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“Genshin Impact” im Test: Rollenspiel und Glücksspiel zugleich

Mit Einnahmen von angeblich über 100 Millionen Dollar ist “Genshin Impact” in den zwei Wochen seit Erscheinungsdatum ungemein erfolgreich gestartet. In den ersten Tagen haben Spieler und Spielerinnen allein die Mobile-Version über 17 Millionen Mal heruntergeladen. Nicht einberechnet sind die Versionen für PC und Playstation 4 – Nintendo Switch soll bald folgen. In Deutschland und vielen anderen Ländern weltweit steht das Spiel oben in den Download-Charts.

Das Game des chinesischen Studios miHoYo ist ein sogenanntes “Free2Play”-Spiel. Es lässt sich kostenlos herunterladen und finanziert sich darüber, dass die Spieler nach dem Download über einen längeren Zeitraum Geld in das Spiel investieren. Etwa in neue Charaktere, bessere Waffen oder Level-Aufstiege. Oft sind “Free2Play”-Spiele darauf ausgelegt, dass Spieler ab einem bestimmten Punkt merken, wie der Einsatz von Geld ihnen Vorteile verschafft.

Mit seiner Anime-Optik richtet sich “Genshin Impact” klar auch an jüngere Spielerinnen und Spieler. Die Entwickler verlangen, dass man 13 Jahre oder älter ist, um ihren Service zu nutzen.. Für Kinder und Jugendliche und suchtgefährdete Spieler können “Free2Play”-Modelle jedoch potenziell problematisch sein. Das bedeutet jedoch längst nicht, dass jedes “Free2Play”-Spiel tatsächlich ein Glücksspielrisiko darstellt. Das “Free2Play”-Modell ist eine veritable Möglichkeit, gerade Spielern mit weniger Geld Zugang zu Spielen zu verschaffen.

Schließlich gibt es inzwischen nicht wenige Videospiele, die zum Vollpreis verkauft werden, und für die man dennoch immer wieder Geld ausgeben soll. “Games as a Service” nennt sich das in der Branche verbreitete Modell. Problematisch werden diese “Free2Play”-Spiele aber dann, wenn sie psychologische Tricks anwenden, um die Spieler in das Spiel zu ziehen, ihnen aber gleichzeitig Wege versperren, die sich nur mit Geld öffnen lassen – oder bei denen Geld das Weiterspielen sehr viel bequemer oder attraktiver macht.

Wie “Zelda”, aber kostenlos?

“Genshin Impact” ist ein mehr als solides Spiel. Auch ohne den Einsatz von Geld bekommen die Spieler zunächst ein Rollenspiel in Anime-Optik, das stark an “The Legend of Zelda: Breath of the Wild” von Nintendo erinnert. Die Story mit ihren drolligen Gegnern und klischeehaften Charakteren ist nichts Besonderes, erfüllt aber ihren Zweck, einen roten Faden durch das Spiel zu ziehen.

Die Spielmechaniken funktionieren tadellos: Spieler kämpfen, klettern, schwimmen und gleiten durch das Spiel – und diese Mechaniken sind es auch, die “Zelda” direkt entnommen wurden. In der Open World gibt es viel zu entdecken und die Spieler können, bis auf einige Dungeons, die nur ab einem bestimmten “Abenteuer-Level” betreten werden können, die Umgebung frei erkunden.

Wo “Genshin Impact” problematisch werden kann

Geld macht das Studio mit sogenannten Gacha-Mechaniken. Diese ähneln den umstrittenen Lootbox-Bezahlmodellen und basieren auf Greifarm-Automaten, mit denen man Stofftiere gewinnen kann – oder eben nicht. Mit echtem Geld kaufen die Spieler sich Ingame-Währung, die sie im Spiel für das “Beten” ausgeben können. So nennt sich in “Genshin Impact” eine zufällige Ziehung, mit der sich mit Glück seltene Charaktere gewinnen lassen.

“Wenn ein Spiel dir Ingame-Währungen vorsetzt, wird da oft etwas verheimlicht”, sagt der Medienpädagoge Stephan Schölzel. So sei es für die Spieler schwer zu erkennen, wie viel sie eigentlich für einen Gegenstand oder ein Gacha-Ticket ausgegeben haben. “Ich empfehle daher, den Dreisatz anzuwenden, um herauszufinden, wie viel das Spiel für welche Items verlangt.” Ebenso sei es ratsam, Buch zu halten und jede Transaktion aufzuschreiben, um den Überblick nicht zu verlieren.

Mehrere Ingame-Währungen machen das Einkaufen unübersichtlich

“Genshin Impact” hat gleich mehrere Ingame-Währungen: Diese nennen sich zum Beispeil “Schöpfungskristall” oder “Urgestein”. Sie sorgen leicht dafür, dass man den Überblick verliert. Für 1,19 Euro bekommen Spieler etwa 60 “Schöpfungskristalle”, für 5,49 Euro aber 300 “Schöpfungskristalle” und jeden Tag 90 “Urgesteine”.

Das sind elaborierte Mechaniken, die die Spieler möglichst im Vagen halten sollen – denn so ist es umso interessanter, mal eben ein paar Euro auszugeben, um zu sehen, was passiert.

Eingeschränkter Fortschritt

“Am Anfang des Spiels fällt den Spielern sehr vieles zu – sie werden mit Levelaufstiegen und Erfahrungspunkten überhäuft. Aber das versiegt im Laufe des Spiels”, sagt Stephan Schölzel. So würden die meisten der “Free2Play”-Spiele funktionieren: Den Spielern einen einfachen Zugang geben und mit Belohnungen bei Laune zu halten, damit es dann umso mehr Anreiz gibt, Geld zu zahlen, wenn diese Belohnungen ausbleiben.

In einem Reddit-Thread tauschen sich etwa Spieler über genau dieses Problem aus und besprechen, mit welchen Strategien man auch im späteren Verlauf des Spiels noch genug Erfahrungspunkte sammeln kann.

Gewinnchance unbekannt

“Genshin Impact” gibt, so wie fast jedes Spiel mit Glücksspiel-Mechaniken, nicht bekannt, wie hoch die Chance ist, tatsächlich einen begehrten Gegenstand zu gewinnen.

“Ich habe von Schätzungen gelesen, nach denen die Drop-Rate eines sehr begehrten Schwertkriegers in “Genshin Impact” bei 0,6 Prozent liegt”, sagt Stephan Schölzel. Um so einen Charakter zu bekommen, müssen Spieler also sehr viel Glück haben. Oder viel Geld. Die Hersteller sind nicht gezwungen, diese Raten anzugeben, es fehlt Transparenz.

Zensur-Vorwürfe gegen die chinesischen Betreiber

Zuletzt wurden Vorwürfe laut, dass das Studio miHoYo bestimmte Begriffe im Ingame-Chat zensiere. Zwar ist “Genshin Impact” auf Einzelspieler ausgelegt, doch können Dungeons mit bis zu vier Spielern online gespielt werden. Wer dabei jedoch versucht, über “Hong Kong” oder “Taiwan” zu sprechen, wird laut Berichten von Spielern zensiert.

Zudem speichert das Unternehmen viele personenbezogene Daten, was jedoch nicht unüblich ist bei der Nutzung von Online-Videospielen. Die Server des Spiels stehen neben Japan und den USA auch in der EU stehen. Das dürfte Spielern die Möglichkeit geben nach der Datenschutzgrundverordnung vom Unternehmen die Löschung ihrer Daten zu verlangen.

Können die Spielmechaniken süchtig machen?

Christian Groß ist Sozial- und Suchttherapeut und beschäftigt sich speziell mit dem Thema Medienabhängigkeit. “Die derzeit stärksten Sucht-Mechaniken in Videospielen sind definitiv die Glücksspiel-Mechanismen”, sagt er. Lootboxen, “Pay2Win” oder eben auch Gacha-Spiele seien für bestimmte Spieler gefährlich.

34,4 Millionen Menschen spielen in Deutschland Videospiele, der größte Teil davon habe keinerlei Probleme mit diesen Spielen. “Aber es gibt suchtanfällig Persönlichkeiten”, sagt der Therapeut. Das seien etwa Menschen, für die Videospiele ein Erfolgserlebnis böte, mit dem sie Misserfolge im Alltag ausgleichen. “Unser Gehirn lernt durch Belohnung und Bestrafen. Habe ich eine schlechte Note in der Schule, gibt mir das ein negatives Gefühl. Wenn ich am Nachmittag dann aber eine Runde in “Fortnite” gewinne, geht es mir dann besser.”

Bei gefährdeten Personen kann sich diese Kompensation einbrennen: In einem schleichenden Prozess wird das Computerspiel zur einzigen Quelle für ein Erfolgsgefühl. “Wenn diese Menschen dann ein Spiel spielen, das nach einiger Zeit Erfolgsgefühle nur noch gegen Geld bringt, wird es sehr problematisch”, sagt Christian Groß. Er weiß, dass bei der Entwicklung solcher Bezahl-Mechaniken sehr oft Psychologen beteiligt sind. “Die wissen ganz genau, wie sie Verlockungen einbauen können.”

Es gebe jedoch Möglichkeiten, sich selbst zu überprüfen. “Man muss sich selbst Regeln geben und diese immer wieder überprüfen”. Wie viel Geld möchte ich maximal ausgeben? Wie viele Stunden spielen? Welche Dinge möchte ich diese Woche neben dem Spielen noch machen? Wenn eine kritische Überprüfung zeige, dass diese Regeln immer wieder gebrochen werden, sei es wichtig, das Spielen zu beenden. “Als Ersatz kann auch ein anderes Spiel dienen. Etwa eines, das nicht endlos gespielt werden kann, sondern ein in eine Story eingebundenes Ende hat”, sagt Groß.

“Free2Play” wird bleiben

Ein “free2Play”-Spiel muss nicht schlecht oder gefährlich sein. Vielmehr ist es ein Bezahlmodell, das bleiben wird. Sicherlich gibt es Vertreter, die räuberisch sind, nur darauf ausgelegt, die Spieler am Spielen zu hindern, indem sie etwa den Spielfluss verlangsamen oder notwendige Gegenstände hinter Bezahlschranken stecken. Doch sind diese Spiele oft nach einigen Monaten wieder vom Markt verschwunden, da sie nicht langfristig eine Community aufbauen können – die leben dann von sogenannten Walen, also einzelnen Spielern, die Unmengen an Geld ausgeben.

“Genshin Impact” geht einen Mittelweg. Es hat eindeutige Glücksspiel-Mechanismen, die gerade im späteren Verlauf des Spiels greifen und damit besonders die Spieler ansprechen, die das Spiel komplettieren wollen und täglich mehrere Stunden spielen. Doch bietet das Rollenspiel genug Substanz, um für jene problemlos spielbar zu sein, die eher gelegentlich spielen und auf der Suche nach Entspannung und Ablenkung sind.

Für diese Spieler bietet “Genshin Impact” ein unterhaltsames Spiel mit einer bunten Spielwelt und vielen Aufgaben – dazu noch kostenlos. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte zu Spielen wie “Zelda: Breath of the Wild” oder auch der “Tales Of”-Reihe greifen. Für die Spiele muss aber definitiv Geld ausgegeben werden – beim Kauf im Geschäft oder Online-Store.

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