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Corona: Wir sollten zu Hause bleiben, bevor wir es müssen – SPIEGEL-Leitartikel

Was braucht der Mensch zum Leben? Schlaf, Nahrung, Sex. Und Geselligkeit. Geselligkeit, das klingt ein bisschen altmodisch, aber es trifft die Sache ganz gut. Der Mensch hat das Bedürfnis, mit anderen zusammen zu sein, sich auszutauschen, jemanden kennenzulernen, zu feiern. Er speist und trinkt nicht gern allein, er hat wahrscheinlich lieber Sex zu zweit als allein mit sich selbst. Der Mensch ist ein soziales Wesen, ist er allein, verkümmert er. Einerseits.

Andererseits ist Geselligkeit gerade die gefährlichste Sache der Welt. Vor ziemlich genau sieben Monaten kam der Lockdown über das Land. Das Virus hat uns eingesperrt, Existenzen wurden vernichtet, alles verödete: die Wirtschaft, die Kinder, der Alltag. Der Lockdown war eine Schocktherapie. Aber ziemlich erfolgreich.

Der Sommer, der folgte, war nicht frei von Sorgen. Doch weil der gesellige Mensch Zuversicht braucht und Angst hat vor einer Wiederholung, war er durchaus bereit, sich Zahlen und wissenschaftliche Studien schönzudenken. Zumal Deutschland die erste Welle gut verkraftet hatte. Magical Thinking nennt man das im Englischen – magisches Denken. Wird schon nicht so schlimm. Vielleicht ist es bald vorbei. Vielleicht verliert das Virus seine Kraft. Vielleicht war es nur Hysterie.