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Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Bildband “Wolfszeit”

Wilde Swing-Rhythmen waren für viele Deutsche kurz nach dem Krieg die pure Verlockung. Ausgelassen tanzten junge Paare Boogie-Woogie und Jitterbug. Vielleicht gerade deshalb, weil diese Musik konservativen Moralhütern besonders anstößig erschien.

In der sogenannten Stunde Null versank Deutschland längst nicht nur in Jammer und Depression. Harald Jähner, früher Feuilletonchef der “Berliner Zeitung”, nahm bereits in seinem 2019 veröffentlichten Buch “Wolfszeit” das Nachkriegsjahrzehnt 1945 bis 1955 unter die Lupe. Das Ergebnis: ein mentalitätsgeschichtliches Panorama voller Brüche und Widersprüche.

Die eindrucksvollen Fotos, die er bei seinen Recherchen in Archiven fand, sind nun in einem neuen Bildband erschienen. Die Aufnahmen stammen von Deutschen, Amerikanern, Russen, Briten und Franzosen. Einige von ihnen sind renommierte Fotografen, andere kennt man kaum. Manche von ihnen sind sogar anonym geblieben.

Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 endete, standen die Menschen in Deutschland vor riesigen Trümmerhaufen. Viele Häuser waren zerstört, alte Strukturen weggebrochen. Die Alliierten halfen den Deutschen, einen Weg in die Zukunft zu finden – allerdings nicht, ohne sie schonungslos mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

Drastische Bilder von NS-Verbrechen

Auf den Gesichtern derjenigen, die kurz nach dem Zerfall des NS-Regimes zwangsweise in die Konzentrationslager geführt wurden, sieht man Entsetzen, Ungläubigkeit, ja auch Trotz. Was die Bilder letztlich in den Köpfen bewirkten, erfahren wir auf den Fotos nicht. Bewohner der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Beckum blieben jedenfalls in sicherem Abstand zu einer Plakatwand, auf der ein Massaker an Kriegsgefangenen dargestellt ist.

Mehr als tausend Menschen waren elend gestorben, als im April 1945 in Gardelegen in Sachsen-Anhalt eine Feldscheune in Flammen aufging. An der Brandstiftung waren NSDAP-Funktionäre, SA- und SS-Männer, Soldaten der Luftwaffe und andere Regimetreue beteiligt, die danach alle Spuren zu beseitigen versuchten. “Deutsche Kultur 1945” lautete der brutale Spruch, den die Besatzer kurz darauf auf ihrer Schautafel anbringen ließen.

Viele Deutsche wollten diese düstere Vergangenheit, die noch gar nicht lang zurücklag, möglichst weit verdrängen. Die Ruinen der im Bombenhagel untergegangenen Städte wurden sozusagen zum Spiegelbild zerstörter Innenwelten von Menschen, die jegliche Orientierung verloren hatte. Trümmer übten in dieser Situation eine morbide Anziehungskraft aus.

Viele hielten die quasi dem Erdboden gleichgemachten Straßenzüge mit der Kamera fest. Der von Jähner in seinem Buch zitierte Kulturwissenschaftler Jörn Glasenapp erkennt darin das Bedürfnis, sich durch die Dokumentation des eigenen Leidens von einer kollektiven Schuld zu befreien.

Anarchie nach dem Zusammenbruch

“Wir sind eine Generation ohne Heimkehr, denn wir haben nichts, zu dem wir heimkehren könnten”, stellte der Schriftsteller Wolfgang Borchert fest. “Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört.”

Bilder, auf denen Frauen in zerstörten Häusern unter freiem Himmel kochen oder auf dem Schwarzmarkt gekaufte Schweine in Kinderwagen versteckt sind, zeigen, welche Anarchie in den vormals streng reglementierten Alltag eingezogen war. “Wolfszeit” habe man diese Übergangsphase zwischen dem Zerfall des Nazireiches und der Etablierung einer neuen Ordnung genannt, erklärt Jähner.

Ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus unterschiedlichen Ländern, die aus Lagern befreit wurden, streiften ziellos und hungernd durch das Land. Niemand kümmerte sich um sie. Viele Deutsche befürchteten zu Recht, zu Zielscheiben ihres Zorns zu werden. Nicht selten kam es zu Plünderungen und anderen Gewalttaten. Diejenigen, die bei deutschen Familien einquartiert wurden, sahen sich oft mit Ablehnung und Hass konfrontiert.

Vor allem die jungen Leute stürzten sich bald in das neu erwachende Nachtleben, um das Elend um sie herum zu vergessen. So mancher erinnerte sich später daran, in der Zeit so viel getanzt zu haben wie nie zuvor. Das Lachen der Mädchen in den Jazzclubs sei “heiser und brüchig und klarinettenhart”, zitiert Jähner den jungen Wolfgang Borchert, der damals Mitte 20 war und schrieb über “ihr Haar, das knistert wie Phosphor.”

Völkerverständigung und Geschlechtskrankheiten

Die Mütter dieser jungen Frauen hatten in den Kriegsjahren gelernt, ohne ihre Männer auszukommen. Als Trümmerfrauen, die in mühseliger Handarbeit den Schutt beiseite räumten, packten sie gemeinsam mit ihren Töchtern Gewaltiges bei dem Wiederaufbau an.

Als die Männer, die den Dienst an der Front schwer traumatisiert überlebt hatten, nach Hause zurückkehrten, standen die Zeichen bald auf Konflikt. Mit dem neuen Selbstbewusstsein ihrer Gattinnen hatten viele ein Problem. In den Nachkriegsjahren gab es eine regelrechte Scheidungswelle, gefolgt von einer Welle neuer Eheschließungen.

Die alliierten Oberkommandos erließen ein “Fraternisierungsverbot”. Dennoch entstanden unzählige Liebesbeziehungen zwischen Besatzern und deutschen “Fräuleins”, die ihren Familien Schokolade, Zigaretten und Lebensmittel mitbrachten.

Die Berliner Behörden wollten die unübersichtliche Lage irgendwann in den Griff bekommen. Im Rathaus Zehlendorf wurden im Februar 1947 unter rund 600 Bewerberinnen die ersten Frauen ausgewählt, die einen “Gesellschaftspass” bekamen. Fortan durften sie ungehindert amerikanische Clubs besuchen. “Veronika Dankeschön” wurden die “Fräuleins” bald genannt. Das Wortspiel basierte auf dem Kürzel “VD”, das für “venereal diseases” – auf Deutsch Geschlechtskrankheiten – stand.

“Nicht so gefroren, meine Herren”

Auch außerhalb dieser Enklaven wurde gefeiert und geflirtet, was das Zeug hielt – in Variété-Theatern, in Kellerbars, auf Volksfesten und beim Karneval. Man wollte die Enge der eigenen Herkunft möglichst rasch vergessen.

Die deutschen Männer hatten allerdings Mühe, die neuen Ansprüche der Frauen zu erfüllen und so lässig daherzukommen wie ein GI. “Nicht so gefroren, meine Herren”, riet ihnen die beliebte Zeitschrift “Constanze”.

In den Fünfzigerjahren nahm die junge Bundesrepublik weiter Kurs in Richtung Spaßgesellschaft. Nicht nur Musik, sondern auch Filme, Comics und Mode aus den USA waren äußerst populär. In Ostdeutschland trat man dagegen lieber den Rückzug ins Private an, um sich vom Staat unbeobachtet auszuleben.

Nicht zuletzt die deutlich schlechtere Versorgungslage bewegte viele Menschen dazu, die DDR zu verlassen. Über eine Million Bürger kehrten dem Land bis 1954 den Rücken. Bis zum Mauerbau 1961 stieg die Zahl auf drei Millionen. Über alle ideologischen Gräben hinweg blieben die meisten Deutschen aber weiterhin durch einen Wunsch geeint: Jenen, nie wieder einen verheerenden Weltkrieg erleben zu wollen.

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