Spiegel

Deutschlands ungeklärtes Problem: Wo Abwässer in Flüsse geleitet werden

An einem Sommertag vor 15 Jahren entdeckte der Naturschützer Jürgen Hellgardt Beunruhigendes. Er ging in seinem Heimatort Lauffen am Neckar spazieren, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg, bekannt für ihren Wein. Unweit einer Weide, am Ufer eines Flusses, erblickte er Tomatenpflanzen. Als er näherkam, sah er morastigen Boden. Es roch faulig.

Hellgardt ist Chemie-Ingenieur, seit 14 Jahren leitet er den Ortsverband der Umweltorganisation BUND. Tomatenkerne werden im menschlichen Darm oft nicht verdaut. Über Toiletten landen sie im Abwasser und in Kläranlagen. Auch die können sie überstehen, Hellgardt weiß das.

In Lauffen leitet eine Kläranlage gereinigtes Wasser in den Neckar. Hellgardt jedoch stand an der schmalen Zaber. Er hatte gedacht, dass dort kein Abwasser eingeleitet wird. Bis er die Tomaten sah.

Heute läuft Hellgardt über eine Wiese, vorbei an Zwetschgenbäumen, dahinter ragen Weinberge in die Höhe. Eine Idylle. Wäre da nicht das Rohr.

Hellgardt stoppt an einem Kanal. Ein vergittertes Betonrohr ragt aus der Erde, groß genug, dass ein Kind drin stehen könnte. Im Gitter hängt Toilettenpapier. In Brombeersträuchern, in den Ästen einer Silberweide, in Brennnesseln: Überall haben sich Papierfetzen verfangen. Im Wasser treibt eine Damenbinde. Das Wasser aus dem Rohr fließt direkt in die Zaber. Es kommt aus einer Betonkammer unter der Erde, dem Regenüberlaufbecken III.