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Dopingarzt Mark Schmidt: Geheimtreffen an Raststätten und Tarnnamen für Athleten

Der mutmaßliche Drahtzieher des bislang wohl größten Doping-Netzwerkes in Deutschland tritt mit festem Schritt in den Sitzungssaal A 101 des Oberlandesgerichts in München. Mark Schmidt, 42, versucht, selbstbewusst zu wirken, während er in Handschellen von einem Justizbeamten hereingeführt wird.

Zum Prozessauftakt am Mittwochmorgen trägt der Mediziner aus Erfurt ein blaues, kurzärmeliges Sommerhemd und helle Chinohosen. Anders als seine vier Mitangeklagten, die ihr Gesicht verbergen, stellt er sich bereitwillig den Fotografen. 

Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist groß, vor dem Haupteingang des Gerichts sind Fernsehkameras postiert. Aber nur sechs Journalisten und sieben Zuschauer sind wegen der Corona-Bestimmungen zugelassen auf der Galerie des Saals, die sonst rund einhundert Personen fasst.

Bis zu zehn Jahre Haft möglich

Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft wirft Schmidt in 34 Fällen unter anderem “gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Dopingmethoden beziehungsweise der Beihilfe hierzu” vor. Der Sportarzt werde zudem wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. So steht es in der 145-seitigen Anklageschrift.

Bei einer Verurteilung drohen Schmidt bis zu zehn Jahre Haft, außerdem könnte er seine staatliche Zulassung als Mediziner verlieren.

Schmidt schmunzelt und scheint fast amüsiert, als der leitende Staatsanwalt Kai Gräber die Anklage vorträgt. Darin geht es um Blutzentrifugen, Spezialkühlschränke zur Lagerung von Blutbeuteln, geheime Treffen an Raststätten und Tarnnamen für Athleten. 

Der Mediziner, der seit anderthalb Jahren in Untersuchungshaft sitzt, habe nach der “Rein-raus-Methode” praktiziert. Weit mehr als hundertmal sollen er und seine Helfer Sportlern Blut entnommen und wieder zurückgeführt haben, um sie im Wettkampf schneller und ausdauernder zu machen. 

Zu Schmidts Kunden zählten mindestens 23 Athleten aus acht europäischen Ländern – die meisten von ihnen Winter- oder Radsportler, die unter anderem an den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang oder der Tour de France teilgenommen haben. Auch Deutsche Sportler wie der Radrennfahrer Danilo Hondo nahmen die Dienste des Arztes in Anspruch.

Unfair, gesundheitsgefährdend, lukrativ

Eigenblutdoping ist nicht ungefährlich. Zu den Nebenwirkungen zählen Schwindelgefühle, septische Schocks, Angstzustände. Doch die meisten von Schmidts Kunden schienen das in Kauf zu nehmen. Sie wollten Erfolg. Zwischen 5000 und 15.000 Euro zahlten sie dem Arzt  – in Ausnahmen bis zu 30.000 Euro. So erwirtschafte Schmidt in rund fünf Jahren mindestens 175.000 Euro.

Am ersten Verhandlungstag schweigen Schmidt und seine Mitangeklagten. Stattdessen greift Peter Helkenberg, Verteidiger eines mutmaßlichen Komplizen von Schmidt, einem befreundeten Bauunternehmer, die Münchner Staatsanwaltschaft scharf an. Er wirft den Ermittlern vor, der Verteidigung unvollständige Akten zur Verfügung gestellt und damit die Arbeit der Verteidigung behindert zu haben. Außerdem fußten viele Anschuldigungen der Anklage auf rechtswidrig erlangte Informationen durch Privatermittler, wie abgehörte Telefonate und abgegriffene Emails. “Offenbar heiligte hier der Zweck die Mittel”, sagt Helkenberg in Richtung von Staatsanwalt Gräber. 

Auch seien nur wenige in der Anklage angeführten Taten seines Mandanten strafrechtlich relevant, weil das deutsche Anti-Doping-Gesetz Verstöße erst seit Dezember 2015 unter Strafe stelle. 

Verteidigung beklagt “Vermarktung des Verfahrens”

Die Staatsanwaltschaft habe deshalb mutmaßliche Straftaten seines Mandaten vor diesem Zeitpunkt “aufgebauscht”, erklärt Helkenberg und fordert, das Verfahren gegen seinen Mandaten einzustellen. Ein Eindruck verfestigt sich schon am ersten Verhandlungstag: Die Verteidiger unterstellen der Staatsanwaltschaft, dass sie offenbar sehr bemüht war, der Öffentlichkeit ihre Vorwürfe gegen den Erfurter Dopingzirkel bedeutungsvoller zu verkaufen, als sie es in ihrer Schwere womöglich sind. Helgenberg: “Die seit Februar 2019 zu beobachtende Vermarktung des Verfahrens, die konzertierte Aktion zwischen denjenigen Presseorganen, die Teil der Anti-Doping-Industrie sind und der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München, die in dem Interesse vereint sind, dieses Verfahren als das größte Doping-Verfahren der jüngeren Geschichte darzustellen, macht einen fairen Prozess unmöglich.”

Der ermittelnde Staatsanwalt Gräber wies die Vorwürfe zurück, einen Einsatz “polizeifremder Ermittlungsbehörden” habe es nicht gegeben. Dass man sich mit Ermittlern untereinander ausgetauscht habe, sei unbedenklich. Ein Fehlverhalten darin könne er nicht erkennen. 

Wie die Vorsitzende Richterin Marion Tischler den Vorwürfen der Verteidigung entgegentritt, blieb am ersten Verhandlungstag offen. Der zweite Prozesstag ist an diesem Freitag. Insgesamt sind noch 25 weitere Hauptverhandlungstermine angesetzt, der vorläufig letzte am 21. Dezember 2020.

Ein Erfolg wäre für die Ermittler beinahe historisch. Bis heute gibt es in Deutschland keinen größeren Fall im Leistungssport, bei dem dopende Sportler oder ihre Komplizen angemessen sanktioniert wurden. 

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