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Heizpilze: Die Gastrononmie retten oder das Klima?




Heizstrahler sind in der Gastronomie umstritten


Heizstrahler sind in der Gastronomie umstritten


Foto: Daniel Karmann / dpa

Noch ein paar Tage Sommerverlängerung haben die Meteorologen versprochen, doch schon bald dürfte der Herbst spürbar werden – und die Betreiber von Restaurants vor ein großes Problem stellen. Denn bei vielen von ihnen florierten die Geschäfte im Sommer nur deswegen wieder, weil sich im Freien auch unter Corona-Bedingungen beruhigt essen und trinken ließ. Vor geschlossenen Räumen scheuen viele potentielle Gäste dagegen noch zurück.

Die Lösung für die Gastronomen könnten Heizstrahler sein, die auch bei niedrigen Temperaturen den Aufenthalt im Freien ermöglichen. Nur so könne man über den Winter kommen, meint jedenfalls der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. Mittlerweile hat sich auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf die Seite der Gastronomie geschlagen, und sogar der Grüne Anton Hofreiter hält eine Ausnahmeregelung für möglich.

Die Debatte spielt Pandemie- und Klimaschutz gegeneinander aus. Denn die Heizpilze machen die Terrasse nicht nur kuschelig warm, sondern stoßen auch eine Menge CO2 aus: Etwa 70 Gramm in der Stunde pro beheiztem Quadratmeter, so eine Studie des Umweltbundesamtes. Elektrisch betriebene Strahler kommen dabei kaum besser weg als solche mit Propangas.

In vielen Kommunen sind die Heizpilze deshalb verboten, teilweise unterscheiden sich die Regeln aber von Bezirk zu Bezirk. Die Stadt Lüdenscheid hat die Strahler in der vergangenen Woche wieder erlaubt, Umweltverbände üben Kritik. Und trotz der Forderung der Dehoga gehen auch innerhalb der Branche die Meinungen auseinander, wie der Besuch bei zwei Hamburger Gastronomen zeigt:

“Die Emissionswerte sind katastrophal”



Im Bistro am Abaton-Kino soll es erst einmal keine umweltschädlichen Heizpilze geben

Im Bistro am Abaton-Kino soll es erst einmal keine umweltschädlichen Heizpilze geben


Foto: Jana Hemmersmeier / DER SPIEGEL

Catrin Klemp betreibt seit 1999 das Bistro am Hamburger Abaton-Kino, gemeinsam mit ihrem Mann Eckhard Klemp.

Ich möchte keine Gasheizpilze aufstellen. Die Emissionswerte sind katastrophal, der Verbrauch ist katastrophal – das ist der Umwelt nicht zuträglich. Ich finde, man kann erst einmal nach anderen Lösungen suchen.

Bisher sitzen die Leute noch draußen, auch wenn es kalt ist. Wir haben hier Abende gehabt bei zehn oder elf Grad, und die Terrasse war voll. Viele tun sich schwer, in die Restaurants reinzugehen. Darunter hat die Gastronomie extrem gelitten. Wenn es im Winter nicht die Möglichkeit gibt, etwas draußen anzubieten, dann wird es einigen Gastronomen wirklich an den Kragen gehen.

Deshalb finde ich es grundsätzlich gut, dass sich die Politik Gedanken macht, wie man die Arbeitsplätze erhalten kann. Aber ich finde, die Politiker hätten sich überlegen können, was wir ökologisch sinnvoll machen können. Zeit genug hatten sie in den vergangenen Monaten.

Jetzt geht es ums Überleben und es wäre falsch, die alten Heizstrahler weiter zu verbieten. Aber ich fände es gut, wenn umweltfreundlichere Modelle subventioniert würden.

Es gibt ja Alternativen wie Infrarotlampen. Die haben zwar etwas höhere Anschaffungskosten, aber einen sehr viel geringeren Verbrauch und sind letztendlich auch kostensparender. Die Lampen springen an, wenn jemand in die Nähe kommt und bestrahlen den Menschen dann gezielt. Der Nachteil ist natürlich, dass man Kabel legen muss, aber die Lampen sind wesentlich umweltfreundlicher als ein elektrischer Heizstrahler, weil sie nur punktuell Hitze abgeben. Wir werden wahrscheinlich zwei Infrarotstrahler kaufen und gucken, ob wir sie dann irgendwann anbringen.

“Weit weg von der Realität”



Der Garten wird für das Restaurant Brodersen in diesem Jahr auch im Winter wichtig

Der Garten wird für das Restaurant Brodersen in diesem Jahr auch im Winter wichtig


Foto: Jana Hemmersmeier / DER SPIEGEL

Ralf Uhlworm betreibt das Restaurant Brodersen in Hamburg-Rotherbaum. Es gehört seiner Familie seit acht Jahren, in diesem Jahr war eigentlich ein zweiter Standort am Hafen geplant.

“Im Restaurant müssen wir ja einen gewissen Abstand einhalten, dadurch werden die Plätze reduziert. Wenn wir jetzt draußen ein paar Heizstrahler hätten, würde das sehr helfen. Die Plätze auf der Terrasse bringen am Tag einen wichtigen Umsatz. Wir haben Glück, dass wir einen großen Garten haben, ein Teil ist auch das ganze Jahr geöffnet. Und in der Innenstadt sind ja Parkplätze weggenommen und Außenbereiche der Restaurants erweitert worden. Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre wirklich die Hälfte der Läden tot.

Viele Gäste wollen derzeit lieber draußen sitzen. Die Leute haben Angst, ins Restaurant zu gehen. Das ist einfach so, egal, wie hoch unsere Hygieneanforderungen sind. Am Anfang waren das eher ältere Leute, aber jetzt sind es auch jüngere. Wenn man die Heizpilze aufbaut, dann wird auch gesehen, dass die Gastronomie versucht, attraktiv für diese Menschen zu bleiben. Sonst haben wir nicht viele Möglichkeiten.

Es ist lächerlich, das mit Decken überbrücken zu wollen. Wenn man sich in den Garten setzt und eine gemütliche Decke mitnimmt, dann ist das schön. Aber kein Mensch nimmt sich eine Decke und isst zu Mittag oder zu Abend. Auch aus Klimaschutzgründen ist das Blödsinn. Diese paar Heizpilze werden unsere Umwelt sicherlich nicht großartig beeinflussen, es ist ja auch nur für zwei oder drei Monate. Dagegen ist es wirklich wichtig, Arbeitsplätze zu sichern. So viele Hotels und Gaststätten könnten ihre Türen schließen. Da hängt eine ganze Menge dran. Und wer wegen ein paar Heizpilzen so einen Aufstand macht, der lebt ganz schön weit weg von der Realität.”

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