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Hoher Preisdruck befördert System: Die Skandal-Industrie

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Hoher Preisdruck befördert System
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Die Skandal-Industrie



Mitte Juni wurde der Corona-Skandal bei Tönnies bekannt.
Foto: Bernd Thissen/dpa

Analyse Düsseldorf Der Corona-Ausbruch bei Tönnies ist kein Zufall. Immer wieder kommt es zu Skandalen in der Lebensmittelindustrie. Schnäppchenjäger fördern das System. Die Politik reagiert, aber meist verspätet.

BSE-Fleisch, Pferde-Lasagne, Glykolwein, Ehec-Gemüse, Wurst mit Listerien-Befall – all das wurde in Deutschland in den vergangenen Jahren schon aufgetischt. Mit dem Corona-Ausbruch in Fleischfabriken von Tönnies und anderen steht erneut die Lebensmittelindustrie im Zentrum eines Skandals. Dieses Mal sind Arbeiter und Bürger betroffen, die mit dem Coronvirus infiziert wurden. Bei früheren Eklats litten Verbraucher, die verseuchte Waren verzehrten. Warum ist es immer wieder dieselbe Branche? Lernt keiner aus den Vorfällen – weder Firmen noch Staat?

Doch. Die Vorschriften in der ­Eu­ropäischen Union wurden immer weiter verschärft. Gerade aus dem Skandal um BSE-verseuchtes Rindfleisch, der in den 90er Jahren Europa erschütterte, hat man gelernt. Damals traten erst in Großbritannien, später europaweit Hirnerkrankungen bei Rindern auf. Deren Fleisch kam schnell in den Verdacht, bei Menschen die lebensgefährliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslösen zu können. Erst reagierten die Staaten mit Importverboten für britisches Fleisch und dem Zwangs-Keulen von Herden. Später packte man das Übel an der Wurzel: Als Auslöser des Rinderwahns (BSE) identifizierte man verseuchtes Futter. Obwohl Rinder eigentlich Pflanzenfresser sind, hatten Landwirte Tiermehl, also gemahlene Schlachtabfälle, als Kraftfutter verfüttert. So gelangten die Prionen, die BSE auslösen, immer wieder in die Nahrungskette. Kuh an Kuh zu verfüttern – das ist eigentlich unvorstellbar, war damals aber erlaubt. Die Behörden reagierten, wenn auch reichlich spät: Seit 2001 ist europaweit das Verfüttern von Tiermehl verboten.

Doch alle Vorschriften nutzen nichts, wenn kriminelle Energie im Spiel ist. Auf das Konto von Kriminellen gehen ebenfalls Lebensmittelskandale. Beispiel Glykolwein: Der Fall erschütterte Europa in den 80er Jahren. Einige österreichische Winzer hatten damals ihren Wein aufgezuckert – nicht mit Zucker (was erlaubt ist), sondern mit Glykol (was verboten ist). Der sollte den Wein aromatischer und besser verkäuflich machen. Als der Skandal aufflog, brach der Absatz österreichischer Weine ein. Kein Wunder: Glykol ist ein Alkohol, eine Form davon wird als Frostschutz im Auto eingesetzt. Den will niemand im Weinglas haben.

Ein anderes Beispiel sind die Fipronil-Eier, die 2017 international Schlagzeilen machten. Findige Firmen hatten ihrem Reinigungsmittel für Hühnerställe Fipronil zugesetzt. Das Insektizid wirkt gegen die Rote Vogelmilbe, die Hühner befällt und ein großes Problem in der Geflügelhaltung ist. Entsprechend beliebt war das Reinigungsmittel bei einigen Haltern. Es ist aber in der Lebensmittelerzeugung verboten. Die Panscherei war damals zwar schon früh in den Niederlanden und Belgien bekannt geworden, doch bis die Nachricht deutsche Behörden vor Ort erreicht hatte, dauerte es. Auch deshalb wurde der Skandal so groß.

Andererseits stecken auch Behörden in einem Zwiespalt: Schlagen sie falschen Alarm, kann das unschuldige Betriebe die Existenz kosten. Als Deutschland 2011 von der Ehec-Epidemie heimgesucht wurde, bei der sich Tausende Menschen mit dem Bakterium infizierten, teilweise schwer nierenkrank wurden und auch starben, wurde intensiv nach der Quelle gesucht: Spanische Gurken und Tomaten gerieten in Verdacht, worauf die Nachfrage einbrach. Und dann waren die Schuldigen am Ende wohl verkeimte Sprossen aus Bockshornkleesamen, die man aus Ägypten importiert hatte. Spanische Hersteller forderten Wiedergutmachung für ihren erlittenen Millionenschaden.

Ohnehin ist die (sonst gute) internationale Arbeitsteilung für die Lebensmittelkontrolle ein Problem. Die Panscher, die 2013 Pferdefleisch unter Lasagne und Ravioli mischten, scheinen davon profitiert zu haben, dass die Ware mehrfach über die Grenzen ging: Aufziehen, schlachten, zerlegen, zubereiten – all das fand in Ländern von Rumänien über Zypern bis Frankreich statt und erleichterte die falsche Deklaration. Entsprechend international war die Bande, die später in Frankreich vor Gericht kam.

Ähnliches gilt für die Industrialisierung der Lebensmittel-Erzeugung: Sie führt dazu, dass Skandale stets richtig groß werden. Gab es früher Schlachter in jedem Dorf, dominieren heute große Schlachtfabriken. Einerseits ist die Industrialisierung gut, denn Großbetriebe können Hygieneregeln womöglich professioneller einhalten und sind leichter zu kontrollieren als eine Masse von Kleinbetrieben. Andererseits ist der Schaden, der bei Missbrauch entsteht, entsprechend hoch.

Das zeigt sich 2019 beim Skandal um Listerien-verseuchte Wurst der hessischen Firma Wilke. In Nordrhein-Westfalen hatte damals laut Behörden fast jeder Verbraucher Zugang zu der dann zurückgerufenen Wilke-Wurst. Das bedeutete auch, dass der Skandal fast alle treffen konnte. Listerien sind Keime, die weltweit vorkommen. Zum Problem werden sie, wenn sie wegen Hygiene-Mängel in Lebensmittel gelangen. Wenn ein Hersteller, weil er womöglich Kostendruck hat, bei der Hygiene spart und staatliche Kontrolleure das zu spät entdecken, sind die Folgen gewaltig.

Kostendruck herrscht auch bei den Schlachthöfen. Dies hat dazu geführt, dass Fleischkonzerne wie Tönnies auf Subunternehmer setzten, die Leiharbeiter aus Osteuropa holen, schlecht unterbringen und dann womöglich auch noch Corona-Regeln aus Profitgier missachteten. So wurden die Schlachthöfe zu Virenschleudern.

Die Gewerkschaft NGG kritisiert seit langem die Produktionsbedingungen bei Tönnies. Jetzt, wo Hunderte Arbeiter und Mitbürger mit dem womöglich zum Tode führenden Virus infiziert sind, reagiert die Politik endlich. Die Bundesregierung will Werkverträge in der Fleischindustrie grundsätzlich verbieten. Schlachten und Fleischverarbeitung sollen ab 2021 nur noch für Arbeitnehmer des eigenen Betriebes zulässig sein. Das soll die Verantwortung erhöhen. Zudem sollen die Bundesländer zu mehr Kontrollen in der Fleischindustrie verpflichtet werden.

 Aber auch der Verbraucher ist gefragt. Wer ein Kilo Hack für 1,99 Euro kauft, trägt das Seine zum Kostendruck bei. Lieber selten gutes als oft Billig-Fleisch – das können Verbraucher tun, um den nächsten Skandal zu verhindern.