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FC Everton vor Derby gegen FC Liverpool: Zwei Ex-Bayern beim Team der “verlorenen Jungs”




Offensivspieler James Rodríguez, Trainer Ancelotti: Erste Eindrücke sind gut


Offensivspieler James Rodríguez, Trainer Ancelotti: Erste Eindrücke sind gut


Foto: JAN KRUGER / AFP

Fußball ist eine einfache Angelegenheit – findet zumindest Carlo Ancelotti. “Das Spielfeld ist immer das gleiche, der Gegner ist immer zu elft, der Ball ist der gleiche, das Tor bewegt sich nicht. Es ist nicht so kompliziert”, sagte der italienische Trainer vor der Länderspiel-Pause.

Da hatte der seit Dezember von ihm betreute FC Everton gerade auch das vierte von vier Saisonspielen gewonnen (4:2 gegen Brighton & Hove Albion) und sich als überraschender Tabellenführer der Premier League behauptet.

Die lockere Sichtweise auf den Fußball tut dem Verein gut. Die Toffees, wie der Stadtrivale des FC Liverpool genannt wird, sind einer der erfolgreichsten Klubs des englischen Fußballs mit neun Meisterschaften. Die letzte davon liegt allerdings schon mehr als 30 Jahre zurück.

Viel Geld, wechselnde Trainer

Die jüngere Vergangenheit war geprägt vom verzweifelten Versuch, mit viel Geld und ständig wechselnden Trainern den Anschluss an die Spitze zu schaffen. Seit dem Abschied von David Moyes zu Manchester United 2013 war ein fünfter Platz Evertons größter Erfolg. Zuletzt wurde die Mannschaft Zwölfter. 



Everton-Spieler beim Jubeln

Everton-Spieler beim Jubeln


Foto: Alex Livesey / Getty Images

Der Start in die neue Saison macht allerdings Mut. Nicht unbedingt wegen der Tabellenführung. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass Everton um die Meisterschaft mitspielt. Für eine verlässliche Standortbestimmung waren die bisherigen Gegner zu schwach. Das Merseyside-Derby gegen Meister Liverpool an diesem Samstag (13.30 Uhr, SPIEGEL-Liveticker) ist die erste echte Prüfung.

Die Zuversicht speist sich eher daraus, dass Ancelotti die Mannschaft gut verstärkt und ein passendes System gefunden hat. 

“Die verlorenen Jungs des internationalen Fußballs”

Der prominenteste Zugang ist James Rodríguez, der unter dem Trainer bei Real Madrid und dem FC Bayern seine beste Zeit erlebt hatte. Für den Torschützenkönig der WM 2014 ist der ablösefreie Wechsel zu den international unterklassigen Toffees die Chance, seine stagnierende Karriere wieder in Schwung zu bringen.



James jubelt über seinen Treffer gegen Brighton & Hove Albion

James jubelt über seinen Treffer gegen Brighton & Hove Albion


Foto: Jan Kruger / Getty Images

Die ersten Eindrücke sind gut. Als Spielmacher auf dem rechten Flügel trägt er maßgeblich dazu bei, dass Evertons Offensive deutlich gefährlicher geworden ist. Während die englische Zeitung “Guardian” den 29 Jahre alten Kolumbianer als Paradebeispiel dafür anführt, dass der Klub immer wieder “die verlorenen Jungs des internationalen Fußballs”, Spieler wie Theo Walcott, Fabian Delph oder Alex Iwobi, verpflichtet, sagt Ancelotti: “Spieler mit großer Qualität haben kein Problem, sich anzupassen.”

Das Mittelfeld des Vereins aus dem Goodison Park ist dank der Zugänge Allan (kam von Ancelottis vorherigem Klub Neapel) und Abdoulaye Doucouré (von Absteiger Watford) deutlich kraftvoller als noch in der vergangenen Saison. Da war dieser Mannschaftsteil “so konkurrenzfähig wie ein Formel-1-Auto mit vier platten Reifen”, wie der “Telegraph” gerade schrieb.

Der richtigte “Hollywood-Trainer”

Mann der Stunde ist Angreifer Dominic Calvert-Lewin, den Ancelotti mit YouTube-Videos seines einstigen Milan-Stürmers Filippo Inzaghi gefüttert hat, und das mit Erfolg. Calvert-Lewin hat sich im Abschluss verbessert und führt die Torjägerliste der Premier League mit sechs Treffern an. Das 4-3-3, das Ancelotti in dieser Saison spielen lässt, scheint dem Team entgegen zu kommen.

Der 61 Jahre alte Trainer selbst ist der größte Name des neuen FC Everton, hat drei Champions-League-Siege vorzuweisen und konnte auch mit Megastars wie wie Zlatan Ibrahimovic oder Cristiano Ronaldo gut umgehen.

Der FC Liverpool entschied sich im Herbst 2015 gegen den Italiener und für Jürgen Klopp, beim FC Bayern scheiterte Ancelotti nach etwas mehr als einem Jahr, weil er die Führungsriege der Mannschaft gegen sich aufbrachte. Für Everton dagegen ist er genau der “Hollywood-Trainer”, wie ihn sich Klub-Besitzer Farhad Moshiri lange gewünscht hat.



Real-Madrid-Spieler feiern Ancelotti 2014 nach dem Sieg in der Champions League

Real-Madrid-Spieler feiern Ancelotti 2014 nach dem Sieg in der Champions League


Foto: Michael Regan / Getty Images

Keine voreilige Freude!

Auch die Fans sind begeistert, dass ihr stets belächelter Verein eine solche Berühmtheit für sich gewinnen konnte. “Carlo fantastico! Carlo magnifico!”, sangen sie, als in England noch Zuschauer ins Stadion durften.

In Everton sind solche Aufschwünge jedoch mit Vorsicht zu genießen. Fehlende Konstanz war in den vergangenen Jahren das große Problem des Klubs. Trainer, die gerade noch als Heilsbringer gefeiert wurden, wurden kurz danach aus dem Goodison Park gejagt.

Beispiele dafür sind Ronald Koeman oder Ancelottis unmittelbarer Vorgänger Marco Silva. Während die Offensive und das Mittelfeld zumindest für den Moment gut aufgestellt sind, muss die Abwehr um Yerry Mina und Michael Keane mit einem Fragezeichen versehen werden. 

Außerdem haben die Toffees eine handfeste Problem-Personalie: Der oftmals übermotivierte Torwart Jordan Pickford patzt derzeit in fast jedem Spiel. Viele Beobachter fühlen sich schon an den Karriereverlauf von Joe Hart erinnert, seinem Vorgänger in der englischen Nationalmannschaft, der zur Zeit in Tottenham nicht an Frankreichs Nummer eins Hugo Lloris vorbeikommt. Ancelotti hat für diese Saison den Schweden Robin Olsen von AS Rom ausgeliehen, um den Konkurrenzkampf im Everton-Tor zu beleben. Das Merseyside-Derby könnte Pickfords letzte Chance sein.

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