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Fußballer-Benefizaktion Common Goal: Freiwilliger Gehaltsverzicht




Konrad Laimer ist der Neuzugang bei Common Goal


Konrad Laimer ist der Neuzugang bei Common Goal


Foto: REUTERS/Matthias Rietschel

Der Fußballer Konrad Laimer hat gerade mehr Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern. Sein Knie macht seit Wochen Probleme, so dass er seinem Klub RB Leipzig beim Bundesliga-Start nicht zur Verfügung steht. Auf diese Weise hat der 23-Jährige Gelegenheit, sein Augenmerk auf ein Projekt zu richten, das den Horizont des Spitzenfußballs erweitert. Laimer ist neuestes Mitglied der “Common-Goal”-Initiative, bei der die Profis ein Prozent ihres Gehaltes spenden, um soziale Projekte zu unterstützen.

“Mir hat von Anfang an gefallen, dass ich hier darüber mitentscheiden kann, wohin mein Geld konkret fließt”, sagt er dem SPIEGEL. Common Goal – das ist die mittlerweile wohl bekannteste Benefizaktion im Fußball, international verknüpft mit dem sozialen Netzwerk Streetfootballworld, das weltweit Projekte fördert mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten: Kinderarmut, Integration, HIV-Vorsorge, Kampf gegen Landminen. Laimer ist dabei, um ein Jugendprojekt in Leipzig anzuschieben.

“Der Fußball hat ein unglaubliches Potenzial, sozial zu wirken – und das ist in der Branche noch viel zu wenig verankert”, sagt Thomas Preiss, der die Common-Goal-Aktivitäten in Deutschland koordiniert. Prominente Namen gibt es inzwischen einige, die als Multiplikator wirken sollen: Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann, Pernille Harder, Serge Gnabry, Mats Hummels, Megan Rapinoe – für Preiss und seine Mitstreiter ist das dennoch erst der Anfang. Das ambitionierte Ziel: Common Goal “zum Standard zu machen”.

Mit dem Bundespräsidenten auf Instagram

Davon ist man noch ziemlich weit entfernt, auch wenn die Öffentlichkeitsarbeit durchaus rege ist: Zuletzt unterhielt sich Bayern-Profi Gnabry via Instagram mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier persönlich über das Projekt, damit ist Common Goal schon relativ weit oben angekommen. Das Prinzip, Fußballer etwas Gutes tun zu lassen, ohne “dass es uns selbst letztlich an nichts fehlt”, wie Laimer sagt, soll als Schneeballsystem funktionieren.

Common Goal ist nicht gänzlich unumstritten, da fällt auch mal das Wort vom Ablasshandel. Das Engagement der mitmachenden Profis steht dabei allerdings außerhalb der Kritik – die entzündet sich eher an der Frage, wie grundsätzlich solch privates Engagement Ungerechtigkeiten in der Welt beheben kann. Und ob es nicht mehr an gesellschaftlichem Engagement bedarf, als Geld zu geben.

“Solche Projekte zeigen in jedem Fall schon, dass es auch ein paar Fußballer gibt, die das Herz auf dem rechten Fleck haben”, sagt Mathias Ginter dem SPIEGEL. Der Gladbacher Nationalspieler gehört zu den Profis, die gerne mal zu Themen gefragt werden, die über den Tellerrand hinausreichen.

Die Lücke zum normalen Leben

Ob sich die Branche durch Corona verändert zum Beispiel, dazu hat er in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit wiederholt seine Skepsis geäußert. “Es ist schon schade, dass es Corona braucht, um mehr über Solidarität zu reden”, sagt er: “Ich befürchte allerdings, dass der Wunsch nach Veränderungen mittel- und langfristig wenig Gehör finden wird”, hat er im April dem “Sportbuzzer” gesagt. Jetzt, wo der Betrieb wieder anläuft, hat er wenig Anlass, diese Aussage zurückzunehmen.

Die Corona-Zeit – sie hat Aktionen wie die Spendenmaßnahme von Leon Goretzka und Joshua Kimmich “We kick Corona” hervorgebracht, sie hat aber auch die Blase Spitzenfußball noch deutlicher hervortreten lassen, in dem der Spielbetrieb mit dem Ligabeginn am Wochenende weiter unter Ausschluss der (Fan)-Öffentlichkeit läuft. Sind Aktionen wie Common Goal ein Weg für den Fußball, die derzeit noch ein bisschen größere Lücke zum normalen Leben ein bisschen kleiner zu machen? Laimer sagt zurückhaltend: “Wir alle hatten miteinander eine schwere Zeit”, sein Engagement für Common Goal sei aber unabhängig von Corona entstanden.

“Jeder muss für sich entscheiden”

Eine “gesellschaftliche Verpflichtung des Profifußballs”, sich zu engagieren, weil es ihm wirtschaftlich so viel besser gehe als den meisten anderen, will Laimer nicht unbedingt erkennen, “jeder muss für sich entscheiden, ob und was er tut”. Auch dass er sein Geld bei RB Leipzig verdient, einem Klub, der mehr als Andere den Vorwurf der Kommerzialisierung auszuhalten hat, sei nicht der Impuls, im Benefizbereich tätig zu werden. Bei der Frage hält sich Laimer eher bedeckt: “Zu dem Thema kann jeder seine Meinung haben, mancher auch eine blödsinnige”, sagt er nur.

Gesellschaftliche Verantwortung von Spitzensportlern, das ist in diesen Monaten auf die Agenda geraten, und das liegt beileibe nicht nur an Corona. Die Black-Lives-Matters-Bewegung hat vor allem den US-Sport berührt, bis hin zum dem Punkt, an dem sich Stars von NBA und anderen Ligen weigerten, zu ihren Spielen anzutreten. Laimer sagt, dass er die Ereignisse in den USA “genau verfolge” und er Verständnis aufbringe für Fußballer, die sich auch in Europa mit Black Lives Matters solidarisieren. Er selbst hat an solchen symbolischen Aktionen nicht teilgenommen – auch hier: “Jeder soll das für sich beschließen.”

Das ist die Bandbreite, die sich auch bei denen abbildet, die bei Common Goal mitmachen: Megan Rapinoe, die sich in den USA offensiv zu Rassismus oder gegen US-Präsident Donald Trump positioniert, andere, die ihr Engagement eher im Stillen pflegen wie Konrad Laimer. Matthias Ginter bilanziert: “Solche Projekte sind im Fußball derzeit eben erst im Entstehen.”

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