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Hamburger SV in der Krise: Der Schrumpfklub

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Der erneute Nichtaufstieg des Hamburger SV stand seit knapp drei Stunden fest, da meldete sich der Klub noch einmal auf Twitter. Rick van Drongelen habe sich bei der desaströsen 1:5-Pleite gegen Sandhausen das Kreuzband gerissen. “Auch das noch”, schrieb der Verein um 20.01 Uhr. Zunächst ist es eine tragische Nachricht für den Sportler, auf den 21-jährigen Verteidiger wartet eine lange Pause.

Aber die Verletzung ist auch für den Tabellenvierten der Abschlusstabelle der zweiten Liga bitter. Nicht allein aus sportlicher Sicht. Van Drongelen ist einer der wenigen Profis im Hamburger Kader, der jung und entwicklungsfähig ist, der noch einen laufenden Vertrag hat, dessen Marktwert auf eine höhere Ablösesumme hindeutet, sollte es zum Verkauf des Spielers kommen. Und es wird sehr wahrscheinlich zu Transfereinnahmen kommen müssen.

So viele Fragezeichen der Hamburger SV mit seinem erneuten Scheitern in der zweiten Liga auch hinterlassen hat, vor allem stellt sich diese Frage: Wie kann sich der HSV ein drittes Jahr in der zweiten Liga überhaupt leisten? Und sich dieses Jahr so leisten, dass der Kader gut genug aufgestellt ist, um am Ende der nächsten Saison endlich die Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen?

Schon vor dem zweiten Zweitligajahr, im Sommer 2019, hatte sich diese Frage gestellt. Aber vor einem Jahr waren die Umstände andere. Im vergangenen Jahr hatte der HSV noch einen hohen Transferüberschuss erzielen können, allein der Verkauf von Linksverteidiger Douglas Santos spülte zwölf Millionen Euro in die Kasse.

Besonders mit diesen Einnahmen im Rücken konnte sich der HSV neu aufstellen, konnte einen erfahrenen Trainer wie Dieter Hecking unter Vertrag nehmen und in der Winterpause noch einmal mit drei Bundesliga-erprobten Leihspielern nachlegen. Der HSV ließ die Muskeln spielen.

Die Fans waren stets eine sichere Bank

Der zweite Trumpf des Klubs: seine Fans. Im ersten Zweitligajahr erreichte der Verein einen Zuschauerschnitt von 48.889. Damit ist das Ticketing ein gewichtiger Einnahmefaktor für den HSV, laut Geschäftsbericht des vergangenen Jahres kamen 26,5 Prozent des Gesamtumsatzes von 126 Millionen Euro durch den Spielbetrieb (Kartenverkauf) zustande. Auch deswegen und trotz geringerer Erlöse aus dem TV-Geschäft ging es ohne einen bemerkenswerten Umsatzrückgang im Vergleich zu Bundesligajahren in die zweite Zweitligasaison.

Und die Fans strömten weiter ins Volksparkstadion: Zu den zwölf Heimspielen bis Mitte März kamen im Schnitt 47.317 Zuschauer. So groß die Enttäuschungen meist auch waren, Misserfolg hat einem Teil des Geschäftsmodells der Hamburger nie geschadet – der Klub blieb ein Zuschauermagnet. Dazu muss man wissen, dass die Ticketpreise in Hamburg zu den höchsten der Liga gehören.

Es musste erst eine Pandemie kommen, damit die Ränge beim HSV leer blieben.

In einem SPIEGEL-Artikel von vor einem Jahr nannte der Finanzexperte Hans-Jürgen Beil das Wegbleiben der Fans als größte wirtschaftliche Gefahr für den Klub. “Wenn sich die Anzahl der Stadionbesucher halbieren würde, würde dem HSV sofort die Liquidität fehlen, um seine Rechnungen zu bezahlen”, sagte Beil. Nun steht die Stadionauslastung seit Wochen sogar bei null Prozent. Eine aktuelle Verlustwarnung von Erstligist Borussia Dortmund deutet bereits darauf hin, wie hart Klubs mit großen Stadien getroffen werden: 2,5 bis 3 Millionen Euro pro Heimspiel fehlen dem BVB. Selbst wenn es sich beim HSV nur um die Hälfte handeln würde, wäre das eine enorme Belastung. 

Die Ungewissheit, wie lange die Situation der Geisterspiele im Fußball andauert, stellt den HSV jedenfalls vor ein erhebliches Problem. Das stets volle Volksparkstadion wirkte wie ein Wettbewerbsvorteil, den der HSV in der zweiten Liga zwar nicht wirklich genutzt hat, doch solange es keinen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, könnte dieser sogar komplett wegfallen. Der Klub droht in der zweiten Liga nun endgültig zu schrumpfen, und nach der sportlichen Krise wird man in den kommenden Wochen vor allem über die wirtschaftliche sprechen.

Nächster Umbruch kommt – zehn Verträge laufen aus

Zumal die Frage offen ist, wie Geldgeber auf die erneute Misere reagieren. Das “Hamburger Abendblatt” hatte bereits Anfang April geschrieben, dass Hauptsponsor Emirates im Falle des Nichtaufstiegs aus seinem bis 2022 bestehenden Vertrag aussteigen könnte. Knapp zwei Millionen Euro pro Jahr soll die Zusammenarbeit mit der Fluglinie bringen. Doch auch sie muss nun sorgsam haushalten – ihr Geschäftsmodell ist im Zuge der Coronakrise praktisch zusammengebrochen. Auf die Nachfrage, ob Emirates beim HSV aussteigt, reagierte der Klub zunächst nicht.

Es bleibt Klaus-Michael Kühne, der in den vergangenen Jahren bereits mehrere Millionen in den Verein investiert hat. Zudem hält der Geldgeber die Namensrechte am Volksparkstadion, vier Millionen Euro pro Jahr zahlt Kühne dafür. Der Vertrag läuft noch bis Dienstag. Laut der “Zeit” ist offen, wie Kühne mit dem HSV plant.

Am Dienstag laufen zudem die Verträge von zehn Profis aus, darunter die der Leihspieler Martin Harnik, Joel Pohjanpalo oder Adrian Fein. Auch der Kontrakt mit Trainer Hecking hätte sich nur im Falle des Aufstiegs verlängert, ob es dennoch zu einer Fortsetzung mit dem Coach kommt, ist vorerst unklar.

Sollte der HSV einen Trainerwechsel vornehmen, wäre es der 13. auf der Chefcoachposition seit 2010. Dass die ständigen Wechsel nicht gerade zur Beruhigung des Klubs beigetragen haben, sollte inzwischen klar sein.

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