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Daniel Mendelsohn: Unser Jahrzehnt ist gescheitert

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Schrecklich verängstigt – das ist ein Upgrade meines Zustands im Vergleich zu den ersten Jahren der Trump-Präsidentschaft, da war ich deprimiert verängstigt. Abgesehen von den Jahren vor dem US-Bürgerkrieg waren wir selten in einer derart gefährlichen Situation wie heute. Es scheint mir, dass wir, unabhängig vom Ausgang der bevorstehenden Wahlen – die selbst eine Quelle quälender Angst sind – auch künftig in eine Art Bürgerkrieg verwickelt sein werden, der womöglich nicht ohne verheerende Veränderungen in der Struktur unseres Gemeinwesens beendet werden kann. Und natürlich ist die globale Situation zwischen dem Klimawandel, Covid-19, dem Aufstieg des Neofaschismus und der Destabilisierung der nach dem Zweiten Weltkrieg gefundenen Weltordnung ebenfalls sehr besorgniserregend. Im Moment gibt es also wirklich wenig Anlass zu Optimismus, würde ich sagen. Ich verbringe viel Zeit damit, Saint-Simon zu lesen.

Corona, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – wo sehen Sie die größte Bedrohung für eine humane Gesellschaft?

Ich bewerte derartige Phänomene ungern in einer Rangfolge, vor allem, wenn ich mich damit nicht sonderlich gut auskenne – das ähnelt zu sehr den Bewertungen auf Amazon. Ich würde sagen, dass eine meiner größten Sorgen derzeit das Versagen der Hochschulen ist, den freien Austausch von Ideen zu schützen. Obwohl ich in meinen politischen Ansichten äußerst liberal bin, sehe ich mit Sorge, wie die Universitäten den Empfindlichkeiten der Studenten nachgeben und die Studenten bedienen, statt sie auszubilden.

Die Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wurden mal die goldenen genannt, dann die Roaring Twenties. Welches Adjektiv fällt Ihnen für unser Jahrzehnt ein?

“Gescheitert.”

Jede Buchmesse hat ein Thema, was halten Sie für das zentrale Thema in diesem Herbst?

Oh, wie wär’s mit “Literatur”? In letzter Zeit wurde die literarische Intelligenz von der Politik vereinnahmt – natürlich aus gutem Grund. Aber ich bin beunruhigt über das Ausmaß, in dem politische Erwägungen die Diskussion über Literatur beherrschen: Ein Werk, das anerkannt und ausgezeichnet wird, ist zunehmend offenkundig politisch. Ich habe mir kürzlich die Longlist eines großen Literaturpreises angesehen, und praktisch jedes Sachbuch handelte von Politik oder politischer Geschichte. Echt? Ich war so glücklich, dass Louise Glück den Nobelpreis gewonnen hat: Jemand, dessen Werk uns daran erinnert, dass ein großer Teil der Arbeit, die Literatur leistet, darin besteht, sich mit tiefsten Empfindungen des Homo sapiens auseinanderzusetzen, jenseits oder außerhalb des politischen Kontexts.

Liberté, égalité, fraternité – welcher der drei Begriffe der Französischen Revolution braucht eine Wiederbelebung? 

Kann ich “civilité” hinzufügen?

Über welches Problem denken Sie gerade nach?

Im Allgemeinen? Wie ich mein neues Buch beginne. Spezifisch? Wie übersetze ich das Wort polytropos, das das erste Adjektiv in der “Odyssee” ist, ins Englische. (Ich mache eine neue englische Übersetzung).

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt?

Seit dem Sommer lese ich noch einmal Thomas Mann – ganz. Im Moment bin ich mit “Doktor Faustus” halb durch, aber das Buch, das mich beschäftigt hat, ist eigentlich “Der Zauberberg”. Ich habe es mit Anfang 20 gelesen und es hat mir nicht sonderlich gefallen; dann habe ich es im Juli erneut gelesen. Ich komme nicht darüber hinweg, wie ungeheuer großartig es ist; ich denke jeden Tag daran. Ich fange jetzt an, mich in die Sekundär- und wissenschaftliche Literatur darüber zu vertiefen, nur um mich selbst zu erfreuen. Ich habe das Gefühl, dass dies eine sehr lange, glückliche Beziehung wird.

Vermittelt die Pandemie irgendeine Botschaft?

Die Pandemie (wie auch die Klimakrise) vermittelt die Botschaft praktisch aller griechischen Tragödien (ich bin ein klassischer Philologe, der sich auf Euripides spezialisiert hat, daher bin ich voreingenommen): Das heißt, dass es keine Handlungen ohne Folgen gibt. Sie können versuchen, so zu tun, als hätten Ihre Handlungen (oder Ihre Blindheit oder Grausamkeit oder Dummheit) keine Konsequenzen, Sie können versuchen, die Konsequenzen unter den Teppich zu kehren, aber sie werden immer, immer wieder zurückkommen, um Sie am Ende zu zerstören. Das gefällt mir ganz gut.

Gibt es eine Überzeugung, der Sie seit der Jugend treu geblieben sind?

Binden Sie sich immer an die Alten, von denen Sie so viel lernen können, und pflegen Sie immer die Beziehung zu den Jungen: Auf diese Weise werden Sie nie einsam sein.

Serien ersetzen den Roman, Podcasts die Zeitungen – würden Sie zustimmen?

Als jemand, der viel fernsieht (und über das Fernsehen schreibt), misstraue ich so einer Befürchtung. Zum einen sehe ich es nicht als Nullsummenspiel, zum anderen würde selbst eine oberflächliche Kenntnis der Geschichte des Romans dazu führen, die Beziehung zwischen Roman und Fernsehen eher als Identifikation denn als Opposition zu sehen. Der Roman des 19. Jahrhunderts erschien oft in Fortsetzungen – der Roman erfand die Serie. Daher sehe ich die Fülle an brillanten Fernsehserien in letzter Zeit als Fortsetzung des Romans und nicht als dessen Feind.

Worüber sollten Medien mehr berichten?

Über Bücher von schwulen Philologen mittleren Alters.

Wie hat Corona Ihren Alltag beeinflusst?

Nun, ich bin Schriftsteller, also lebe und arbeite ich ohnehin schon ziemlich einsam; aber offensichtlich hat die obligatorische Selbstisolierung der letzten sieben Monate eine andere Qualität. Da fand ich es recht interessant, dass ausnahmsweise einmal mehr oder weniger alle, die ich kenne, plötzlich so leben wie ich: von zu Hause aus arbeiten, lernen müssen, sich selbst zu disziplinieren und so weiter. 

Es ist kein einfaches Jahr. Gab es einen besonders schönen, privaten Moment, und würden Sie ihn beschreiben? 

Ich lebe in einer sehr ländlichen Gegend; mein Haus liegt etwa 100 Meter vom Hudson River entfernt. Seit Beginn der Pandemie habe ich jeden Abend mit zwei meiner Nachbarn einen langen Spaziergang gemacht, hinunter zum Fluss, dann am Fluss entlang und dann im Kreis zurück zu unseren Häusern. Jeden Tag ist der Fluss anders: grau, silbern, golden, rotbraun; unruhig, glatt, wie gefiedert, mit weißer Kappe. Er ist eine Quelle unendlicher Schönheit und Trost für mich und meine Freunde.

Kennen Sie eine Lieblingszeile oder einen Zauberspruch, mit dem man gut durch diese Zeiten kommt?

“Il faut cultiver notre jardin.” – Wir müssen unseren Garten bestellen, der letzte Satz im “Candide” von Voltaire.

Was macht Ihnen Mut?

Ich habe gerade ein Buch veröffentlicht, in dem es unter anderem um Schriftsteller im Exil geht und darum, wie sich das Exil oder die Tatsache, dass jemand als Fremder in einem fremden Land lebt, auf dessen künstlerische Arbeit auswirkt: Erich Auerbach, François Fénelon, W. G. Sebald, aber auch ganze Scharen von Gelehrten und Schriftstellern, die fliehen mussten, um ihr Leben zu retten, und in einer fremden neuen Welt neu anfangen – denken Sie an die byzantinischen Gelehrten, die nach dem Fall von Konstantinopel nach Europa flohen und die griechische Literatur zum ersten Mal seit einem Jahrtausend nach Westeuropa zurückbrachten. Der Gedanke an diese Schriftsteller, die sich Herausforderungen und sogar Schrecken ausgesetzt sahen, die weit größer waren als das, was ich jemals erleben werde, gibt mir eine Art Mut. Im Vergleich zu ihnen habe ich wirklich nichts, worüber ich mich beklagen könnte.

Aus dem Amerikanischen von Nils Minkmar

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