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“Das bittere Kraut” von Marga Minco: Und dann kam ein Päckchen mit Sternen




Autorin Marga Minco: Chronistin eines Verschwindens


Autorin Marga Minco: Chronistin eines Verschwindens


Foto: 

Thomas Doebele


Sie ist 100 Jahre alt. Sie lebt. Sie hat all das erlebt und aufgeschrieben: Marga Minco, als Sara auf die Welt gekommen, Jüdin aus den Niederlanden, Journalistin, Schriftstellerin. Ihr Werk ist in Deutschland beinahe unbekannt. Das muss sich jetzt ändern. Mincos Bücher jetzt zu lesen, ist wie einen letzten Saum des Lebens von damals auf Buchseiten zu finden. Der Arco-Verlag bringt in diesem Jahr mehrere ihrer Bücher auf Deutsch heraus, übersetzt von Marlene Müller-Haas. Es soll hier aber über den ganz dünnen Band “Das bittere Kraut” gehen. Der Untertitel ist: “Eine kleine Chronik”.

Es ist sachlich, knapp, poetisch und genau, der Bericht vom Verschwinden ihrer Familie zur Zeit der deutschen Besetzung der Niederlande, ein Bericht auch vom “unverwüstlichen Optimismus” ihres Vaters, der ansteckend war. Wie eine ansteckende Krankheit, die tödlich endet. Minco hatte schon früh als Journalistin gearbeitet, aber bereits 1940, noch vor Inkrafttreten der judenfeindlichen Erlassen der Besatzer, wurde ihr gekündigt. Da war sie 20 Jahre alt. 

Sie wäre so gern normal gewesen, schreibt sie. Schon als Kind schämte sie sich, wenn sie gemeinsam mit ihrer Familie die Synagoge verließ. Musste das sein? So auffällig?

Marga Minco schildert in diesem Buch, das in den Niederlanden erstmals 1957 erschien, wie ihre Familie langsam ausgesondert wurde aus der Gesellschaft. In winzig kleinen Schritten heraus aus der Normalität, aus dem gewöhnlichen Leben mit all den anderen. Die Eltern, über 50, müssen nach Amsterdam umziehen, in ein Haus für ältere Juden. Am Anfang denkt man, dass einfache Tricks helfen: Sich durch das Trinken giftiger Flüssigkeiten ein offizielles Attest zu organisieren, um nicht ins Arbeitslager zu müssen. Die Wirklichkeit ignorieren, vielleicht geht sie dann vorbei.



[Minco, Marga]

Das bittere Kraut: Eine kleine Chronik

Seitenzahl: 96

Verlag: Arco

Übersetzerin: Marlene Müller-Haas

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Preisabfragezeitpunkt

17.09.2020 12.45 Uhr

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Dann gehen irgendwann viele jüdische Familien zum Fotografen, um sich noch einmal gemeinsam ablichten zu lassen. Man kann nie wissen, ob man sich eines Tages erinnern möchte. An diese Zeit, bevor geschah, wovon niemand wissen konnte, was genau es sein würde.

Eines Tages kommt der Vater mit einem Päckchen nach Hause. Es sind Sterne drin. Oh, Sterne! Er durfte so viel nehmen, wie er wollte. Ach so: Sterne. Die Familie setzt sich danach zusammen, und näht sie nach Anweisung gut sichtbar auf ihre Ärmel auf. Welche Farbe soll der Faden haben? Es soll ja ordentlich aussehen.

Dann ist es zu spät für den Graben, zu spät für eine Flucht

Ein andermal kommt ein Nachbarsmädchen vorbei. Nur mal schauen, was sie so brauchen kann, wenn sie, die Erzählerin, bald verschwinden sollte. Sie hebt es ja nur für sie auf. Den Tennisschläger? Klar, nimm mit! Das Täschchen? Gern.

Als die Eltern geholt werden, ist ihre Tochter bei ihnen. Sie hatte vorher gemeinsam mit ihrem Vater überlegt, sich in einem Graben im Garten zu verstecken, wenn sie kommen. Sie warten bei Tee am Tisch. Es begann “eine Stille, die wir kaum zu stören wagten.”

Sie sitzen. Warten. “Doch bevor die zehn Minuten um waren, ging die Klingel. Es war kurz vor neun. Wir blieben sitzen und sahen einander erstaunt an. Als ob wir uns fragten: Wer könnte das sein? Als ob wir es nicht wüssten! Als ob wir dächten: Es kann genauso gut ein Bekannter sein, der kurz vorbeischaut! Es war schließlich früh am Abend, und der Tee stand bereit.”

Dann ist es zu spät für den Graben, zu spät für eine Flucht der Eltern. “Hol doch kurz unsere Mäntel”, sagt der Vater noch. Und sie geht. Durch die Küche, in den Garten, auf die Straße. Läuft und läuft. “Es war, als wäre ich ganz allein in einer verlassenen Stadt.”

Sie sieht ihre Eltern nicht wieder. Beinahe ihre ganze Familie sieht sie nicht wieder. Ein Onkel und eine Tante haben überlebt. Sie besucht die beiden öfter nach dem Krieg. Der Onkel wartet immer an der Bushaltestelle. “‘Ich stehe jeden Tag an der Haltestelle und warte’, sagt er. ‘Ich schaue, ob dein Vater mitkommt.'” Aber er habe doch die Nachricht vom Roten Kreuz erhalten. Der komme nicht mehr. “Ja”, sagt er. “Aber ich glaube es nicht. Man kann ja nie wissen, oder?”

Man kann nie wissen. Immer ist alles möglich. Wie viel wahrscheinlicher wäre auch Marga Mincos Tod gewesen. Aber sie hat überlebt, hat dieses kleine Buch geschrieben, das vom Leben erzählt, als wäre man dabei gewesen. Wie schön und gut und richtig wäre es, wenn ihre Geschichte auch in Deutschland gelesen würde, ein Erfolg würde, vielleicht auch an Schulen gelesen würde. Und Marga Minco das noch erlebt.

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