Spiegel

“Ehrenpflegas”-Werbung des Familienministeriums sorgt für Ärger




Plakat der


Plakat der “Ehrenpflegas”-Hauptfiguren bei der Premiere in Berlin: Pflegerinnen und Pfleger sind sauer


Foto: Nils Hasenau / eventfotografen

“Also in meiner Klasse ist niemand so blöd”, sagt Nora Bergmann*. Die 27-Jährige steckt im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin und hat gerade die erste Folge von “Ehrenpflegas” auf dem Handy gesehen. Kurz lacht sie verzweifelt auf. “Wenn man so blöd ist, schafft man die Ausbildung nicht.” 

Dabei hatte es so vielversprechend angefangen. “Mach Karriere als Mensch” heißt der Slogan einer Werbekampagne, mit der das Bundesfamilienministerium unter SPD-Politikerin Franziska Giffey junge Menschen in die Pflegeausbildung locken will. Teil dieser Kampagne ist die auf Schulabgänger zielende Mini-Webserie “Ehrenpflegas”, die am 12. Oktober in Berlin Premiere feierte, nun auf YouTube läuft und in sozialen Netzwerken beworben wird. Bundespolitik trifft Teenie-Komödie, was kann da schiefgehen?

Leider so Einiges, das zumindest sagen Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten.

Dabei fährt “Ehrenpflegas” auf, was in Deutschland – genauer: auf Netflix – an deutschem Schauspielnachwuchs vorhanden ist. Lisa Vicari aus “Dark” spielt mit Danilo Kamperidis und Anna Lena Klenke aus “How To Sell Drugs Online Fast” ein Trio aus Pflege-Azubis, dem die Produzenten von “Fack ju Göthe” jede Menge Jugendwort-des-Jahres-Kandidaten in den Mund legen durften – von “cringe” bis “abkassieren wie ein Assi”.

“Ich bin 25 Jahre alt und ich gehe erste Klasse. Erste Klasse Pflegeschule. Pflegeschule nicht wie Förderschule, ich brauch keine Hilfe beim Essen. […] Ich chill dann mit Alten und Kranken und so.”

“Ehrenpflegas”-Figur Boris, gespielt von Danilo Kamperidis

Einstellungsvoraussetzung: Herz – ja, Hirn – nein

Das ist ansprechend produziert, mit eingeblendeten WhatsApp-Chats, Zeitlupen-Kamerafahrten und Kino-Optik. Die Kritik von Pflegekräften und Azubis wie Nora Bergmann richtet sich gegen die stumpfe Darstellung ihres Jobs und ihrer Kollegen.

In fünf Folgen von je etwa sechs Minuten zeigen die Hauptfiguren sich als begriffsstutziger E-Zigaretten-Händler oder als elitäre Streberin, die von der Klasse gemobbt wird. Dazu streuen sie häppchenweise Infos zur reformierten Pflegeausbildung in ihre Gespräche ein: Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege werden seit Kurzem gebündelt, heißt es da, man verdient schon im ersten Lehrjahr über 1000 Euro – das reicht bei den Pflegas für ein WG-Zimmer und ein gebrauchtes Golf Cabrio.

“Boris hat ein Referatstrauma. Er sollte in der Schule mal ein Referat über den Otto-Motor halten, hat aber über den Otto-Katalog geredet. Die ganze Klasse hat gelacht, er hat angefangen zu weinen.”

“Ehrenpflegas”-Figur Miray, gespielt von Lisa Vicari

Reduziert bleibt nicht nur der Intellekt von Hauptfigur Boris, sondern auch die Darstellung des Jobs. Die Hauptaufgaben der “Pflegas” sind laut der Serie nämlich: Pillen sortieren, beim Toilettengang helfen – und sich daran erinnern, wie die Bewohner im Pflegeheim ihr Frühstücksei mögen. Davon, dass Pflegende viel Verantwortung tragen, sieht man wenig. Es bleibt der Eindruck, man brauche nicht mehr um Pflegerin zu werden, als ein Herz am rechten Fleck. 

In der Branche wird über die Komödie daher wenig gelacht. Wer so lernfaul sei wie der fiktive Boris, werde in dem Beruf nicht weit kommen, sagt Nora Bergmann. “Die Ausbildung ist wie der Anfang eines Medizinstudiums.” Man müsse wissen, wie die Bauchspeicheldrüse funktioniere, wie ein Knochen aufgebaut sei und welches Medikament wie wirke: “Wenn wir nicht selbst die Wechselwirkungen und Gefahren der Wirkstoffe kennen, kann das lebensgefährlich sein.”

Wut über die dümmliche Darstellung des Jobs

Als “entwürdigend” empfindet Onkologie- und Palliativpfleger Ludwig Montag, 31, die laut Medienberichten 700.000-Euro teure Kampagne.

“Professionelle Pflege ist ein Fach, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert und aktuelles Wissen mit den Bedürfnissen und Ressourcen der Patientinnen und Patienten in Einklang bringen muss”, sagt Montag, “man trifft selbstständig Entscheidungen, plant diese im Team und koordiniert sie mit anderen Berufsgruppen.” All das komme in “Ehrenpflegas” nicht vor. Stattdessen werde der Beruf auf die Grundpflege und ein nettes Lächeln reduziert.

In einer Petition an Sozialministerin Giffey fordert Montag die Einstellung der Serie. “Unter Umständen” besitze diese zwar “komödiantisches Potenzial”, heißt es darin, alles in allem sei die Kampagne aber “ungeeignet”, Interesse am Pflegeberuf zu wecken.

Dabei ist dieses Interesse dringend nötig, um den Personalnotstand auf den Stationen zu beenden. Familienministerin Giffey, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) planen, die Zahl der Azubis und der ausbildenden Betriebe bis 2023 um zehn Prozent zu steigern. Dazu diene auch die neue Kampagne: “Mit der Miniserie ‘Ehrenpflegas’ wollen wir die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abholen und genau dort erreichen, wo sie sich Informationen holen: in den sozialen Netzwerken”, wird Giffey in der zugehörigen Pressemitteilung zitiert. Und im FAQ zur Serie heißt es: “Das Format entspricht in jungen Altersgruppen beliebten Serien und bedient sich einer modernen Bildsprache. Eine Verzerrung der Realität ist dabei Teil des humoristischen Konzepts.”

Ein guter Job mit schlechten Bedingungen

Bei den Pflegenden kommt dieses Konzept nicht an. “Es bringt uns nichts, Missstände zu erkennen und zu monieren, wenn die Konzepte, die sich die Politik überlegt, derart an den Problemen des Berufs vorbeigehen wie momentan”, sagt Montag. Von der Petition erhoffe er sich daher vor allem den Start eines Dialogs zwischen Pflegenden und Bundespolitik. Er wolle mit den politischen Entscheidungsträgern gemeinsam Konzepte entwickeln, die nicht nur die personellen, sondern auch die strukturellen Probleme angehen. “Neu gewonnene Kolleginnen und Kollegen stoßen schnell an dieselben strukturellen Grenzen wie wir jetzt”, sagt Montag. Entsprechend viele Berufsanfänger würden der Pflege daher wieder den Rücken kehren.

Mehr zum Thema

Auch Azubi Nora Bergmann spielt mit diesem Gedanken: “Es ist ein toller Job – leider mit schlechten Bedingungen.” Häufiger schon sei sie mit nur einer weiteren Kollegin für über 30 stark pflegebedürftige Menschen verantwortlich gewesen. Am meisten belaste sie, dass sie dann kaum Zeit mit den Pflegebedürftigen verbringen könne: “Die Versorgung wird auf ein Minimum heruntergeschraubt, also Intimpflege, Mundpflege, Gesicht abwischen. Sich mal hinsetzen und reden ist nicht drin. Die Menschen vereinsamen vor meinen Augen und ich kann nichts dagegen machen – außer unbezahlter Überstunden.”

So ist das wahre Leben als Ehrenpflegerin.

* Um sie vor beruflichen Nachteilen zu schützen, haben wir den Namen der Protagonistin geändert. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

Icon: Der Spiegel