Spiegel

Dada-Messe in Berlin 1920: Messerstich in die Bierbauchkultur

dada-messe-in-berlin-1920:-messerstich-in-die-bierbauchkultur

Im Sommer 1920 blätterte ein junger Hauptmann der Reichswehr durch das “Berliner Tageblatt”. Er blieb im Kulturteil hängen und las eine Rezension über eine Dada-Ausstellung, die seit ein paar Wochen in einer Galerie am Lützowufer 13 in Berlin zu sehen war. 

Der Rezensent Peter Panter – ein Pseudonym von Kurt Tucholsky – mochte die Ausstellung nicht besonders. Sie sehe aus wie ein “putziger Kramladen” und bemühe sich krampfhaft, “in anderer Leute Heiligtümer zu spucken”. Nur die Werke von George Grosz gefielen Tucholsky. Auch die Mappe “Gott mit uns” mit Karikaturen deutscher Offiziere lobte der Rezensent: “Wenn Zeichnungen töten könnten: Das preußische Militär wäre sicherlich tot.”

Den Hauptmann reizte diese Rezension, wie er später vor Gericht erzählte, und er ging daher ohne Uniform in die Galerie. Was er sah, missfiel ihm. Offenbar informierte er seine Vorgesetzten. Kurz darauf erstattete Reichswehrminister Otto Geßler Strafanzeige gegen die Dadaisten.

Heute ist Dada vor allem für Unsinnsgedichte und ein signiertes Urinal bekannt. Doch die Berliner Gruppe schuf vorwiegend gesellschaftliche und politische Bilder, Collagen und Installationen. Grosz und seine Mitstreiter Raoul Hausmann, Hannah Höch, Johannes Baader und John Heartfield attackierten neben der Reichswehr auch die Sozialdemokratie, die Ehe und die Weimarer Republik. Die Messe im Sommer 1920 war der Höhepunkt ihres Schaffens – und zugleich ihr Untergang.

Gaga Namensfindung

Begonnen hatte die Dada-Bewegung schon während des Ersten Weltkrieges in der neutralen Schweiz. Aus ganz Europa strömten Künstler und Intellektuelle nach Zürich, um Kriegsdienst oder politischer Verfolgung zu entgehen – der bekannteste unter ihnen war Lenin.

1916 eröffnete eine Künstlergruppe in der Züricher Spiegelgasse die Kneipe “Cabaret Voltaire”. Sechs Tage die Woche trafen sich Dichter, rezitierten Verse, die teilweise nur aus Lauten wie “Gadji beri bimba” bestanden. Manchmal lasen mehrere Autoren durcheinander.

Zum Namen Dada kursierten bald verschiedene, verwirrende Legenden. Ein rumänischer Dadaist sagte beim Zuhören immer “da da”, was “ja ja” bedeutet. Ein deutscher Autor rammte ein Messer in ein französisch-deutsches Wörterbuch und traf das Wort “dada”: ein Kinderausdruck für Steckenpferd. In Zürich verkaufte die Firma Bergmann & Co eine Lilienmilchseife mit zwei roten Steckenpferden auf der Packung – auf Französisch “dada”. Bald jedenfalls gab die Gruppe die Zeitschrift “Dada” heraus – und machte den Namen zur Kunstgattung und Marke.

Die Zürcher Dadaisten richteten sich vor allem gegen die etablierte Kunst und wollten ihr Nichtkunst und Unsinn entgegenhalten. Unmittelbar politisch waren die meisten von ihnen nicht.

Viel Alkohol und Kokain

Anfang 1918 gründete in Berlin eine Gruppe um den Maler George Grosz einen eigenen Dada-Club. Das Kaiserreich war nach dreieinhalb Jahren Krieg de facto eine Militärdiktatur unter den Generälen Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg. “Während man in Zürich wie in einem Luftkurort lebte, wusste man in Berlin nicht, ob man am folgenden Tag noch ein warmes Mittagessen haben würde”, wie später ein Dadaist schrieb.

Grosz und Heartfield hatten den Schrecken des Krieges erlebt, bevor sie beide ausgemustert und zwischenzeitlich jeweils in Nervenheilanstalten eingesperrt wurden. Ihre Biografien machten sie empfänglicher für politische Kunst.

Der Berliner Dada-Club gab nun die Zeitschrift “Die Pleite” heraus und veranstaltete Soiréen. Einmal ließen die Dadaisten eine Nähmaschine und eine Schreibmaschine Krieg spielen und zum Wettkampf antreten: Ein Dadaist hämmerte auf die Tasten, ein anderer nähte einen unendlichen schwarzen Trauerflor; nach einer halben Stunde erklärte “Schiedsrichter” Grosz die Nähmaschine zum Sieger. Mindestens eine Veranstaltung endete nachweislich mit viel Alkohol und Kokain.

“Jesus ist Ihnen wurst!”

Neben solchen Aktionen aber wandten sich die Berliner Dadaisten immer offener der Politik zu: Grosz und Heartfield sympathisierten mit dem kommunistischen Spartakusbund, der für die Revolution und gegen rechtsradikale Freikorps kämpfte. Später traten sie in die KPD ein. In Manifesten, Gedichten und Collagen verspotteten sie Sozialdemokraten und die Weimarer Republik.

Johannes Baader wiederum startete politische Kunstaktionen: Eine Woche nach der Revolution im November 1918 unterbrach er den Pastor im Berliner Dom mit den Worten: “Einen Augenblick! Ich frage Sie, was ist Ihnen Jesus Christus? Er ist Ihnen wurst.” Später proklamierte er eine Dada-Republik in Berlin-Nikolassee und warf Flugblätter in der Nationalversammlung ab, in denen er sich selbst zum “Präsidenten des Erdballs” ausrief.

Im Sommer 1920 schließlich plante die Gruppe die “Erste Internationale Dada-Messe”. Ein Berliner Kunstsammler, der sich auf den Handel mit chinesischen Vasen aus der Song-Dynastie spezialisiert hatte, stellte ihnen die Galerie am Lützowufer und 1000 Mark zur Verfügung. Dafür durfte er sich “Finanzdada” nennen. Die Eröffnung fand am 30. Juni statt.

In Uniform mit Schweinemaske

Neben der Berliner Gruppe stellten auch Dadaisten aus Zürich und anderen Städten aus, darunter Otto Dix, Hans Arp und Johannes Theodor Baargeld. An den Wänden zwischen den etwa zweihundert Exponaten hingen gedruckte Dada-Losungen: “Nieder die Kunst!”, “Ich kann ohne Essen und Trinken leben, aber nicht ohne Dada”, “Dada ist die willentliche Zersetzung der bürgerlichen Begriffswelt.”

Eine Collage von Hannah Höch trug den Titel: “Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands”. Dix steuerte ein Werk mit mobilen Bildteilen bei, bei dem die Betrachtenden eine barbusige Frau im Kreis bewegen konnten. Zudem drapierten die Ausstellungsmacher provokant über ein Gemälde von Dix mit Kriegskrüppeln (“45% erwerbsfähig”) die Fotos der SPD-Granden Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann und des Generals Ludendorff; damit warfen sie das ungleiche Trio politisch in einen Topf und machten es für die Folgen des Krieges verantwortlich.

Für die wohl größte Aufregung aber sorgte eine Plastik von Heartfield und einem Kollegen, die von der Decke der Galerie baumelte: Es war eine lebensgroße Puppe in grauer Soldatenuniform mit einem Messer im Ärmel. Anstelle eines Gesichts trug die groteske Figur eine Schweinemaske.

Die Bilder von der Ausstellung gingen bald um die Welt, denn für die Eröffnung hatten die Dadaisten einen Agenturfotografen engagiert. Seine Aufnahmen erschienen in Zeitschriften aus Amsterdam, Rom und Boston. Sogar Zeitungen in Buenos Aires und New York berichteten über die Messe.

“Verbrechen am deutschen Volke” 

In Deutschland aber empörte sich konservative Presse, wie etwa die “Deutsche Tageszeitung”: “Mag sein, dass die Künstler selbst verrückt sind, dass sie als Idioten keinen Anspruch auf normale Beurteilung haben; aber die Drahtzieher, die dahinterstehen, die sind es, die das Verbrechen am deutschen Volke begehen.”

Auch die KPD-Zeitung “Rote Fahne” verriss die Ausstellung, obwohl sich einige Werke gegen gemeinsame Gegner wie SPD-Reichspräsidenten Friedrich Ebert oder General Ludendorff richteten. “Bilden sich diese Herrschaften wirklich ein, der Bourgeoisie damit etwas anzuhaben?”, fragte die Feuilletonchefin, um selbst zu antworten: “Die Bourgeoisie lacht darüber.” Dada sei ein Ausdruck “bürgerlicher Dekadenz”; die Dadaisten sollten sich nicht Kommunisten nennen.

Geld verdiente die Gruppe mit der Messe kaum. “Es ist ziemlich still in der kleinen Ausstellung”, schrieb Tucholsky. Vielleicht schreckte der stattliche Eintrittspreis von 3,30 Mark ab, vielleicht hatte sich die Dada-Bewegung auch schon etwas abgenutzt. In den ersten viereinhalb Wochen kamen jedenfalls nur 389 zahlende Gäste. Viel mehr dürften es bis zu Ausstellungsende am 25. August nicht geworden sein.

Einer der wenigen zahlenden Gäste aber war der junge Hauptmann. Nach der Anzeige ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung der Reichswehr gegen fünf Dadaisten. Im Frühjahr 1921 begann der Prozess.

Der vermeintliche Verrat

Der Verteidiger argumentierte, dass die Künstler ihre Werke nur als Spaß gemeint hätten. Der Richter verurteilte die Dadaisten zu insgesamt 900 Mark Bußgeld: ein vergleichsweise mildes Urteil. Journalist Tucholsky aber kritisierte die Künstler in seinem Prozessbericht: “So sieht eure Verteidigung aus? Ihr habt es nicht so gemeint?” Für ihn hatten die Dadaisten damit ihre eigene Kunst verraten.

Der Berliner Dada-Club zerfiel zu diesem Zeitpunkt bereits. Laut Katalog wollten sie ihre Werke eigentlich noch in New York zeigen, aber die Ausstellung kam nie zustande. Auch sonst starteten die Berliner Dadaisten keine gemeinsamen Veranstaltungen mehr.

Grosz und Heartfield bebilderten verschiedene kommunistische Blätter. Baader versuchte sich ein paar Jahre als Prophet, dann arbeitete er als Architekt. Hausmann fotografierte Mode, Landschaften und nackte Frauen. Höch malte und klebte Collagen.

Heute sind viele Werke von der damaligen Messe genau das, was sie laut den Dada-Manifesten nie sein sollten: Kunst für ein bürgerliches Publikum in großen Museen.

Icon: Der Spiegel