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Degrowth und Postwachstum: Weniger ist nicht mehr, sondern weniger – Kolumne

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Geschäftsaufgabe


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Foto: Gero Breloer/ AP

Corona schafft, wovon Wachstumskritiker seit Langem träumen: Die Wirtschaft schrumpft. Jetzt hat die “Weniger ist mehr”-Bewegung endlich die Chance herauszufinden, ob die Wirklichkeit hält, was ihre Degrowth-Theorie verspricht. Werden wir ein bescheidenes, aber glücklicheres Leben führen? Atmet die Erde auf?

Der Flugverkehr wurde weitgehend eingestellt, Auto- und Chemiefabriken drosselten die Produktion, Teile der Kreuzfahrtbranche stehen praktisch vor dem Aus. Damit hat es nach Lesart der Bewegung schon mal die Richtigen erwischt. “Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt”, schreibt Maja Göpel, die mit ihrer Öko-Predigt “Unsere Welt neu denken” derzeit auf Platz 4 der SPIEGEL-Bestsellerliste steht. Und Richard David Precht, Platz 1 der Bestsellerliste, sagt: “Mit weniger Stromverbrauch, ohne Massentierhaltung und ohne Kreuzfahren lässt es sich prima leben.”

Die Frage ist, wie lange die Freude am Verzicht anhält. Ich vermute: nicht lange. Bei einigen nutzt sie sich bereits ab. Am Anfang der Corona-Zeit waren manche ganz froh, den Balkon zu pflegen, Brot zu backen und in Ruhe den Kleiderschrank auszumisten. Für viele gab es ja Kurzarbeitergeld und Lohnausgleich. Doch inzwischen hätte man gern sein altes Leben zurück, so schlecht war es nämlich nicht. Den Urlaub auf dem Campingplatz in der Lüneburger Heide möchte auch nicht jeder wiederholen.

Inzwischen hätte man gern sein altes Leben zurück. So schlecht war es nicht.

Falls Urlaub überhaupt noch drin ist. Denn auch wenn es in Göpel- und Precht-Büchern anders steht: Die beiden Ziele “Weniger Wachstum” und “Weniger Armut” gehen leider nicht Hand in Hand. In der echten Welt sieht der statistische Zusammenhang so aus: Schrumpft die Wirtschaft, wächst die Not. Zigtausende Firmen stehen vor der Pleite, Hunderttausende Menschen fürchten um ihren Job. Precht mag ohne Kreuzfahrten prima leben können. Die Beschäftigten von MV Werften in Rostock und Meyer in Papenburg sehen das anders.

Es ist auch ein Irrtum zu glauben, dass es der Umwelt nutzt, wenn die Wirtschaft schrumpft. Für ein paar Monate Lockdown mag der Himmel etwas blauer aussehen. Doch wo soll das Geld herkommen, das für klimafreundliche Technologien und den Umbau der Industrie, der Energieversorgung, der Landwirtschaft gebraucht wird? Gewiss nicht aus Ländern, die mit Arbeitslosigkeit und wachsenden Sozialkosten ringen. Es ist kein Zufall, dass Europas Regierungschefs bei ihrem Corona-Gipfel die geplanten EU-Programme für Innovation und für Klimaschutz als Erstes rasiert haben.

Die von Schönwetter-Philosophen vertretene These, die Pandemie werde ein heilsamer Schock sein, der in eine bessere, nachhaltigere Welt führt, ist falsch. Erzwungener Verzicht und wirtschaftlicher Niedergang machen gar nichts besser. Weniger ist nicht mehr, sondern weniger. Corona ist keine Chance, sondern ein Übel. Wir können nur hoffen, dass es irgendwann vorbeigeht.

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