Spiegel

Deniz Ohde, Romandebüt “Streulicht”: Integriert, aber einsam




Autorin Ohde: Ihre Romanheldin ist und bleibt Einzelgängerin


Autorin Ohde: Ihre Romanheldin ist und bleibt Einzelgängerin


Foto: 

Heike Steiweg / Suhrkamp


Es sind die kleinen Dinge, die das Gedächtnis besiedeln. Ein Geruch, eine Geste, die “immer glatt rasierten Beine” der Mutter einer Freundin, die in einem Einfamilienhaus wohnt, mit Zierrasen und Sprinklermaschine: “In diesem eingefassten Garten befand sich das Paradies”. Jedenfalls für die Ich-Erzählerin des ersten Romans von Deniz Ohde, geboren 1988 in Deutschland, Grundschülerin in der Zeit, “als die Häuser brannten”. Mölln 1992, Solingen 1993, Lübeck 1996.

Die Mutter der Ich-Erzählerin spricht nicht darüber, sie erklärt ihr auch nicht die “Schmiererei an der Ortsausfahrt” und das Schimpfwort mit K, denn das “sei nichts, was ein Kind zu wissen brauche”. 

Die Mutter kommt aus der Türkei, sie hat einen deutschen Arbeiter geheiratet. Die Heldin, einziges Kind dieser wortarmen, unglücklichen Ehe, erzählt in “Streulicht” ihre Geschichte, die eine des Aufstiegs durch Bildung ist, in der Statistik ein positiver Fall. Doch dieses Bildungsromandebüt, der Anfang der Woche auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis landete, führt dennoch Trauer, Fremdheitsgefühle, Nichtzugehörigkeit mit sich, die emotionalen Belastungen sind enorm.

Eine Klassen-Geschichte? Ja und Nein

Die doppelte Diskriminierung, die Ohdes Protagonistin erfuhr, als Tochter einer türkischen Mutter und eines deutschen Proletariers, beschwert jeden Schritt. Der unabweisbare Erfolg ihrer Integration ist ein Ergebnis im tabellarischen Lebenslauf, für den es im Gemüt kein Echo geben will. Und schließlich: Was macht man mit einem geisteswissenschaftlichen Studium, wenn einem niemand sagt, was man tun soll? “Dieser Weg, den die anderen so selbstverständlich gingen, blieb mir schleierhaft.” 

Eine Klassen-Geschichte? Ja und Nein. Denn Ohdes Heldin ist und bleibt Einzelgängerin. Es gibt viele in der Bundesrepublik, mit denen sie vieles gemeinsam hat. Doch bildet sich in ihrer Familie nichts heraus, was sie mit anderen verbände. Sie gehört zu einem Milieu, aber lediglich in der Statistik: Ein Elternteil migrantisch, der Haushalt finanziert sich von einem Gehalt, die Wohnung ist gemietet; keine Auffälligkeit. Aber auch keine Gewohnheiten, keine Strukturen, die ihre Familie mit anderen teilt. Kein Sportverein, keine Gewerkschaft, kein Stammtisch, keine aktive Nachbarschaft.



Deniz Ohde

Streulicht

Verlag: Suhrkamp

Seitenzahl: 284

Für 22,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

16.09.2020 21.54 Uhr

Keine Gewähr


Icon: Info

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Die Mutter hat ihre Herkunft hinter sich gelassen und kann sich nicht neu beheimaten, der Vater macht sich das Leben voll mit Zwängen, Ängsten und Vorsichtsmaßnahmen. “Es wäre ihm nie eingefallen, etwas auszusortieren, weil immer eine schlechte Zeit kommen konnte. “Wir wurden zweimal ausgebombt, war Erklärung genug, warum es zwei Brote und nicht nur eins sein mussten, warum nicht eine reduzierte Zehnerpackung Socken bei real, sondern besser zwei. Eine Mischung aus Völlerei und Selbstkasteiung.”

In aphoristischen Einsichten wie dieser zeigt sich ein grimmiger, analytischer Humor – wie überhaupt Ohdes Blick auf die Welt ihrer Erzählerin ein unsentimentaler, nüchterner ist. Ihre Wahrnehmung für Details und ihre Fähigkeit, Atmosphären daraus entstehen zu lassen, ist bemerkenswert.

Doch die protokollarische Ausführlichkeit, mit der sie das Trübe und Hoffnungslose dieses Lebens nicht nur vor Augen, sondern vor alle Sinne des Lesers führt – Gerüche, Töne, leibliches Fühlen, all das ist so präsent wie der Augenschein – , hat auch ihren Preis.

Denn so rettend für die Ich-Erzählerin die Kombination aus genauer Beobachtung und emotionaler Distanz sein mag, so lähmend kann sie für ihre Leser sein. Die Szenen dichter Beschreibung, wie die Ethnologie so etwas nennt, schichten sich aufeinander wie die Begründungen eines Urteils, das von Anfang an feststeht.

Icon: Der Spiegel