Spiegel

Donald Trump treibt die USA in den Wahnsinn

Mit Verschwörungstheorien verhält es sich ähnlich wie mit dem Coronavirus: Sind sie erst einmal in der Welt, können sie jeden befallen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und politischer Einstellung. An diesem Sonntag berichtete der Michael R. Caputo, ein Vertrauter von Donald Trump, von ominösen Schatten, die er an der Wand seiner Washingtoner Wohnung zu sehen glaubte.

In einem Facebook-Chat mit Freunden erzählte er auch von paramilitärischen Verbänden, die angeblich überall im Land trainieren, um den Widerstand gegen eine zweite Amtszeit Trumps anzuführen. Und er empfahl seinen Freunden, sich für die kommende Schlacht vorzubereiten: “Wenn Sie eine Waffe haben, meine Damen und Herren, dann kaufen Sie jetzt Munition, denn es wird sehr hart werden.”

Caputo ist nicht irgendein Spinner, der im Netz seinen Wahnsinn verbreitet. Der 58-Jährige hat eine ebenso schillernde wie bewegte Vergangenheit:

  • Er hat in den Neunzigerjahren den russischen Präsidenten Boris Jelzin beraten und stand auf der Lohnliste des Energieriesen Gazprom.

  • Später dann trat er in die Dienste von Donald Trump und beriet ihn, als dieser sich anschickte, die republikanische Präsidentschaftskandidatur zu erobern.

  • Im April machte ihn Trump zum Sprecher des amerikanischen Gesundheitsministeriums und damit zum obersten Kommunikationsbeauftragten für die Corona-Pandemie.

Aber während seriöse Wissenschaftler innerhalb der Regierung darauf drängen, dass der Präsident die Amerikaner zum Maskentragen ermuntert, entwickelt Caputo eine ganze eigene Theorie, warum die USA bei der Bekämpfung der Pandemie so schlecht aussehen: Die Beamten der Seuchenbehörde CDC würden nicht aus ihren Jogginghosen herauskommen, sagte er, “außer um sich in einem Café zu treffen, um die nächste Intrige gegen den Präsidenten zu planen”.

Angeblich grübeln inzwischen selbst Trumps Berater darüber nach, ob es eine gute Idee ist, einem Mann die Kommunikation über die Corona-Pandemie zu überlassen, der Schatten an der Wand sieht. Andererseits übertrifft Caputo den Präsidenten in seinem Wahn nur leicht.

Der Präsident selbst hat ja schon darüber fabuliert, dass linke Aktivisten in Kampfmontur durch die USA geflogen werden, um Aufruhr zu erzeugen. Und dass der “deep state”, der “tiefe Staat”, also der Beamtenapparat in Washington, gegen ihn arbeitet, gehört zum Leitmotiv des Präsidenten, seit er im Januar 2017 vereidigt wurde.

Im Unterschied zu Trump aber glaubt Caputo offenkundig an den Irrsinn, den er verbreitet. Er ist das Opfer einer Lügenpandemie, die nicht im chinesischen Wuhan ihren Ursprung nahm, sondern im Weißen Haus.

Was wichtig wird

Zu amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen gehören die sogenannten “October surprises”, also jene Ereignisse, die das Potenzial haben, eine Kampagne noch im letzten Moment zu drehen. In diese Kategorie fällt zweifellos jener Tonbandmitschnitt, der Anfang Oktober 2016 öffentlich wurde und in dem sich Donald Trump damit brüstete, Frauen ungefragt in den Schritt zu fassen.

In den Tagen danach galt Trump als erledigt – bis der damalige FBI-Chef James Comey Ende Oktober 2016 ankündigte, die Ermittlungen in Hillary Clintons E-Mail-Affäre wieder aufzunehmen. Heute glauben viele Demokraten – darunter auch Clinton selbst – dass Comey damit Trump die Schlüssel zum Weißen Haus überreicht hat.

Gibt es auch in diesem Jahr wieder Oktoberüberraschungen? Eines jedenfalls ist klar: Trump braucht eine Wende des Wahlkampfes deutlich nötiger als Joe Biden, der in fast allen Umfragen vor dem Präsidenten liegt. Wie eine solche Überraschung aussehen könnte, ließ der Präsident gerade auf Twitter durchblicken.

Dort kündigte er an, die USA würden “1000 Mal” schlimmer zurückschlagen, falls Iran als Rache für den Tod des Generals Qasem Soleimani einen Anschlag auf die USA verüben sollte. Man kann den Tweet als Warnung an das Regime in Teheran lesen. Oder als Prognose, welches Thema in den letzten Wochen vor der Wahl noch wichtig werden könnte.

Was die Umfragen sagen

Die Kampagne Bidens sorgt sich momentan um eine Wählergruppe, die sie eigentlich schon in der Tasche wähnte: Latinos. Welchen Grund sollten Wähler mit lateinamerikanischen Wurzeln haben, einen Präsidenten zu wählen, der Mexikaner als “Verbrecher” und “Vergewaltiger” bezeichnet hat, der eine Mauer an der Südgrenze der USA baut und der einen Massenmörder inspiriert hatte, der im August 2019 23 Menschen im texanischen El Paso tötete?

Aber eine Umfrage zeigt nun, dass Trump eine knappe Mehrheit der Latinos in Florida hinter sich hat – was vor allem daran liegt, dass die Exilkubaner zum Präsidenten halten. Gerade diese Gruppe scheint besonders empfänglich für Trumps Botschaft zu sein, dass Biden in Washington ein sozialistisches Regime einführen werde.

Für die Demokraten ist die Umfrage beunruhigend. Trump besiegte Hillary Clinton im Jahr 2016 auch deshalb, weil er das bevölkerungsreiche Florida mit einer hauchdünnen Mehrheit gewonnen hatte. Wahlkämpfer Biden war deshalb und trotz Corona am Dienstag in Florida – zum ersten Mal, seit er offiziell der Kandidat der Demokraten ist.

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

  • Meine Kollegen Marc Pitzke und Veronika Hackenbroch haben mit Bill Gates über sein Engagement gegen die Corona-Pandemie gesprochen.

  • Donald Trump Jr. will der politische Erbe seines Vaters werden – und verdrängt dabei seine Schwester Ivanka

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich,

Ihr René Pfister