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Deutsche Währungsunion 1990: “Halleluja D-Mark”

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Umstellung auf die D-Mark: Kaufrausch und Untergang


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Umstellung auf die D-Mark: Kaufrausch und Untergang


Deutsche Währungsunion 1990

Das Westgeld, hofften viele DDR-Bürger, werde ein Wirtschaftswunder auslösen. Mit Sekt und Böllern feierten sie vor 30 Jahren die Umstellung auf die D-Mark. Dann explodierten die Lohnkosten: Chronik eines Missverständnisses.

Die Euphorie war riesengroß, in der Nacht auf den 1. Juli 1990. Schon seit Stunden harrten Tausende DDR-Bürger auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz vor einer neuen Zweigstelle der Deutschen Bank aus. Manche hatten sich extra einen Campingstuhl mitgebracht. Die Wartenden einte die Sehnsucht, unbedingt als Erste in den Besitz der begehrten D-Mark zu kommen. Denn um Mitternacht würde nicht die Uhr, sondern die Währung umgestellt: Am Samstag, dem 30. Juni, zählte noch die Ost-Mark. Am Sonntag würde sie Geschichte sein.

Die Deutsche Bank-Filiale am Alexanderplatz hatte erkannt, dass sie dieses Datum als Marketinggag nutzen konnte: als einzige Filiale in der DDR öffnete sie schon Sekunden nach Mitternacht – und nicht erst Stunden später am Vormittag wie die Filialen der Konkurrenz-Banken.

Das Konzept ging auf. Unzählige D-Mark-Hungrige drängten sich auf dem Alex, hilflos klammerten sich Menschen aneinander, etliche wurden ohnmächtig. Hellmut Hartmann, Pressesprecher der Deutschen Bank, versuchte über den Lautsprecher eines Polizeifahrzeugs, die Menge zu beruhigen: “Wir weisen Sie darauf hin, dass heute keiner nach Hause geht, ohne sein Geld zu bekommen.”

Mediengerecht wurde der erste Glückliche abgelichtet: Kohlefahrer Hans-Joachim Corsalli hob 3000-D-Mark ab, strahlte über das ganze Gesicht, die Hand voller Geldscheine. Dazu bekam er noch einen Präsentkorb mit West-Champagner. Andere DDR-Bürger tanzten auf den Straßen und sangen “Halleluja D-Mark”. Mit Sekt, Silvesterböllern und Hupkonzerten feierten sie die Ankunft des neuen Geldes.

Die große “Umrubelung”

“Die D-Mark gehörte zu den Gründungsmythen der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft”, sagt der ostdeutsche Finanzwissenschaftler Ulrich Busch. “Für die Ostdeutschen verkörperte sie in den Jahren der Teilung die unerfüllte Sehnsucht nach westlichem Wohlstand, nach Freiheit, Reichtum und Glück.”

460 Tonnen Banknoten im Wert von 27,5 Milliarden D-Mark waren in gepanzerten Fahrzeugen unter Polizeischutz über die noch bestehende innerdeutsche Grenze gebracht und in der DDR verteilt worden, so dass am Stichtag die neue Währung in allen Bezirken vorrätig war. Wer das neue Geld ausbezahlt haben wollte, musste in den Wochen zuvor einen Antrag auf Umstellung seines Kontos von DDR-Mark auf D-Mark stellen.

Weil nur Geld umgetauscht wurde, das auf einem Konto lag, kratzten die DDR-Bürger ihre Bargeldbestände zusammen, die sie zu Hause gehortet hatten, und brachten sie oft in großen Papiertüten in die Bankfilialen. Viele Ostdeutsche eröffneten noch schnell weitere Konten für Ehepartner und Kinder, denn für die “Umrubelung”, wie der Volksmund sagte, galten nach Lebensalter gestaffelte Obergrenzen. “Um sich möglichst viel von der harten Währung zu sichern, schoben die Ostdeutschen ihre Ersparnisse zwischen den Familienmitgliedern trickreich hin und her”, berichtete die Magdeburger “Volksstimme”.

“Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!”

Mit der Währungsunion reagierte die Bundesregierung auf die Ausreisewelle nach dem Mauerfall am 9. November 1989. Binnen drei Monaten hatten 250.000 Ostdeutsche ihre Heimat verlassen, um in der Bundesrepublik Arbeit zu suchen. Da vor allem die Jungen und Leistungsfähigen in den Westen zogen, war abzusehen, dass die DDR wirtschaftlich bald kollabieren würde. Am 7. Februar 1990 bot CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl dem DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow an, die D-Mark auch in der DDR zum Zahlungsmittel zu machen.

Ökonomen warnten vor der raschen Währungsunion. Die fünf “Wirtschaftsweisen”, offizielle Ratgeber der Bundesregierung, hielten sie “für das falsche Mittel, um dem Strom von Übersiedlern Einhalt zu gebieten”. Die Einführung der D-Mark müsse “bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken”, dass damit “auch der Anschluss an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt” werde; davon könne jedoch “keine Rede sein”.

Aber die DDR-Bürger machten Druck. Am 12. Februar skandierten die Montagsdemonstranten in Leipzig: “Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!” Bei der ersten und einzigen freien Wahl zur DDR-Volkskammer am 18. März erhielten die CDU und zwei mit ihr in der “Allianz für Deutschland” verbundene neue DDR-Parteien 48 Prozent der Stimmen – ein klares Votum für die schnelle Einführung der D-Mark.




Viele DDR-Bürger protestierten für einen Umtausch im Verhältnis eins zu eins, der verheerende Folgen hatte


Viele DDR-Bürger protestierten für einen Umtausch im Verhältnis eins zu eins, der verheerende Folgen hatte

Wolfgang Weihs/ picture alliance / dpa

Eine Ost-Mark sollte nach den Vorstellungen der DDR-Bürger genauso viel wert sein wie eine West-Mark, zumindest bei der Umstellung der Löhne, Renten und Mieten. Ein Sturm der Entrüstung brach deshalb aus, als Ende März durchsickerte, dass die Bundesbank, abgesehen von einem Sockelbetrag für Kleinsparer, eine Umstellung der Löhne und Renten im Verhältnis 1:2 empfahl. Hunderttausende zogen durch ostdeutsche Großstädte und riefen: “Ohne eins zu eins werden wir nicht eins.”

Explodierende Lohnkosten

Die Politik gab klein bei. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig. Bei einem Wechselkurs von 1:2 wären die meisten DDR-Bürger unter die Armutsgrenze gefallen. Jeder Ostdeutsche hätte im Westen mehr Sozialhilfe bekommen, als er im Osten durch Arbeit verdient hätte. Die Ausreisewelle, die durch die Währungsunion eingedämmt werden sollte, wäre erneut gestiegen.

Die für die Arbeitnehmer günstige Umrechnung löste jedoch eine Explosion der Lohnkosten aus, die kaum ein Betrieb verkraften konnte. “Das Durchschnittsgehalt von 1300 DDR-Mark, deren Kaufwert höchstens ein Viertel der gleichen Summe im Westen betragen hatte, verwandelte sich über Nacht in ein damals recht ansehnliches Gehalt von 1300 D-Mark”, rechnet der ostdeutsche Historiker Stefan Wolle vor. “Faktisch vervierfachte sich die Lohnsumme für die Betriebe bei gleichzeitigem Rückgang des Umsatzes. Die Katastrophe war vorprogrammiert.”

In der DDR-Verfassung war das “Recht auf Arbeit” verankert; der marode Zustand der Fabriken und Maschinen erforderte mehr Arbeitskräfte. Die Betriebe waren daher personell stark überbesetzt. Die Arbeitsproduktivität betrug höchstens ein Drittel des Westniveaus. Schon im Oktober 1989, im Monat vor dem Mauerfall, hatte der langjährige DDR-Planungschef Gerhard Schürer Massenentlassungen in einem Gutachten für das SED-Politbüro als einzigen Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere beschrieben. Nun wurden sie unvermeidlich.

Die zugleich mit der Währungsunion neu organisierte Treuhandanstalt sollte rund 8500 “volkseigene” Betriebe privatisieren. Sie musste allein im ersten Monat 10,3 Milliarden D-Mark an Liquiditätskrediten ausreichen, damit die Firmen überhaupt die Löhne ihrer Beschäftigten bezahlen konnten. 30 Prozent der Industriebetriebe brachen in den folgenden vier Jahren zusammen.

Ruinöse Sehnsucht nach Westprodukten

Verhängnisvoll für die ostdeutschen Unternehmen war zudem, dass die DDR-Bürger von einem Tag auf den anderen einheimische Produkte verschmähten und mit dem neuen Westgeld fast nur noch Westprodukte kauften. Statt fabrikneuer Wartburgs, angeboten zur Hälfte des Herstellungspreises, bevorzugten sie nun westdeutsche Gebrauchtwagen. 800.000 wurden, oft überteuert, in den “neuen Bundesländern” verhökert. Rund sieben Milliarden DM flossen allein dafür aus dem Osten in den Westen.

Die anfängliche Euphorie schlug rasch in Katzenjammer um. Am meisten haderten die neuen DM-Besitzer mit den neuen Preisen. Denn schlagartig fielen die Subventionen weg, die DDR-Staatschef Erich Honecker aus Furcht vor politischer Destabilisierung auf Grundnahrungsmittel verordnet hatte. Ein Laib Brot kostete zuvor 52 Pfennig, nun mehr als drei D-Mark; der Preis für fünf Kilo Kartoffeln stieg von einer Ost- auf fünf West-Mark.

Zwar wurden Güter des gehobenen Bedarfs wie Haushaltswaren, Elektrogeräte oder Kleidung erheblich billiger. Nach einer Aufstellung der DDR-Staatsbank verringerten sich die Lebenshaltungskosten für einen Vier-Personen-Arbeitnehmerhaushalt mit mittlerem Einkommen im August 1990 gegenüber dem Jahresdurchschnitt 1989 um 5,1 Prozent. Aber die meisten DDR-Bürger nahmen nur die Teuerungen wahr. Deshalb wollten sie, kaum war das neue Geld im Land, mehr davon. Mit dem Argument, dass sich die niedrigen Mieten – etwa 100 DDR-Mark für eine Drei-Raum-Neubauwohnung in Berlin – sowie die Beiträge für Renten- und Krankenversicherungen – zusammen maximal 60 Mark im Monat – vervielfachten, setzten die Gewerkschaften Lohnerhöhungen von 50 Prozent und mehr durch.

“Tragischerweise”, konstatiert der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel, waren es “die DDR-Bürger selbst, die mit ihren Demonstrationen gegen eine Währungsumstellung unterhalb der Parität bei den Löhnen eine flüchtige Wohlstandsillusion gegen eine nachhaltige Depression eintauschten”.

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