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Hildesheim – Bischof Heiner Wilmer: “Im Umgang mit dem Bösen finde ich keine Routine”

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch über christliche Tugenden zitieren Sie ausgerechnet den “Dirty Old Man” der US-Literatur, Charles Bukowski. Was kann ein katholischer Bischof von einem promiskuitiven Trinker lernen?

Heiner Wilmer: Mir geht es nicht um Bukowskis Sucht, sondern um seine Liebe zum Leben, die Lust am Neuen, den Mut, Abenteuer einzugehen, sich selbst und anderen zu trauen. Bukowski war alles andere als naiv, doch bei aller Skepsis hatte er einen Blick für den Horizont, eine Sehnsucht nach Weite und Größe. Er war ein reflektierter Mann, ein großartiger Denker, der den Kopf heben konnte, ohne arrogant zu werden. Er hat immer auch aufs Detail geschaut, auf das Kleine, das Sanfte, das Zerbrechliche.

SPIEGEL: Ein Gedichtband von Bukowski heißt “Was am meisten zählt, ist, wie gut man durchs Feuer geht”. Wie ein Mensch Herausforderungen angeht – ist das gottgegeben?

Wilmer: Wir machen alle unterschiedliche Krisenerfahrungen. Manche gehen durch ein Feuer, das die Hölle auf Erden ist. Doch nicht jeder reagiert gleich darauf. Die einen verzagen, werden mutlos und verbrennen. Einige nehmen sich das Leben. Dann gibt es Menschen, die eine unglaubliche innere Kraft entwickeln, eine Hoffnung, die unzerstörbar ist. Eine Hoffnung auf jemanden, der sie trägt, der sie rettet. Diese Hoffnung ist so stark, dass sie eine sehr hohe Frustrationstoleranz entwickeln. Die Bösewichter der Welt können ihnen alles nehmen – aber nicht die innere Freiheit und ihren Stolz.