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Harald Hauswald, Ausstellung “Voll das Leben”: Bilder der DDR-Agonie


DDR-Fotografien von Harald Hauswald

30 Jahre nach dem Ende der DDR zeigt eine große Ausstellung in Berlin weitgehend unbekannte Aufnahmen aus dem Archiv des berühmten Wende-Fotografen Harald Hauswald: Chronist eines Niedergangs.




Fotografie von Harald Hauswald: Ein Liebespaar auf dem heutigen Schloßplatz, vor dem Außenministerium der DDR, 1984.


Fotografie von Harald Hauswald: Ein Liebespaar auf dem heutigen Schloßplatz, vor dem Außenministerium der DDR, 1984.


Foto: Harald Hauswald / OSTKREUZ / Bundesstiftung Aufarbeitung / C/O Berlin

Berlin-Kreuzberg, SO 61, Zossener Straße. Ein Eckcafé. Harald Hauswald holt sich erstmal einen schwarzen Kaffee und steckt sich eine Zigarette aus dem Bigpack an. Der 66-Jährige wirkt hier im Szenekiez wie aus der Zeit gefallen: Die schulterlangen grauen Haare zum Pferdeschwanz zusammengezurrt, der Vollbart wild und alles andere als trendgemäß dressiert. Dazu T-Shirt und Jeans. Seine Kleidung ist nur Kleidung, weder Statement noch Inszenierung. 

Hauswald wohnt schon seit Jahren in Kreuzberg, dem Viertel, das Ostberliner wie ihn schon vor dem Fall der Mauer magisch anzog. Wer zu DDR-Zeiten im Prenzlauer Berg wohnte, den führte nach der Maueröffnung meist auch der erste Westgang hierher, ins links-grün-alternative Milieu, nicht auf den bourgeoisen Kurfürstendamm. 

Am Prenzlauer Berg, im nördlichen Teil, hat Hauswald noch seinen Arbeitsraum mit Dunkelkammer und Kisten voller Negative, Kontaktabzüge, Prints auf Kunststoff und Baryt. So richtig mag Hauswald das einstige DDR-Aussteiger-Viertel nicht mehr. Da, wo viele Zugezogene wohnen, ist es ihm zu schick und glatt, die Ecken im noch etwas weniger gentrifizierten Norden empfindet er wiederum als zu leblos.

Aber Hauswald weiß, was er dem Prenzlauer Berg verdankt. Ohne das Viertel wäre er wohl nicht der geworden, der er heute ist: einer der wichtigsten noch lebenden Fotografen der DDR, geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz und den Bürgerpreis der deutschen Einheit, ausgestellt im In- und Ausland – und inzwischen auch auf dem internationalen Kunstmarkt gefragt.

In den Achtzigerjahren hat Hauswald sein Viertel regelrecht durchfotografiert. Es gibt kaum eine Ecke im Prenzlauer Berg, die er nicht auf Film gebannt hat. Es waren aber nicht nur Bilder aus der morbiden, künstlerisch-anarchischen Welt derer, die dem rechteckigen Plattenbau-Sozialismus entfliehen wollten. Hauswald richtete den Blick wie durch ein Vergrößerungsglas auf die Agonie, den Verfall der gesamten DDR.

Dabei sind Fotografie-Ikonen entstanden, die immer wieder gerne ausgestellt und publiziert werden, um die letzte Phase der DDR zu illustrieren: Hausmanns Foto des Aufmarschs am 1. Mai, der im Platzregen und Sturm jegliche sozialistische Ordnung verliert Oder das Möbelhaus, über dem die Leuchtreklame “Wohnkultur” thront: Die Leuchten brennen nicht mehr, der Putz blättert, aus den Fensterrahmen bröckelt der Kitt. Möbel gab es hier schon lange nicht mehr zu kaufen. “Es ist wohl das Foto, das die Stasi am meisten gehasst hat”, sagt Hauswald. 

Fast eine Viertelmillion Fotos, auf 7500 Filme gebannt, hat Hauswald in seinem Archiv, aufgenommen zwischen 1975 (ein Jahr, bevor die DDR den Liedermacher und Poeten Wolf Biermann ausbürgerte) bis 1995 (ein Jahr, nachdem die Treuhandanstalt die Abwicklung der VEB-Wirtschaft abgeschlossen hatte). Die meisten dieser Bilder, viele in Schwarzweiß, sind nie publiziert worden. Sie lagen über Jahrzehnte weitgehend ungeordnet in Hauswalds Kisten.

Seit drei Jahren werden sie nun gesichtet und katalogisiert, finanziert von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur. Insgesamt 6000 Bilder sollen in hoher Auflösung digitalisiert werden, Fotos, die auch Hauswalds Weg als Fotograf nachzeichnen, vom ersten, noch schüchternen Herantasten an die Straßenfotografie, bis zu den opulenten Farbstrecken im Magazin “Geo” anlässlich des 750. Jubiläums der Stadt Berlin. Die Auswahl hat die Fotografin Ute Mahler übernommen. Wie Hauswald selbst gehört sie zu den Gründern und Gründerinnen der Berliner Fotoagentur Ostkreuz.

250 Bilder aus dieser Selektion hat Mahler gemeinsam mit dem Kurator Felix Hoffmann und der Ostkreuz-Kollegin Laura Benz nun für eine Ausstellung in der Fotogalerie C/O Berlin ausgewählt, die am Wochenende eröffnet wurde. Es ist die erste Hauswald-Retrospektive, die zu wesentlichen Teilen aus unveröffentlichtem Archivmaterial besteht. “Seine Fotografien sind von unschätzbarem Wert und bilden visuelle Erinnerungen deutsch deutscher Geschichte”, sagt Hoffmann.





Foto: Harald Hauswald / OSTKREUZ / C/O Berlin

“Voll das Leben!” von Harald Hauswald

Es ist auch eine Art fotografischer Ritterschlag für den subversiven DDR-Lichtbildner, 30 Jahre nach der Einheit. Parallel zur Ausstellung erscheint im Steidl-Verlag ein aufwendiger und großformatiger Fotoband mit allen Exponaten. Titel von Schau und Buch: “Voll das Leben”.

Wer Bildband und Ausstellung betrachtet, könnte zu dem Schluss kommen, es gab nur den DDR-Fotografen Harald Hauswald. Aber auch nach dem Zusammenbruch der DDR hat Hauswald weiter fotografiert, zum Beispiel eine poetische Roadmovie-Serie über die Fahrt mit dem Orientexpress von Paris nach Istanbul –  komplett in Farbe und digital, oft nur mit dem iPhone aufgenommen.

Bereits zu DDR-Zeiten sehnte er sich nach anderen Themen. Im Sommer 1989 nutze er einen Verwandtenbesuch im Westen, um sich einen westdeutschen Pass zu besorgen und für ein paar Tage in die Türkei zu fliegen und dort zu fotografieren. Als er die Bilder zu Hause entwickelt hatte, erinnert sich Hauswald heute, “habe ich gedacht, gar nicht so schlecht! Auch als Fotograf brauche ich die DDR gar nicht”.    

Harald Hauswald: Voll das Leben – bis 23. Januar 2021 im C/O Berlin

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