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Halle: Vater des ermordeten Kevin erzählt von seinem Sohn und dem Tag des Attentats






“Sie haben das Video gesehen?”: Im Prozess nach dem Anschlag von Halle befragte die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens den Vater des getöteten 20-Jährigen


Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Es war am 9. Oktober 2019, als der Gerüstbauer Karsten Lissau von Wuppertal aus seit Stunden versuchte, seinen Sohn Kevin in Halle zu erreichen. Am heutigen Morgen sitzt Lissau, 44 Jahre alt, schmal und gramgebeugt als Zeuge im größten Saal des Magdeburger Landgerichts. Wann immer von diesem Prozess die Rede ist, heißt es zumeist, es gehe dabei um den Anschlag auf die Synagoge von Halle, aber gemordet hat der Täter auch andernorts. Lissau fällt es erkennbar schwer, auszusagen. Man sieht seine Schultern beben, unter dem Zeugentisch wippt er mit den Füßen, als wollte er aufstehen und davonlaufen. Er macht das hier für seinen Sohn.

“Um dreiviertel zwölf hatten wir noch telefoniert, weil Kevin in den Dönerladen wollte”, erinnert sich Lissau. Die Mutter seines Sohnes habe nein gesagt, weil Kevin ein wenig übergewichtig gewesen sei, er habe es ihm erlaubt. Kevin wurde 20 Jahre alt, zum Gedenken an ihn trägt der Vater an diesem Tag ein Halstuch mit dem rot-weißen Emblem des Halleschen FC. Oft waren Vater und Sohn gemeinsam im Fußballstadion gewesen. Bestimmt 20, 30 Mal habe er an jenem Tag versucht, Kevin anzurufen, bevor er über Facebook eine Vermisstenanzeige machte, sagt Lissau. Dann habe ihm ein Bekannter das Video geschickt. 

Es ist der zwölfte Verhandlungstag, auf der Anklagebank, ein paar Armlängen von Kevins Vater entfernt, sitzt Stephan Balliet, heute 28 Jahre alt. Mit selbstgebauten Waffen und Sprengsätzen wollte der ehemalige Chemiestudent die Synagoge stürmen, um möglichst viele Juden zu töten. Die Tür zum Synagogengelände widerstand seiner Attacke, aus Frust erschoss er eine Passantin, die zufällig vorbeilief. Dann fuhr er weiter zum Kiez-Döner. Die Anklage lautet auf zweifachen Mord und 68-fachen Mordversuch, Holocaustleugnung, Volksverhetzung, räuberische Erpressung und anderes mehr. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Naumburg tagt im Magdeburger Landgericht, aus Sicherheits- und Platzgründen.

“Da war er sehr stolz drauf”

“Erzählen Sie uns etwas von Ihrem Sohn”, bittet die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens Kevins Vater. “Er war körperlich und geistig behindert, aber er hat sich gut entwickelt”, sagt Karsten Lissau. Bei seiner Geburt habe Kevin einen epileptischen Anfall erlitten, es sei “kritisch” gewesen. Aber Kevin habe gekämpft, in Halle sei er acht Jahre lang auf die Förderschule gegangen: “Er hat sich jeden Tag auf die Schule gefreut”, sagt der Vater. Die Familie habe, was Kevin betraf, immer an einem Strang gezogen. Zwar lebten die Eltern getrennt, aber jedes Jahr seien sie zusammen in den Urlaub gefahren. “Geschafft hat es der Kevin dann allein.” 

Anfangs sei der Vater noch mit ihm zu Fußballspielen des HFC gefahren, dann habe sein Sohn dort Freunde im Fanclub gefunden. “Mit denen ist er im Bus mit zu den Auswärtsspielen gefahren”, erinnert sich Lissau. “Die haben ihn beschützt: “Wir hatten nie Angst, dass was mit ihm passiert.” Zuletzt erreichte Kevin, was anfangs niemand für möglich gehalten hätte: Er bekam ein Praktikum in einer Malerfirma und sogar eine richtige Anstellung als Maler: “Bis August ging er noch zur Schule, am 1. Oktober fing er dort an”, sagt der Vater. “Da war er sehr stolz drauf.” Am 9. Oktober verübte Balliet dann den tödlichen Anschlag.

Die Vorsitzende fragt Karsten Lissau: “Welche Pläne hatte Ihr Sohn?” – “Er wollte arbeiten, sich selbst finanzieren. Es hat ihn gestört, dass die Woche nur 40 Stunden hat”, sagt der Vater. “Er konnte sich seine Fußballkarten selbst kaufen”, darauf sei Kevin “megastolz” gewesen.

Und Stephan Balliet, der Attentäter? Dem Gericht hatte er erklärt, Juden und Muslime seien schuld, wenn weiße Männer wie er sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlten, keine Freundin fänden und keine Arbeit. Deshalb habe er, nachdem es ihm nicht gelungen sei, Juden zu töten, Muslime als “Sekundärziele” ins Auge gefasst. “Wie kam es dann dazu, dass Sie Kevin S. erschossen haben”, hatte die Vorsitzende wissen wollen. Antwort: “Der hatte schwarze Haare, ich hielt ihn für einen Nahöstler.” 

Während Kevins Vater spricht, schaut Balliet nur vorsichtig in seine Richtung, meist blickt er zu Boden. Sein eigenes Leben begann unter besten Voraussetzungen: ein intelligentes Kind, bürgerliches Elternhaus, Studium. Dann warf ihn nach eigener Darstellung eine Darmkrankheit aus der Bahn. Zum Zeitpunkt der Tat lebte er sozial isoliert in seinem ehemaligen Kinderzimmer und ließ sich von seiner Mutter aushalten. Er lehne es ab, etwas für die Gesellschaft zu tun, die ihn durch Muslime und Schwarze austauschen wolle, hatte Balliet in hochmütigem Ton die Vorsitzende beschieden.



Angeklagter Stephan Balliet

Angeklagter Stephan Balliet


Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Seine Lebensleistung, so muss man ihn wohl verstehen, ist die Tat, wegen der er nun vor Gericht sitzt. Die Welt sollte davon erfahren, deswegen nahm er sie mit einer Helmkamera auf und streamte das Video live im Internet. Am zweiten Verhandlungstag hatte es die Vorsitzende auf den Saalbildschirmen gezeigt: Aus der Ego-Shooter-Perspektive ist zu sehen, wie Balliet nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf die Synagoge mit seinem selbstgebauten Waffenarsenal in den Kiez-Döner stürmt. Man sieht Gäste fliehen, man sieht, wie Kevin S. sich hinter einen Getränkekühlschrank flüchtet, man hört ihn um sein Leben betteln und laut weinen. Und wie Balliet zu ihm sagt: “Fresse, Mann”, bevor er mehrmals abdrückt, aus nächster Nähe.

 “Sie haben das Video gesehen?”, fragt die Vorsitzende Kevins Vater. Lissau nickt, “Ein Freund sagte, ich schick dir mal was rüber”, bringt er noch hervor, “ich schau mir das an, ich sag: Das ist Kevin …” Dann kann der Vater nicht mehr weiter. Er weint. 

Richterin Mertens unterbricht die Verhandlung für eine Viertelstunde. Anschließend setzt sich Lissau noch einmal auf den Zeugenstuhl. Sein Anwalt Erkan Görgülü legt ihm beruhigend die Hand auf den Rücken. 

Wie es ihm und Kevins Mutter heute gehe, fragt die Vorsitzende den Vater. Beide Eltern seien in Behandlung, sagt Lissau. Mehrmals sei er stationär in der Psychiatrie gewesen, er sei suizidgefährdet: “Es ist ein Leben, das wir vorher nicht kannten.” 

Die Vorsitzende bedankt sich für Lissaus Aussage: “Es ist wichtig, dass wir auch etwas von Ihnen gehört haben.” 

Man wüsste nun gern, was der Angeklagte denkt. In seiner Aussage am ersten Tag des Verfahrens hatte er gesagt, der Tod der Passantin vor der Synagoge und des jungen Mannes im Döner-Imbiss seien “so nicht geplant gewesen”, ein Fehler, der ihm leidtue. Zwar gehe er davon aus, dass wer in einem Döner-Imbiss zu Mittag isst, anders als er “keine Probleme mit Muslimen” habe. “Aber ich wollte ja keine Weißen töten.” An den vergangenen Verhandlungstagen hatte Balliet wiederholt verächtlich gelächelt, wenn Überlebende aus der Synagoge von ihrem Trauma sprachen und gedankliche Verbindungen zu den Holocaust-Erfahrungen ihrer Familien zogen. An diesem Morgen sieht man ihn nicht lächeln. 

Nach der Aussage von Kevins Vater meldet sich ein Nebenklagevertreter zu Wort:  Er habe beobachtet, wie Balliet während der Aussage von Kevins Vater mit den Augen gerollt habe.

“Herr Balliet, haben Sie mit den Augen gerollt?”, fragt die Vorsitzende.

Balliet beugt sich zum Mikrofon und sagt: “Nein.”

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