meinen CO2-Fußabdruck vergrößern. Sonst lebe ich eher umweltbewusst, besitze kein Auto, fahre mit Bahn und Fahrrad, ernähre mich überwiegend vegetarisch und vegan.” In Zukunft will er wieder weltweit reisen. “Mein Fernweh ist so groß.”

“Frühbucher werden wir nun erst mal nicht mehr sein”

Kristin Scherf

“Urlaub auf Balkonien ist für uns kein Urlaub”, sagt Kristin Scherf. Sie erkundet zwar im Herbst gerne ihre Heimat – es gebe hier ja viele schöne Ecken. “Aber Deutschland ist für uns im Sommer nur eine Notlösung. Im Sommer bedeutet Urlaub für uns: mediterranes Essen und südeuropäisches Flair.” Also stand bereits seit einem Jahr das Reiseziel fest: Madeira. Berge und Meer, Wandern, Baden und Tauchen.

“Wir haben es nicht bereut: Die Hygienekonzepte haben überzeugt, wir konnten uns an die Abstände halten, und es gab – anders als in Deutschland – kein Gemecker über die Maskenpflicht.” Der Süden – er ist für Leserin Scherf weiter erste Wahl. Aber etwas hat sich verändert: “Frühbucher werden wir nun erst mal nicht mehr sein. Sollte man nächstes Jahr ein Ziel im Süden ohne Quarantäne ansteuern können, werden wir uns bestimmt last minute dafür entscheiden.”

Urlaub in Deutschland – eine Chance?

“Ich interessiere mich sehr für Geschichte, Architektur und andere Kulturen”, schreibt uns Marc Bellmann. “Normalerweise besuche ich einmal im Monat ein Land in der näheren Umgebung sowie eine Region in Asien oder Afrika.” Nicht am Hotelpool zu entspannen, sondern wirklich dem Alltag zu entfliehen – darum gehe es ihm. Und um Länderpunkte.

Die sammelt Bellmann nämlich – ein “verrücktes Hobby”, wie er selbst sagt. Da das aber derzeit nicht so einfach möglich ist, versuche er, dieses Jahr alle deutschen Bundesländer zu bereisen. “Ich bin auf einem guten Weg.” Im Sommer habe er eine Radtour von Sachsen an die Ostsee gemacht – der Plan, nach Brasilien zu fliegen, war geplatzt. Fest steht für ihn: “Sobald die Grenzen offen sind, werde ich Europa wieder verlassen.”

Wird diese Art des “Bucket List”-Tourismus weiter Bestand haben? Dabei geht es darum, Orte, die man im Leben einmal gesehen haben möchte, auf eine Liste zu setzen, die man dann gewissermaßen nach und nach abarbeitet.

“Corona ist natürlich ein harter Schlag für den Abhak-Tourismus”, schreibt Wolfgang Klotz aus Frankfurt am Main. “Die Auswahl von Zielen, die der Billig-Jetset – gern auch kurzfristig für ein verlängertes Wochenende – angreifen kann, ist stark geschrumpft.” Klotz schreibt, er habe festgestellt, dass er nur noch an Orte reisen möchte, wenn er die Frage “Will ich da wirklich hin?” mit Ja beantwortet – statt einfach zu sagen: “Da war ich ja noch gar nicht.”

Dass sich nun viele entscheiden, zu Hause zu bleiben, sieht er als Chance – nicht nur in Sachen Umweltverträglichkeit, es habe auch mit Wertschätzung zu tun: “Es hat einen Effekt auf die Wahrnehmung der Region, in der man lebt”, sagt Klotz. Städte wie zum Beispiel Frankfurt, in denen am Wochenende kaum Einheimische zu finden seien, “müssen zeigen, was sie neben oberflächlichen Angeboten, überhöhten Preisen und Nachahmungsarchitektur wirklich zu bieten haben, wenn sie dauerhaft gefallen wollen”.

Urlaub in Deutschland – was bietet uns das? Um diese Frage geht es in der Fortsetzung zu diesem Artikel, der in der kommenden Woche erscheint. Darin: eine Auswahl der schönsten Corona-Reiseerlebnisse zwischen Stralsund und Schwarzwald – verfasst von unseren Leserinnen und Lesern.

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