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Dominic Thiem gewinnt US Open, Alexander Zverev ist die Zukunft des Tennis




Alexander Zverev


Alexander Zverev


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Frank Franklin II / dpa


Im Finale der US Open waren fast vier Stunden gespielt. Die Entscheidung zwischen Dominic Thiem und Alexander Zverev musste im Tiebreak fallen – was die ganze Dramatik dieses Matches in wenige Minuten komprimierte:

Thiem kann vor Krampfgefahr kaum noch gehen. Zverev kämpft mit seiner Fehlerquote, gibt aber nie auf. Bei 4:6 und Aufschlag Thiem wehrt der Deutsche den ersten Matchball ab. Es folgt ein zweiter Aufschlag von Zverev mit lediglich 109 Kilometern pro Stunde, ein Einwurf, wie er höchstens mal bei Henner-Henkel-Spielen zu sehen ist – und doch reicht es zum Ausgleich. Beim nächsten Punkt bekommt Zverev zwei glänzende Volley-Chancen, Matchball wäre die Folge gewesen, er lässt sie aber verstreichen. Stattdessen folgt die dritte Chance für Thiem, eine Cross-Vorhand von Zverev landet im Aus, und der Österreicher lässt sich vor Freude und Erschöpfung auf den Boden fallen.

“Ich hatte genügend Chancen”, sagte Zverev nach dem Match, das er 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 verlor. Zwei Sätze war er der bestimmende Spieler, dann vollendete sein Freund Thiem eine aufregende Aufholjagd. “Er hat sich diesen Grand-Slam-Titel wahrscheinlich mehr verdient als ich”, sagte Zverev.

Es war sicher nicht das beste Finale in den Annalen der US Open. Aber es war packend, mitreißend und durch die vielen Aufs und Abs extrem unterhaltsam.

Und daran hatte Alexander Zverev – bei allem berechtigten Jubel für Thiem – einen großen Anteil. Der 23-Jährige muss noch auf seinen ersten Grand-Slam-Titel warten. Dieses Finale, diese gesamten zwei Wochen in New York mit insgesamt sieben Matches haben gezeigt, dass Zverev einen Reifeprozess durchgemacht hat, der ihm große Tennistitel bescheren wird.

Die neue Reife des Alexander Zverev

Zverev hatte mit seiner Halbfinalteilnahme bei den Australian Open im Januar – damals verlor er auch gegen Thiem in vier Sätzen – bereits angedeutet, dass er nun auch in der Lage ist, über zwei Wochen bei Grand-Slam-Turnieren erfolgreich sein zu können. In den Jahren davor war für Zverev bei den Majors stets spätestens im Viertelfinale Schluss gewesen, oftmals war er nicht mal über die dritte Runde hinausgekommen.

Das hatte ihm in Deutschland den Ruf eingebracht, nicht gut genug für die Nachfolge von Boris Becker oder Michael Stich zu sein. Viele sahen in ihm einen unnahbaren Star, der bisweilen als arrogant beschrieben wurde. International bekam der gebürtige Hamburger deutlich mehr Anerkennung, auch im Hinblick auf sein Alter. Zverev stand mit 18 Jahren das erste Mal im Hauptfeld von Wimbledon. Da hatte Becker bereits zweimal in London triumphiert, doch das ist im modernen Tennis so nicht mehr denkbar.

Nun, in New York, unter erschwerten Bedingungen in einer Blase, die gedanklich eigentlich nur Tennis zuließ, zeigte Zverev eine neue Seite. Er wirkte in seinen sieben Spielen sehr fokussiert, ließ sich auch von Rückständen oder eigenen Unzulänglichkeiten nicht aus der Ruhe bringen. Er verfolgte sein Ziel mit einer bemerkenswerten mentalen Stärke. Im Tennis entscheiden Aufschlag, Volley oder Passierschlag nur vordergründig, der Kopf ist ausschlaggebend.

Im Vorfeld der US Open hätte man problemlos von einem angeschlagenen Zverev ausgehen können. Nach dem guten Start ins Jahr hatte es viele Turbulenzen gegeben. Die Teilnahme an der umstrittenen Adria-Tour, sein Party-Besuch an der Côte d’Azur, das anschließende Untertauchen vor der Öffentlichkeit, die Absage des Turniers in Berlin, der Trainerwechsel hin zu David Ferrer, die Erstrundenniederlage beim Masters von Cincinnati in der Vorbereitung auf die US Open.

Doch Zverev schaffte es trotz oder vielleicht auch wegen der vielen Negativschlagzeilen, sich vollumfänglich auf sich und sein Spiel zu konzentrieren. Er arbeitete im Vorfeld viel an seinem Service, was die große Schwachstelle – den zweiten Aufschlag – nicht ausradierte, aber ihn viel mehr zum Teil seines Spielstils werden ließ. Doppelfehler gehören genauso zu Zverev wie der beschriebene Einwurf im Tiebreak oder Asse mit extremem Risiko. Er weiß das, er kann damit umgehen – wie auch mit allen anderen Unwägbarkeiten.

Das Tennis ist bereit für neue Kapitel

Das zeichnet auch die Großen Drei im Tennis aus, die in den vergangenen Jahren nahezu alle Grand-Slam-Titel unter sich aufgeteilt haben. Nun lag es an besonderen Umständen, dass Roger Federer (verletzt), Rafael Nadal (freiwillig abgesagt) und Novak Djokovic (disqualifiziert) bei diesen US Open nicht im Finale standen. Und doch zeigte das Duell zwischen Zverev und Thiem, dass im Tennis eine neue Zeitrechnung beginnen wird.



Ein Fall für zwei Freunde: Dominic Thiem (l.) und Alexander Zverev

Ein Fall für zwei Freunde: Dominic Thiem (l.) und Alexander Zverev


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Frank Franklin II / AP


Hinter den drei Veteranen klaffte seit Jahren eine Lücke. Es mangelte nicht an talentierten Spielern. Aber es mangelte an großen Siegen – und an der Vorstellungskraft, sich Tennis ohne Federer, Nadal und Djokovic auszumalen. Das ist nun vorbei. Die Drei werden vermutlich noch ein paar Jahre spielen und weitere Titel gewinnen. Aber dieses Finale, dieser vierstündige Krimi, auch die Fortführung des respektvollen Umgangs mit dem Gegner, wie Federer und Nadal es seit Jahren machen, hat gezeigt, dass das Tennis bereit für neue Kapitel ist.

“Ich bin 23 Jahre alt”, sagte Zverev. “Ich glaube nicht, dass das meine letzte Chance war. Ich glaube daran, dass ich irgendwann ein Grand-Slam-Champion sein werde.” Widerspruch ist zwecklos.

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