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Esther Bejarano überlebte Auschwitz: Wir würden in ein paar Stunden evakuiert, hieß es

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Auschwitz-Überlebende über den Sommer 1945



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Ich sehe dieses Bild immer vor mir: wie wir gelaufen sind

Ich dachte, meine Schwester Ruth sei erschossen worden, das wäre noch ein guter Tod gewesen. Aber das war nicht so. Sie war noch vor mir in Auschwitz.




Esther Bejarano


Esther Bejarano


Foto:

Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL








Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Esther Bejarano wurde 1924 als Esther Loewy in Saarlouis geboren. Ihr Vater war Lehrer und Kantor. Im Ersten Weltkrieg war ihm das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen worden, er verstand sich als Jude und als deutscher Patriot: Auch nach der Eingliederung des Saarlandes ins Deutsche Reich 1935 hielt er den Judenhass der Nazis für ein Phänomen, das vorübergehen würde. Während zwei ihrer drei Geschwister emigrierten, blieb Esther Bejarano bei ihren Eltern in Deutschland. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Weil sie musikalisch war, wurde sie für das “Mädchenorchester von Auschwitz” als Akkordeonspielerin verpflichtet. Das Orchester musste beispielsweise spielen, wenn die Arbeitskolonnen am Morgen das Lager verließen. Weil die Nationalsozialisten sie als “Viertelarierin” einstuften, wurde sie im November 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück verlegt. Nach dem Krieg lebte sie zunächst in Israel, 1960 zog sie mit ihrer Familie nach Hamburg. Sie engagiert sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA) und im Internationalen Auschwitz-Komitee..Esther Bejarano hat mehrere autobiografische Romane geschrieben.

Am 3. Mai bin ich befreit worden. An diesem Tag fühlte ich mich zum ersten Mal, seit wir vom Todesmarsch geflüchtet waren, sicher. Sieben Mädchen waren wir, wir haben uns im Wald versteckt. Wir sind erst auf russische Soldaten getroffen und dann auf amerikanische Tanks. Die haben uns aufgenommen, nachdem wir ihnen unsere Nummern auf dem linken Arm gezeigt haben. Sie haben uns nach Lübz gebracht. Da kam dann die Rote Armee einmarschiert. Das war meine Befreiung, eine unwahrscheinlich tolle Befreiung. Die amerikanischen und russischen Soldaten haben sich umarmt und gerufen: Hitler ist tot.




In den Achtzigerjahren ließ sich Esther Bejarano die Auschwitz-Tätowierung vom Arm entfernen


In den Achtzigerjahren ließ sich Esther Bejarano die Auschwitz-Tätowierung vom Arm entfernen


Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Ich bin dann mit Miriam Edel zusammen nach Frankfurt getrampt. Natürlich war das kein Trampen im heutigen Sinne. Wir sind viel zu Fuß gelaufen. Von Bergen-Belsen, wo ich von der Ermordung meiner Eltern erfuhr, zunächst nach Frankfurt. Dort gab es eine Auskunftsstelle der amerikanischen Armee, wo man sich nach Vermissten erkundigen konnte. Das waren die American Headquarters. Mein Bruder war ja in Amerika Soldat geworden. Ich wollte wissen, wie ich mit ihm in Kontakt kommen kann. Er hatte in Italien gegen die Nazis gekämpft, war aber zurückgeflogen worden nach Amerika, weil er irgendetwas hatte, ich glaube an der Schilddrüse. Die Amerikaner gaben mir die Feldadresse meines Bruders. So bin ich wieder in Kontakt mit ihm gekommen.

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