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Coronavirus in Frankreich: Emmanuel Marcon verkündet Sperrstunde


Coronakrise in Frankreich

Der Zentralstaat meldet sich desillusioniert zurück

Weil die Corona-Zahlen dramatisch steigen, verkündigte Frankreichs Staatschef Emmanuel Marcon neue Maßnahmen. Weil er die Bürger nicht zu sehr frustrieren wollte, blieb er trotz seines Machtworts blass.

Aus Paris berichtet

Tanja Kuchenbecker




Emmanuel Macron verkündete am Mittwochabend im französischen Fernsehen neue Corona-Restriktionen


Emmanuel Macron verkündete am Mittwochabend im französischen Fernsehen neue Corona-Restriktionen


Foto: JEAN-PHILIPPE KSIAZEK/ AFP

“Macron bereitet einen Elektroschock vor”, schrieben französische Medien vor der Fernsehansprache des Präsidenten. Emmanuel Macron sprach in der Coronakrise wieder einmal ein Machtwort. Seit dem 14. Juli hatte er nur Premierminister Jean Castex oder Gesundheitsminister Olivier Véran vorgeschickt. Doch die Corona-Infektionen steigen in Frankreich an, Experten sehen das Land mitten in der zweiten Welle. Deshalb musste Macron Präsenz zeigen und die Franzosen mit klaren Ansagen beruhigen.

Macron ging noch härter vor, als es die Franzosen erwartet hatten und schockierte damit. Er kündigte eine Sperrstunde ab 21 Uhr bis 6 Uhr in zahlreichen Städten an, die besonders vom Virus betroffen sind, darunter Paris, Lyon, Marseille und Aix-en-Provence. Ins Kino oder Theater kann man abends nicht mehr gehen, was ein großes Problem für die Kulturindustrie bedeutet. Am Samstag soll die Sperrstunde eingeführt werden und für mindestens vier Wochen gelten. Das entspricht keinem kompletten Lockdown, aber einem extremen Slowdown.

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Dramatische Situation in Paris

Seit Tagen reißen die alarmierenden Nachrichten der Regierung nicht ab. In Paris sei die Situation “dramatisch”, hieß es. Sie bereiteten dem Präsidenten das Feld. Das Fernsehinterview sollte vor allem zeigen, dass er die Zügel noch in der Hand hält. Es sollte eine Inszenierung der Entschlossenheit sein, Klarheit über die Maßnahmen für die nächsten Wochen und Monate schaffen. Und Klarheit schaffte es tatsächlich. Nur den Präsidenten ließ es eher hilflos wirken.

Zuvor war über eine Sperrstunde um 22 oder 23 Uhr spekuliert worden. Der Präsident verteidigte sich: “Wir haben die Kontrolle nicht verloren, wir sind nicht in Panik. Aber die Krankenhäuser sind unter Druck. Heute ist das Virus in ganz Frankreich. Wir haben in den Krankenhäusern keine Reserven. Deshalb müssen wir Maßnahmen ergreifen. Wir sind in der zweiten Welle.” Auch Deutschland ergreife restriktive Maßnahmen, sagte er. Frankreich müsse reagieren. “Wir haben jeden Tag mehr als 20.000 neue Fälle. Wir müssen die Verbreitung des Virus stoppen. Wir müssen unser Gesundheitssystem retten.”

Der Präsident blieb blass

Vor dem Hintergrund, dass er sich im Jahr 2022 mit großer Wahrscheinlichkeit wieder als Präsidentschaftskandidat aufstellen lässt, wurde das Gespräch auch daran gemessen, ob es ihm gelingt, ein großer Staatsmann zu sein. Obwohl die Entscheidungen hart waren, erschien der Präsident eher blass. Es war eher eine pädagogische Rede, um die Franzosen weiterhin zur Vorsicht zu ermahnen, ein Appell an die individuelle Verantwortung, indem er die nächste drohende Etappe erklärte, wenn die Franzosen nicht aufpassten.

Macron dramatisierte nicht, um die Franzosen nicht zu sehr zu frustrieren. Als Reaktion hätten sie die Maßnahmen massiv ablehnen können. So war sein Ton eher ruhig und wenig dynamisch.

Kurz vor der Ansprache kritisierte eine Untersuchungskommission das schlechte Krisenmanagement in der Coronakrise und sprach von “ganz klaren Fehlern in der Vorausschau, der Vorbereitung und im Management”. Es fehlten Masken, Tests und die Koordination zwischen den Verantwortlichen. Macron war auch deswegen weniger in der Offensive; vielmehr verteidigte er die Probleme.

Sperrstunde soll ansetzen, wo Gesetze nicht greifen

Der Staatspräsident will vor allem einen neuen Lockdown verhindern, in ganz Frankreich und auch lokal, um das wirtschaftliche und soziale Leben nicht zum Stillstand zu bringen. Die Sperrstunde dagegen soll dort ansetzen, wo Gesetze nicht greifen. Sie sollen die Zusammenkünfte vor allem von Jüngeren im öffentlichen und privaten Raum einschränken. Die Ankündigung der Sperrstunde war für Macron die einzige Möglichkeit. Aber nicht gerade die Demonstration eines großen Staatsmannes mit Visionen.

Vage klingen auch die Appelle an die Unternehmen, die zu zwei oder drei Tagen Homeoffice aufgerufen wurden. Seit dem Lockdown sind immer mehr Unternehmen in Frankreich aus Bequemlichkeit der Chefs zur Präsenz im Büro zurückgegangen. Auf Kosten des Abstandes im überlasteten Nahverkehr.

Für die Restaurantbesitzer ist es eine Katastrophe. Immer mehr Unternehmen fordern Hilfe vom Staat, zuletzt die Chauffeure und Nachtclub-Besitzer. Deshalb sollen neue wirtschaftliche Maßnahmen greifen, unter anderem soll die Kurzarbeit verlängert werden. Im Laufe des Interviews wirkten Macrons Ansagen immer mehr wie die letzte Lösung. “Wenn wir nicht in drei Wochen noch härtere Maßnahmen entscheiden wollen, muss man sich daran halten” – eine Vision hört sich anders an.

Alle Nachbarn in Europa ergriffen Maßnahmen, sagte Macron: “Wir entscheiden keine außergewöhnlichen Restriktionen.” Sein Auftritt erschien fast wie eine Pflichtübung in der Krise.

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