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“Elternschule”: Umstrittene Abteilung der Kinderklinik Gelsenkirchen schließt




Kind mit Neurodermitis-Erkrankung (Symbolbild)


Kind mit Neurodermitis-Erkrankung (Symbolbild)


Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Die hochgradig umstrittene psychosomatische Abteilung der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen ist offenbar am Ende: Nach SPIEGEL-Informationen wurde die Abteilung geschlossen, die stationäre Behandlung unter anderem von Kindern mit Neurodermitis und Allergien eingestellt.

Auch der “Westdeutschen Allgemeine Zeitung” liegen Informationen über die Schließung vor. Grund sei die fehlende Nachfrage auf Patientenseite und damit die mangelnde Wirtschaftlichkeit. Der Bericht beruft sich auf den Geschäftsführer der Klinik. Ein Sprecher der Klinik kündigte gegenüber dem SPIEGEL eine Stellungnahme für kommenden Montag an.

Das Gelsenkirchener Behandlungskonzept war durch den 2018 entstandenen Film “Elternschule” bekannt geworden – und hatte heftige Kritik hervorgerufen. Erkrankte Kinder tyrannisierten nach dieser Lesart ihre Eltern, indem sie immer wieder ihre Hilfsbedürftigkeit herausstellten. Die Eltern sollten von solcher Vereinnahmung konsequent lösen.

Ermittlungen eingestellt

Das daraus abgeleitete Behandlungskonzept sah sogenannte Bindungs-Trennungstrainings vor, bei denen die Kinder – darunter auch schon Babys – zum Teil über mehrere Stunden ihre Eltern nicht sehen sollten. Wenn die Kinder weinten oder sich kratzten und selbst verletzen, sollten die Eltern darauf in bestimmten Situationen trotzdem nicht reagieren, sondern sich abweisend zeigen.

Der Dokumentarfilm “Elternschule” deutet solche Maßnahmen positiv als “liebevoll-konsequente Erziehung”, Kritiker sahen dagegen das Kindeswohl gefährdet und erstatteten Anzeige. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen wurden jedoch wieder eingestellt, die Klinik sah sich in ihrem Behandlungskonzept bestätigt.

Als der Film im Frühjahr 2020 für den Grimmepreis nominiert wurde, kochte die Debatte um das Gelsenkirchener Konzept wieder hoch. Zunehmend meldeten sich frühere Patienten zu Wort – mit teils haarsträubenden Schilderungen. So berichtete eine Mutter im Gespräch mit dem SPIEGEL, sie habe ihre sechsmonatige Tochter während des Klinikaufenthalts in die sogenannte Mäuseburg bringen sollen, einen Aufenthaltsraum.

Dort habe sie das Kind ohne Decke auf den kalten PVC-Boden legen sollen: “Es gab dort nur weinende und verzweifelte Kinder und mein Baby lag mittendrin.” Dann sei sie aufgefordert worden, “zügig und ohne mich umzudrehen die Mäuseburg zu verlassen”. Als sie ihre Tochter einmal aus dem Raum abgeholt habe, war das Mädchen demnach “zu einem anderen Baby hingerobbt und lutschte an dessen vereitertem Ohr rum”.

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