Spiegel

Heizpilze sollen wieder erlaubt werden: Am Corona-Lagerfeuer – Kolumne







Foto: 

Mario Hommes / Eibner / imago images


Nach Raviolidose und Autokino taucht Corona-bedingt das nächste Artefakt aus ökologisch unbekümmerten Zeiten wieder auf: der Heizpilz. Viele Städte und Gemeinden denken darüber nach, ihr Verbot von Terrassenstrahlern für die Außengastronomie aufzuheben, solange drinnen im Schankraum die Aerosole drohen. Virenschutz schlägt Klimaschutz, selbst bei einigen Grünen: “Das Überleben der Gastronomen ist wichtiger als der Energieverbrauch”, sagt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Ähnlich sieht es sein Amtskollege Fritz Kuhn in Stuttgart. Von einer “speziellen Ausnahmesituation” spricht Grünenfraktionschef Anton Hofreiter.

Nun dürfte der symbolische Nutzen eines Heizpilzverbots fürs Weltklima ohnehin größer sein als seine tatsächliche Bedeutung. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, wie schnell der Pragmatismus über den Dogmatismus siegt, wenn die Lage ernst ist. Das Heizpilzcomeback steht sinnbildlich für die Kompromisse, die uns die Krise abnötigt. Und von “Extinction Rebellion” hat man zuletzt auch nicht mehr so viel gehört.

Ich muss auch gestehen, dass ich die Heizpilze vermisst habe. In ihrem rot glühenden Schein fanden jene oft recht interessanten Menschen zusammen, die zum Rauchen vor die Tür geschickt worden waren. Man stand also dicht an dicht um das Edelstahlfeuer herum, merkte, wie das Blut aus dem heißen Kopf in die kalten Füße floss, und fühlte sich wie in Paris, wo auf der “terrasse chauffée” jedes anständigen Bistros schon seit über hundert Jahren gegen den Winter angeheizt wird.

Früher wurde Propan abgefackelt. So gesehen sind Heizpilze effiziente Resteverwertung.

Aber ist es nicht doch irrsinnige Verschwendung, die Freiluft zu erwärmen?

Tatsächlich ist ein mit Propangasbefeuerter Heizpilz nicht gerade Energieeffizienzklasse A . Wenn man jedoch berücksichtigt, dass Propan eigentlich ein Abfallprodukt der Erdöl- und Erdgasförderung ist, das an der Förderanlage früher sehr häufig abgefackelt wurde, sieht die Sache anders aus. Danach sind die Heizstrahler kein Beispiel für ineffiziente Verschwendung, sondern geradezu für effiziente Resteverwertung.

Ein Satz, den ich von Befürwortern des Heizpilzverbots oft gehört habe, lautet: “Früher gab’s so was doch auch nicht.” Wer bei Kälte draußen sitzen wolle, solle sich gefälligst in eine der Decken hüllen, die viele Cafés inzwischen vorhalten.

Nun weiß ich nicht, inwieweit man eine Decke in Corona-Zeiten nach Gebrauch desinfizieren müsste, bevor sich der nächste Gast hineinwickelt. Die Forschungslage hierzu ist dünn. Allerdings wollte man im 18. Jahrhundert schon die nordamerikanische Urbevölkerung mittels virenverseuchter Decken ausrotten, man sollte also wohl besser vorsichtig sein.

Meine Hoffnung ist, dass sich klimapolitischer Aktionismus wie das Heizpilzverbot ohnehin erübrigt, wenn ab nächstem Jahr ein sinnvoller CO2-Preis für alle Brenn- und Heizstoffe fällig wird, also auch für Flaschen mit Flüssiggas. Das Biertrinken auf einer beheizten Außenterrasse wird dadurch wohl teurer. Doch bevor wegen der Pandemie unsere Lieblingsbar schließt und die Ausgehkultur in den Städten vernichtet wird, sollte es uns das Geld wert sein.

Icon: Der Spiegel