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Egan Bernal bei der Tour de France: Der Einbruch




Egan Bernal:


Egan Bernal: “Ich glaube, ich habe auf dieser Etappe drei Jahre meines Lebens verloren”


Foto: Christophe Ena / AP

Der Rückfall: Als Egan Bernal 2019 mit erst 22 Jahren die Tour de France gewann, wurde ihm eine goldgelbe Zukunft versprochen mit mehreren Siegen bei der Frankreich-Rundfahrt. In diesem Jahr wird Bernal das Maillot Jaune allerdings nicht verteidigen. 13 Kilometer vor dem Gipfel des Grand Colombier brach Bernal unter dem hohen Tempo von Jumbo-Visma ein. Zwei Teamkollegen blieben zur Hilfe bei ihm, doch am Ende verlor der Kolumbianer mehr als sieben Minuten auf die Spitze. Das wird er nicht mehr aufholen können.

Resignation: “Ich habe seit dem ersten Anstieg gelitten”, sagte Bernal: “Ich glaube, ich habe auf dieser Etappe drei Jahre meines Lebens verloren. Ich habe auf ein Wunder gehofft, das nie eingetreten ist.” Bereits am Freitag hatte sich der Einbruch des Titelverteidigers abgezeichnet, als er einige Sekunden auf Primoz Roglic und Tadej Pogacar verlor. “Die anderen sind stärker und ich konnte ihnen nicht folgen, das müssen wir zugeben”, so Bernal. Und Pogacar sagte: “Ich vermute, Egan Bernal ist kein Rivale mehr.”

Ergebnis der Etappe: Pogacar gewann die Bergankunft der 15. Etappe. Nach 174,5 Kilometern von Lyon zum Grand Colombier setzte sich der Slowene im Endspurt gegen seinen Landsmann Roglic durch, Richie Porte wurde Dritter. Roglic behält das Gelbe Trikot, er hat 40 Sekunden Vorsprung auf Pogacar. Lesen Sie hier den Etappenbericht.

Das Duell: Pogacar hat nun bereits zwei Etappen gewonnen – als jüngster Fahrer seit René Vietto 1934. Schon in den Pyrenäen war Pogacar Roglic einmal im Zielsprint entkommen. Der 21-Jährige scheint der einzige Fahrer zu sein, der dem Mann in Gelb wirklich gefährlich werden kann. “Im Moment scheint Roglic nicht aufzuhalten”, sagte Pogacar zwar: “Aber heute ist Bernal eingebrochen und vielleicht werden ich oder Primoz an einem Tag auch noch einbrechen.” Auch Roglic rechnet mit einem Duell der Slowenen. “Ich denke nicht, dass die Spannung im Gesamtklassement vorbei ist”, sagte er: “Ich wünschte, es wäre so.”

Die Raser: Die Etappe hatte rasant begonnen, zu Beginn waren die Fahrer mit einem Schnitt von 50 Kilometern pro Stunde unterwegs. Es ging mit einem so hohen Tempo an die drei Aufstiege am Colombier, dass die achtköpfige Ausreißergruppe mit dem deutschen Profi Simon Geschke keine Chance hatte. Hauptverantwortlich für die Geschwindigkeit: Das Team Jumbo-Visma. Zu Beginn des Schlussanstiegs hatte Roglic noch fünf Helfer, die Niederländer machten alleine ein Drittel der Spitzengruppe aus. Nur wenige Topfahrer konnten folgen. Diese Dominanz kannte man sonst nur vom Team Ineos.

Generalprobe: Jumbo-Vismas Führungsarbeit wirkte perfekt durchchoreographiert. Kein Wunder, denn die Strecke mit drei Anstiegen am Grand Colombier war der Mannschaft schon sehr gut bekannt. Anfang August war die Tour-Etappe bereits nahezu deckungsgleich beim Vorbereitungsrennen Tour de l’Ain gefahren worden. Damals hatte Roglic die Etappe vor Bernal und Nairo Quintana gewonnen. Die beiden Kolumbianer konnten dagegen nicht von ihrer Erfahrung profitieren.

Verhängnisvoller Schlenker: Nur ein falsches Manöver kann die Tour de France beenden. Das bekam am Sonntag der Kolumbianer Sergio Higuita zu spüren. Er fuhr aus einer Linie an Fahrern nach rechts und schaute nach hinten. Doch im selben Moment zog auch der Luxemburger Bob Jungels zur Seite. Higuita ging zu Boden und musste behandelt werden. Der 23-Jährige fuhr zunächst weiter, musste wenige Kilometer später aber unter Tränen aufgeben.

Black Lives Matter: Sei es in der NBA, im Tennis bei den US Open oder in der Formel 1: Bei den großen Sportveranstaltungen in diesem Jahr setzen Sportlerinnen und Sportler sowie Organisatoren Zeichen gegen Rassismus, indem sie sich der Bewegung Black Lives Matter anschließen. Nur bei der Tour de France war bislang nichts davon zu sehen. Kevin Reza, der einzige schwarze Fahrer im Peloton, will es aber offenbar nicht dabei belassen. “Ich bin Kevin Reza, mein Wort hat nicht so viel Gewicht im Weltsport wie Lewis Hamilton in der Formel 1 oder Lebron James in der NBA”, sagte Reza zwar laut Reuters. Aber: “Ich denke darüber nach, die Dinge auf den Weg zu bringen, um meine Unterstützung für diese Bewegung zu zeigen.”

Ruhetag: Am Montag kann sich das Peloton wieder erholen. Die Stimmung wird trotzdem angespannt sein, denn die Fahrer und Betreuer werden wieder auf das Coronavirus getestet. Fallen zwei Tests innerhalb einer Mannschaft positiv aus, wird sie von der Tour ausgeschlossen. Die Ergebnisse sollen bis Dienstagmorgen vorliegen. Dann steht die nächste schwere Bergetappe mit 164 Kilometern von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans an.

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