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Deutsches Wanderinstitut: Hier können Sie was erleben – garantiert

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“Die Wege sind voll, alle wollen raus”, sagt Klaus Erber. Der 60-Jährige freut sich. Gerade seien ihm an einem einzigen Nachmittag am “Kleinen Lückner” im Saarland rund hundert Leute begegnet, auf nicht einmal neun Kilometern. “Ja, wir spüren einen Corona-Effekt. Es ist ein regelrechter Boom.”

Jeder zweite Deutsche wandert mehr oder weniger regelmäßig. Und das anscheinend am liebsten auf Wegen, die so eine Art TÜV bestanden haben. Anders lässt sich der Erfolg des 2004 in Marburg an der Lahn gegründeten Deutschen Wanderinstituts nicht erklären.

“Ich selbst brauche in meinem Urlaub in Schweden keine zertifizierten Wege”, sagt dessen Vorsitzender, der Diplomgeograf Erber. Aber nicht alle seien eben Profis: “Viele haben Angst, sich zu verlaufen. Oder sie wollen einfach den Kopf freihaben, ihren Gedanken nachhängen und nicht ständig auf eine Karte schauen müssen.”

Außerdem wisse jeder Vater: Wenn der Familienausflug statt der geplanten drei satte sechs Stunden dauere, haben die Kinder beim nächsten Mal keine Lust mehr. Und noch einen Trumpf hat Erber im Ärmel: “Wenn ich mehrere hundert Kilometer für eine mehrtägige Wanderung anreise, will ich auch wissen, dass es sich lohnt. Warum sollte es keinen Test für Wege geben, wenn auch Toaster von einer Stiftung auf Herz und Nieren geprüft werden?”

Alles begann damit, dass der Physiker Rainer Brämer und einige Mitstreiter, zu denen auch Erber gehörte, in den Neunzigerjahren die Idee hatten, einen Qualitäts-Check für Wanderwege einzuführen. Ihnen schwebte vor, Pfade besser zu inszenieren und sie so zu einem vermarktbaren, touristischen Produkt zu machen.




Die sind ausgezeichnet


Deutsches Wanderinstitut

Die Institutsgründer merkten schnell: Schwarzwald und Schwäbische Alb hatten einen guten Ruf als Wanderreviere, doch die Reize anderer Regionen waren nahezu unbekannt. Wer wollte schon ins Saarland? “Als wir dort die ersten Wege zertifiziert hatten, stiegen die Übernachtungszahlen rasant an. Neue Hotels und Lokale gingen an den Start”, sagt Erber.

Erber kommt aus der Regionalplanung, er kennt sich mit Naturschutzgutachten und ähnlichen Themen schon von Berufs wegen gut aus. Er merkte bald, dass das Ganze mehr als ein Hobby sein könnte, ja sogar ein richtiges Geschäftsmodell. “Das gibt’s in dieser Form in anderen Ländern nicht, schon gar nicht mit einem wissenschaftlichen Ansatz”, sagt er. “Unser Siegel ist EU-weit geschützt.”

“Garantie für ein eindrucksvolles Wandererlebnis”

Der Erfolg gibt Erber recht. Er und andere Leiter des Instituts leben inzwischen unter anderem von dem TÜV für Wanderrouten. Tourismusverbände, die “Premium”-Wege zertifizieren lassen wollen, landen zwangsläufig bei ihnen, weil es kaum Alternativen gibt. Einziger Konkurrent ist der Deutsche Wanderverband mit seinem Label “Qualitätsweg Wanderbares Deutschland”.

Durchgeführt werden die Premium-Prüfungen dann von den Planungsbüros. Die wiederum geben fünf Prozent ihrer Umsätze an den eingetragenen Verein zurück, der sich auf diese Weise selbst trägt. Lediglich zwei Prozent der Mittel stammen von Fördermitgliedern wie etwa Veranstaltern von Wanderreisen und Fotografen.

Rund 2100 Euro kostet es, 15 Kilometer Weg als Premiumprodukt zertifizieren zu lassen. “Nicht jeder Pfad bietet das erhoffte Naturerlebnis”, sagt Erber. “Manchmal findet man sich auf Schotter- und Asphaltstraßen oder in tristen Siedlungen wieder.” Deshalb sind die Kriterien streng. Prüfen dürfen nur Personen, die den Weg zuvor nie begangen haben. Die Testgeher erfassen Stärken und Schwächen im Detail und erheben im Gelände für jeden Kilometer alle “erlebnisrelevanten Daten”.

Wenn der Familienausflug statt der geplanten drei satte sechs Stunden dauert, haben die Kinder keine Lust mehr

Die Merkmale können objektiver Natur sein: Sind Infotafeln, Bänke, Stege, Schutzhütten und Rastplätze vorhanden? Hinzu kommen weiche Faktoren wie “Schönheit des Waldes”. Führt der Weg längere Zeit durch eine Fichten-Monokultur, geht der Daumen nach unten. Für alles gibt es Punkte, die Gesamtzahl drückt die “Erlebnisdichte” der Wandertour aus. “Überschreitet diese den festgelegten Wert, so kommt das einer Garantie für ein eindrucksvolles Wandererlebnis gleich”, erklärt Erber.

Verläuft sich ein Profi wie er bei der Abnahme (“Ist mir schon zwei-, dreimal passiert”), dann sieht es schlecht aus. Dann fehlen Schilder, oder sie weisen in die falsche Richtung. Andere Leute nach dem Weg fragen? “Das geht gar nicht und verletzt meine Geografen-Ehre”, sagt Erber. Durchfallen kann man bei der Prüfung nicht, aber fünf Prozent der Kandidaten müssten nachbessern.

Wenn ein Tourismusverband gute Vorarbeit geleistet habe, sei die Abnahme zügig abgeschlossen. Für eine komplette Machbarkeitsstudie, wie sie derzeit für einen Kunden im Chiemgau entstehe, müsse man dagegen mehrere Jahre einplanen. Meist erfolgt nach drei Jahren eine Nach-Zertifizierung: Stehen die Holz-Wegweiser noch? Hat sich Müll angesammelt?

Gleich der erste Premium-Weg war ein Renner

Rund 650 Premium-Wanderwegen haben Erber und sein Team bis dato ihren Segen erteilt, die allermeisten davon sind Rundwege in den westdeutschen Bundesländern. Der Osten ist bis auf Thüringen noch ein weißer Fleck. Jenseits der Grenzen sind die Prüfer in Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und Südtirol unterwegs.

Sogar in Ruanda hat Erber zwei Wege in Augenschein genommen. “Deren Eröffnung liegt derzeit natürlich auf Eis.” Hinzu kommen zwei Stadtwanderwege, 62 Spazierwanderwege sowie einige Orte (wie Oberstaufen im Allgäu) und Regionen (wie die Feriengegend Rhein-Mosel-Eifel), die sich ebenfalls das Gütesiegel “Premium” erarbeitet haben.

Für die Tourismusverbände scheint sich das zu lohnen. Schätzungen zufolge geben Wanderer in Deutschland jedes Jahr 10 bis 15 Milliarden Euro aus. Gleich der erste Premium-Weg, der Rothaarsteig, wurde ein Renner. Ein Fachbüro schätzte das touristische Umsatzplus nach fünf Jahren auf mehr als 30 Millionen Euro.

Wenn man Erber, der jedes Jahr rund 1000 Kilometer in Wanderschuhen zurücklegt, nach seinen Favoriten befragt, sagt er ganz diplomatisch: “Ich habe 650 Lieblinge.” Er räumt dann aber doch ein, dass er es gern ruhig hat und lieber in den Hunsrück reist, als auf dem Rheinsteig wandert: “Der macht viele glücklich, ist mir aber zu laut.”

Ihm geht es nicht darum, Kilometer zu bolzen, weshalb ihm auch “Events” wie 24-Stunden-Wanderungen eher suspekt sind. Er hält lieber Ausschau nach seltenen Pflanzen, erfreut sich am Gesang der Vögel. Premium-Pfade sieht er als einen Beitrag zum Naturschutz: “Wo es gute Wege gibt, bleiben die Leute auch auf diesen.”

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