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“Die Bachelorette” auf RTL: Diversität gibt es nur bei den Daniels






“Bachelorette” Melissa beschaut das Kandidatenfeld


Foto: TVNOW

Gäbe es einen Gott, hätten wir es alle schon hinter uns. Denn eine allmächtige, zumindest leidlich engagierte Wesenheit, egal, wie man sie nun nennen mag, hätte ganz sicher eingegriffen, als Neu-Bachelorette Melissa den Satz “Ich stehe auf smarte Männer” sagte. In einer gerechten, gut gewarteten Welt wäre das gesamte Bachelorettewesen an dieser Stelle mit einem flattrigen, nach Rosen duftenden Pups implodiert. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein smarter Mensch ernsthaft bei der “Bachelorette” anheuert.

Weil Gott aber tot oder zumindest schon beim sehr langweiligen, zusammengeschnippelten Staffelteaser weggeduselt ist, geht auch in der siebten Staffel alles seinen Gang, und smartheitsunverdächtige Männer treten auf und sagen ohne jede Scham Dinge wie “Arsch zeigen ist mein Markenzeichen” und “Konkurrenz und Enemy liegen sehr dicht beieinander.”





“Bachelorette” der Staffel 7: Melissa Damilia


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Melissa Damilia weiß indes genau, worauf sie sich einlässt, man muss kein Mitleid haben, denn wie ihre Vorgängerin Gerda Lewis ist sie upgecyceltes RTL-Rührungsmaterial. Bei “Love Island” wurde ihr übel mitgespielt, als ein Mitkandidat sie als Pausenpoussage hinhielt, bis seine wahre große Liebe zurück in die Villa kam – die freilich inzwischen eine noch größere Liebe mit einem anderen “Love Island”-Bizepsbuben gefunden zu haben behauptet, man muss inzwischen wirklich eine ganze Wand in seiner Wohnung dafür reservieren, um mit gespannten Wollfäden und ausgedruckten Instastory-Standbildern sämtliche  Fummelverwicklungen innerhalb dieses RTL-gespeisten Pettingpfuhls nachzuvollziehen.

Es müffelt nach Reparationszahlung

Der Melissa-Faden jedenfalls verhedderte sich nach ihrem tatsächlich sehr würdevollen Abgang bei “Love Island” dann leider, als sie erst eine lombardische Pietro-Plänkelei versehentlich ernst nahm und dann eine ebenfalls eher schlobberige – um im Fachduktus zu bleiben – Beziehung mit einem “Köln 50667”-Darsteller einging. Nun soll es also Melissas eigene “Bachelorette”-Staffel richten, es müffelt ein bisschen nach Reparationszahlung und klingt nicht wirklich wie eine gute Idee.

Man könnte nämlich zuvor kurz innehalten, überlegen, was alle unerquicklichen Melissa-Männerangelegenheiten der jüngsten Vergangenheit gemeinsam haben, und dann vielleicht versuchen, die so heiß ersehnte große Liebe zur Abwechslung mal in weniger grell ausgeleuchteten Ecken zu suchen, nur so eine Idee. “Jetzt möchte man einfach, dass man nicht mehr so viel von sich geben muss, um geliebt zu werden. Sondern einfach zusammen lieben”, sagt die Bachelorette zum Auftakt, sie kreiselt in Zeitlupe in einem Weizenfeld, und dann weint sie erst mal ganz viel, zum Beispiel, als sie zum ersten Mal die Villa sieht, in der sie nun auf Kreta wohnen wird.



Melissa auf Kreta

Melissa auf Kreta


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Wenn Melissa nicht weint, dann lacht sie, dazwischen gibt es nicht viel. Mehr noch als für das Amt der “Bachelorette” empfiehlt sie sich dabei für die Jury des Comedypreises, denn sie findet vieles sehr lustig, was die nun herangekarrten Kandidaten ihr sagen; es reicht bereits der Umstand, dass jemand aus Buxtehude kommt.

Frischfleischmann und Weinblogger

Das Kandidatenfeld ist ermüdend vorhersehbar: Es gibt den blitzverknallten Superschwelger, der Melissa direkt mit Aphrodite vergleicht, den schon erwähnten Arschzeiger, der sein Vorstellungsfilmchen versehentlich als Potenz-Testimonial gestaltet, ein lebendes “Entrepreneur”-Stockfoto, den verrückten Zwerghahn, den grimmigen Hünen mit dem Herz aus Gold, das Testo-Ekel, das neun Jahre älter ist als Melissa und sie deshalb beim Erstkontakt direkt als “Frischfleisch” bezeichnet: “Wenn man sich das erlauben kann, wer würde da nicht eine Jüngere nehmen, hat man doch mehr davon”.



Vorhersehbares Kandidatenfeld

Vorhersehbares Kandidatenfeld


Foto: TVNOW

Diversität gibt es nur bei den Daniels, gleich vier davon machen mit: Einer groß und breit, einer klein und österreichisch, einer mit ulkigem Beruf (“Weinblogger”, das hätte einem in früheren, pichelfroheren Zeiten auch mal selbst einfallen können), und dann noch einer. Der größte, also einzige Aufregermoment der ersten Folge ist dann, als der Frischfleischmann keine Rose bekommt und daraufhin, tief beleidigt, Melissa zum Abschied nicht noch das Patschehändchen geben möchte, sondern direkt davonwalzt und sich theatralisch den Mikrofongurt vom Leib reißt.

Vielleicht muss die “Bachelorette” ja zwangsweise langweilig sein, weil die in diesem Format behauptete Idee von Romantik eben einfach sehr, sehr langweilig ist, denkt man sich, aber dann linst man kurz in die USA, wo tags zuvor die 15. Staffel begonnen hatte. Dort gibt es zwar höchstwahrscheinlich auch keinen Gott, aber zumindest eine 39-jährige Bachelorette mit womöglich gesundem Menschenverstand: Gerüchteweise soll Clare Crawley ziemlich bald mit dem Kandidaten ihres Herzens aus dem Format geflohen sein, weil sie ihn einfach sehr gut fand und keine Lust auf die produktionsplanmäßigen Mätzchen mit anderen Männern hatte, weswegen dann angeblich eilig eine Ersatzbachelorette beschafft werden musste, die für die Flüchtige einsprang. Das klingt ziemlich unaufgeräumt und anstrengend. Oder eben wie eine Datingshow im Jahr 2020.

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