Spiegel

Coronavirus: Wie die Pandemie Familien trennt – und wie ich damit umgehe

Mittwochabend, mein Großcousin ruft mich über Facetime an. Es ist 21 Uhr in Deutschland, bei ihm schon nach Mitternacht. Sharad lebt in Delhi, der Stadt, in dem mein Vater geboren wurde und aufwuchs, in Indien, dem Land, das ich jedes Jahr, manchmal mehrfach bereise, daraus berichte. Sharad heiratet. Er hatte Glück und lernte seine zukünftige Frau kurz vor dem Lockdown kennen. Über das Handydisplay zeigt er mir die Kleider, die er gekauft hat: eine cremefarbene Weste, einen Kurta-Pyjama – ein knielanges Baumwollhemd mit passender Hose – in Rostbraun. Die Hochzeit soll im Dezember stattfinden.

Ich bin aufgeregt, mein Großcousin und ich sprechen seit Jahren über Beziehungen, über Heirat. Von den Verwandten meiner Generation in Delhi bin ich ihm am nächsten – trotz der Distanz. In Delhi gehen wir im Park joggen oder spazieren, er hat immer Ideen, woran ich als Nächstes arbeiten könnte.

Über Facetime sagt er jetzt: “You would enjoy the celebrations so much.” Ich antworte: Das würde ich ganz sicher. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ich dorthin reisen kann? Noch dieses Jahr?

“Aber zu Hause ist eben auch woanders, nicht nur für mich. Und langsam bekomme ich Heimweh.”

Die Pandemie hat vieles verkehrt, woran wir uns gewöhnt hatten, allen voran das Reisen. Statt in die Ferne suchten nie zuvor so viele Menschen gleichzeitig den Weg nach Hause oder in die Heimat, die ihr Pass ihnen vorgab. Auslandssemester in Tel Aviv, Konferenz in Brüssel, Sabbatical in Südasien – globale Bewegungsfreiheit war schon immer ein Privileg. Jetzt ist es auch ein akutes Risiko, mitunter rücksichtslos. Das Auswärtige Amt warnt bis mindestens Mitte September vor unnötigen Reisen ins außereuropäische Ausland.

Aber was bedeutet “unnötig”?

Ich versuche schon länger, meine Fernreisen auf das Nötigste zu beschränken. Stattdessen war ich seit vergangenem Sommer viermal in Mecklenburg-Vorpommern, habe mir mehrere Zimmerpflanzen zugelegt und reise zum Arbeiten höchstens mal bis zum Café an der Ecke.

Das Nötigste ist nicht viel, zu Hause ist es ohnehin am schönsten. Aber zu Hause ist eben auch woanders, nicht nur für mich. Und langsam bekomme ich Heimweh.

Eine Familie in mehreren Ländern

Es ist eine besondere Aufgabe, Familie zu leben, wenn diese über mehrere Länder verteilt ist. Manchmal war ich neidisch auf Freunde, die nach der Schule bei Oma Spaghetti aßen. Wir flogen alle ein bis zwei Jahre nach Delhi. Oma brachte mir Käsetoast, wenn mir das Essen nicht schmeckte, Opa blies die Backen auf, damit ich sie mit dem Finger wieder eindrücken konnte. Fast täglich besuchten wir andere Verwandte, alle schafften wir nie. Am Ende der Ferien stiegen wir in ein Taxi, das uns zum Flughafen brachte, es war schon dunkel. Aus dem Heckfenster winkte ich meinen Großeltern zu. Sie standen in der Ausfahrt und ich musste weinen, weil sie für mein Verständnis so furchtbar alt waren. Je größer die Entfernung, desto endgültiger fühlen sich Abschiede an.

Meine Großeltern leben nicht mehr, aber wenn ich in Delhi bin, laden mich meine Verwandten zu sich ein. Ob nun ein Jahr oder zehn vergangen sind, sie sagen: “You have to come home.” Wahrscheinlich meinen sie damit ihr Zuhause, aber es fühlt sich an, als meinten sie auch meins.

Obwohl ich in Deutschland geboren und zu Hause bin, fühle ich mich manchmal wie eine, die fortging und in deren Pflicht es liegt, immer wiederzukommen. Im Alltag ist es schon schwierig, meine deutsche Cousine und meinen Onkel mehr als zweimal im Jahr zu treffen. Die meisten Hochzeiten in meiner indischen Familie habe ich verpasst. Für diese eine aber, das war klar, würde ich alle anderen Pläne fallen lassen.

“Die einen verzichten auf zwei Wochen Strandurlaub, die anderen auf die einzige Gelegenheit im Jahr, ihre engste Familie zu sehen”

Die Pandemie wirkt sich auf Fernbeziehungen jeder Art unterschiedlich aus. Einer Freundin mit deutsch-britischer Familie fiel auf, dass sie ihre Großmutter in Edinburgh seit einiger Zeit seltener anruft. Ohne den nächsten Besuch in Aussicht fallen ihre Telefonate in ein Vakuum, das ihr irgendwie unangenehm ist. Als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

Der Vater einer Kollegin kommt aus Argentinien, er lebt auch dort. Einmal im Jahr fliegt sie dorthin, meist über Weihnachten und Neujahr. Normalerweise würden sie die Planung langsam beginnen, aber wie soll das gehen in diesen Zeiten?

Die einen verzichten auf zwei Wochen Strandurlaub, die anderen auf die einzige Gelegenheit im Jahr, ihre engste Familie zu sehen.

Sicher, Familie vergeht nicht in ein paar Monaten oder Jahren. Aber Ungewissheit wiegt immer schwerer als jedes zielgerichtete Warten.

Mit mehr als 4,2 Millionen Corona-Infizierten liegt Indien jetzt weltweit auf Platz zwei, gleich hinter den USA und noch vor Brasilien. Zwar befindet sich das Land bereits in Unlock-Phase 3. Meine Verwandten haben ihre Häuser trotzdem seit Mitte März kaum verlassen, obwohl sie dürften. Viele leben mit älteren Familienmitgliedern zusammen, sie wollen kein Risiko eingehen, das in dem überforderten Gesundheitssystem umso größer wäre. Eine Freundin war Anfang August zu einem Geburtstag im Restaurant, das erste Mal nach fünf Monaten. Angesichts der Lage, sagt sie, wolle sie das nicht so schnell wiederholen.

Selbst wenn die Reisebeschränkungen bis Ende des Jahres aufgehoben wären – ich will niemanden durch meine Anreise gefährden. Meine Mutter bügelt die kleinste Hoffnung brüsk ab: Du spinnst doch! Was, wenn du Corona bekommst? In Delhi!

Ich habe meinen Vater, der seit mehr als 40 Jahren in Deutschland lebt und häufig nach Indien reist, mal gefragt, wo er sich mehr zu Hause fühlt. Er antwortete: “Man fühlt sich in Deutschland zu Hause. Und man fühlt sich in Indien zu Hause. Aber man mischt das nicht.” Das ist toll, weil man alles Schöne doppelt hat. Und manchmal schade, weil im Grunde immer etwas fehlt. Eine Kollegin, die mit ihrem französischen Mann in Frankreich lebt und seit Monaten bei ihrer Mutter in Mumbai festsitzt, schrieb vor einigen Monaten in einem Essay für eine indische Tageszeitung: “Der Schmerz des Erwachsenseins entsteht zu einem Großteil durch die Zerrissenheit zwischen all den Orten, an denen man gelebt hat und den Menschen, die man liebt.”

Hunger auf Indien

Als der Lockdown einsetzte, hatte ich eigentlich eine Reise nach Delhi geplant. Ich verschob sie in meinen Gedanken auf Spätsommer, dann auf Herbst, auf nächstes Jahr. Mein Verstand passte sich umstandslos an, es ist eben so. Aber es löste auch ein inneres Ungleichgewicht aus – mit körperlichen Folgen: Plötzlich hatte ich großen Appetit auf indisches Essen.

Normalerweise habe ich nur in Indien Lust auf Chapatis und Dal, als bräuchte ich dafür einen Ventilator über dem Kopf und das Geräusch rasselnder Straßen im Ohr. Auf Netflix suchte ich nach indischen Serien und Filmen, las Bücher indischer Autorinnen, die ich von meinen Reisen mitgebracht hatte. Ich zoomte mit meinen Cousinen und Cousins, sang gemeinsam mit Verwandten aus Indien, Spanien, Deutschland und den USA Geburtstagslieder, facetimte mit meiner Tante. Wenn ich sie besuche, fahren wir zu zweit in ein Café, wir trinken Cappuccino und reden. Diesmal kochte ich mir den Cappuccino selbst.

Die Pandemie hat uns voneinander abgetrennt und anders wieder zusammengesetzt. Das ist auch schön.

An einem Samstag stellte Sharad mir und meinem Bruder seine Verlobte vor. Wir verabredeten uns über Zoom, sie saßen nebeneinander in Delhi auf dem Sofa, mein Bruder in Frankfurt, ich in Hamburg. Aktuell sind in Delhi 50 Leute auf einer Veranstaltung erlaubt, bis Dezember hoffentlich mehr. Für alle anderen, sagte Sharad, wollen sie die Zeremonie zumindest online übertragen. Ich fände das schade und irgendwie witzig, vor allem freute ich mich, dass es ihm so wichtig ist, uns dabei zu haben.

Wir legten auf, und ich beschloss, meine einzige Cousine mütterlicherseits anzurufen. Sie lebt in Hessen. Wir haben seit meinem Geburtstag im April nicht mehr gesprochen.

Icon: Der Spiegel